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Krebskranke Semechin trotzt allen WM-Widrigkeiten

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Obwohl ihre Chemotherapie noch nicht abgeschlossen ist, startet Para-Schwimmerin Elena Semechin bei der WM auf Madeira. Dort geht es ihr um etwas viel Wichtigeres als den sportlichen Erfolg. Sie möchte zeigen, dass man Krebs im Griff haben kann.

Elena Semechin muss niemandem mehr etwas beweisen, schon gar nicht sich selbst – und erst recht nicht in ihrer aktuellen Situation. Schließlich springt die Paralympics-Siegerin mal eben zwischen zwei Zyklen ihrer Chemotherapie bei einer WM ins Wasser. „Egal, was dort herauskommt, ich bin schon die Siegerin“, sagt die sehbehinderte Schwimmerin im SID-Gespräch mit kraftvoller Stimme. Mit ihrem Start auf Madeira setzt die Kämpfernatur ein beeindruckendes Zeichen.

Noch nie ist Semechin unter solch außergewöhnlichen Umständen bei einem internationalen Großereignis angetreten – und noch nie war sie vorher so entspannt. „Mir ist klar, dass ich keine Weltrekorde schwimmen werde. Ich kann keine Glanzleistungen vollbringen“, sagt Semechin. Doch darum geht es ihr ohnehin nicht: „Ich möchte zeigen, dass ich nicht tot bin, dass man mit Krebs leben und ihn im Griff haben kann.“

Wenn die zweimalige Weltmeisterin am Montag für ihren Vorlauf über 100 Meter Brust in Portugal ins Wasser springt, hat sie schon so viel mehr erreicht, als sie vor einem halben Jahr für möglich gehalten hätte. „60 bis 70 Prozent“ ihres früheren Leistungsvermögens seien übrig, schätzt Semechin – kein Grund zu resignieren: „Seit der Diagnose genieße ich jeden Moment. Ich freue mich einfach auf das, was jetzt passiert.“

„Werder kämpfen wie in