Aktuelle Deutschland Nachrichten

Lawine stoppt leidenden Draisaitl vor NHL-Gipfel

0 9

Leon Draisaitl ist mit den Edmonton Oilers in den NHL-Playoffs so weit gekommen, wie noch nie. Doch im Halbfinale war gegen Colorado Endstation. Trotzdem lieferte Draisaitl denkwürdige Leistungen. Denn er spielte nur auf einem Bein.

Der Mount Everest gilt als der König der Berge. Wer ihn besteigen und ganz oben, in 8848 Metern ankommen will, muss unbändigen Willen haben, Qualen ertragen und über sich hinauswachsen können. Viele haben sich versucht. Haben viel investiert, Schmerzen weggesteckt, alles gegeben – und es trotzdem nicht geschafft.

Im Eishockey ist der Stanley Cup so etwas wie der Mount Everest. Mehr noch. Leon Draisaitl bezeichnete ihn vor wenigen Tagen sogar als „die am schwersten zu gewinnende Sport-Trophäe“ der Welt. Rund zwei Monate wird in Nordamerikas Eishockey-Eliteliga NHL in den Playoffs um diesen Titel gespielt. 16 Mannschaften haben Ambitionen, Träume, Hoffnungen – doch nur eine darf im Juni jubeln.

Abgekämpft, verschwitzt, frustriert

Die Edmonton Oilers mit Leon Draisaitl werden es in diesem Jahr nicht sein. Sie verloren am Montagabend (Ortszeit) das vierte Spiel der Halbfinalserie gegen die Colorado Avalanche daheim 5:6 nach Verlängerung. Es war die vierte und entscheidende Niederlage. Draisaitl sah anschließend auf der Pressekonferenz ein wenig aus wie jemand, der gerade im Himalaya war. Vollbart, abgekämpft, leicht verschwitzt und frustriert. Nur Frostbeulen hatte er keine.

Und der 26-jährige Kölner mag sich wie jemand vorgekommen sein, der vergeblich versucht hatte, den Mount Everest zu besteigen. Mal wieder. Allerdings war er diesmal zumindest so weit gekommen, wie noch nie bei den drei vorherigen Versuchen. Er hatte die Hälfte erreicht, zwei Playoff-Runden und acht Spiele mit Edmonton gewonnen. Das war immerhin besser, als bei der stets zeitgleich ausgetragenen Weltmeisterschaft zu spielen. Denn wer als NHL-Profi dort antritt, hat entweder die Playoffs verpasst oder ist früh ausgeschieden. Draisaitl kennt das zur Genüge. Irgendwann, so meinte er vor Playoff-Beginn, sei „so eine WM dann auch kein Spaß mehr.“

Sieg im „Battle of Alberta“ für Fans und Verein besonders

Vor allem der Sieg in nur fünf Partien gegen die Calgary Flames hatte große Bedeutung für Fans und Verein. Edmonton und Calgary sind die beiden größten Städte der kanadischen Provinz Alberta. Nur knapp drei Autostunden voneinander entfernt. Ihre Duelle werden zum „Battle of Alberta“ hochgejazzt. Wer sie live erlebt hat, weiß, dass der Begriff „Erzrivalen“ einst aufgrund dieser Konkurrenz entstanden sein muss. Erstmals seit 1991 standen sich Oilers und Flames wieder in der K.o.-Runde gegenüber – zum sechsten mal in sieben Aufeinandertreffen gewann Edmonton. Nach dem Aus gegen Colorado nutzten das einige Oilers-Anhänger zum Hinweis, dass „die Schlacht von Alberta“ für sie der wahre Stanley Cup sei.

Bereits gegen Calgary spielte Draisaitl mit einer Knöchelverletzung, die er sich in der ersten Runde gegen die Los Angeles Kings zugezogen hatte. Selbst wer es nicht wusste, bekam unweigerlich mit, dass mit seinem rechten Fuß etwas nicht in Ordnung war. Der Deutsche lief unrund, konnte sich nicht kräftig abdrücken und war weit von seinem Höchsttempo entfernt. Er spielte, wenn man so will, auf einem Bein. Aber er spielte trotzdem herausragend. In den fünf Partien kam der Stürmer auf 17 Punkte – so viele Zähler hatte in der Geschichte der NHL-Playoffs noch niemand in so wenigen Spielen einer Serie gesammelt. Und sämtliche Fragen nach seinem Knöchel lächelte Draisaitl einfach weg. „Alles in Ordnung.“

Verletzungen sind Berufsrisiko

So ist das in den NHL-Playoffs. Alle haben kleinere oder größere Wehwehchen, keiner ist mehr hundertprozentig gesund. Aber niemand würde das öffentlich zugeben. Verletzungen sind eine Art Berufsrisiko. Ein Kfz-Mechaniker quetscht sich beim Getriebewechsel auch schon mal die Finger. Und welcher Tischler hatte noch keine Splitter in den Händen?

Und in diesen Playoffs ist es auch so, wie am Mount Everest. Je weiter man kommt, desto schwerer wird es. „Jeder hat das selbe Ziel, denkt nur noch ans Eishockey. Man wirft sich in jeden Schuss – das ist noch extremer, als in den Runden zuvor“, sagt Dennis Seidenberg im Gespräch mit ntv.de. Er hat es in seiner Karriere auf 18-NHL-Halbfinalspiele gebracht – so viele wie kein anderer Deutscher. Und der Verteidiger war schon ganz oben auf dem Mount Everest, gewann 2011 mit den Boston Bruins den Stanley Cup.

Ehrgeiz lässt Schmerzen vergessen

Viermal stand Seidenberg in der Runde des letzten vier. „Man ist noch ehrgeiziger, will es unbedingt ins Finale schaffen“, betont er. Und eben deshalb lasse der Ehrgeiz die Schmerzen erträglicher werden. Diese Erfahrungen hat nun auch Draisaitl gemacht. Im zweiten Drittel wurde er am Montag von Colorados Darren Helm zwar fair gegen die Bande gecheckt, allerdings hatte dabei offenbar wieder sein lädierter Knöchel etwas abbekommen.

Draisaitl kniete kurz und skatete dann langsam mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Bank. Er krümmte sich vor Qualen, war aber kurze Zeit später trotzdem wieder auf dem Eis. „Ich kenne Leon seit langer Zeit. Er spielt mit viel Stolz, denn er ist verletzt. Aber sein Verstand und Wille, unbedingt erfolgreich zu sein, sind großartig mit anzusehen“, lobte Wayne Gretzky. Die Eishockey-Legende, die in den Achtzigern vier Stanley Cups mit Edmonton gewann, gehört zur Experten-Crew des TV-Senders „TNT“.

Und diese fünfköpfige Gruppe war sich einig, dass Draisaitl schon längst hätte aufgeben, die Schlittschuhe ausziehen und sich auf die Tribüne setzen können. Doch er dachte gar nicht daran. Dieses vierte Spiel war ein „must win game“, Edmonton musste es unbedingt gewinnen, um die Serie zu verlängern. Also lief, schoss und passte er, so gut es eben ging. Seine Bilanz: vier Vorlagen und reichlich Bewunderung in den sozialen Medien.

Als Journalisten nach dem Spiel wissen wollten, wie er imstande gewesen sei, trotz der Schmerzen so stark zu spielen, guckte Draisaitl, als verstünde er die Frage nicht. „Es gibt viele Spieler, die schmerzhafte Verletzungen haben.“ Dann gestikulierte er kurz mit den Händen und ergänzte: „Ich werde hier jetzt nicht über mich reden.“

„Schritt in die richtige Richtung“

In den kommenden Tagen wird herauskommen, wie schwer seine Verletzung war und wie lange Draisaitl pausieren muss. Er sei „natürlich stolz auf die Gruppe“, dass man es so weit geschafft habe, sagte Draisaitl. Oilers-Kapitän Connor McDavid, Edmonton’s anderer Alleskönner, sprach von „einem Schritt in die richtige Richtung.“ Dennoch zeigten die Gesichtsausdrücke der beiden, dass diese klare Niederlage weh tut.

Dieses mal war der Mount Everest noch zu steil. Die Oilers sind, wie schon in den Runden zuvor die Nashville Predators und St. Louis Blues, an einer übermächtigen Mannschaft gescheitert. Sie wurden, und das kann beim steinigen Weg Richtung Gipfel schon mal vorkommen, regelrecht überrollt. Von einem Gegner, der so gefährlich war, wie sein Name: Avalanche – die Lawine aus Colorado.

Doch so wie sich im kommenden Jahr Mitte Mai wieder zahlreiche Bergsteiger im Basislager des Mount Everest einfinden, um ihn zu erklimmen, wollen auch die Oilers 2023 wieder angreifen. „Wir müssen sicherstellen, dass wir nächste Saison zurückkommen und verstehen, was zu tun ist, um den nächsten Schritt zu machen“, forderte Draisaitl. Er will höher hinaus. Dorthin, wo es noch unangenehmer wird. Wo nur die Allerbesten bestehen. Die Erfahrungen aus diesem Frühjahr könnten dafür durchaus nützlich sein.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie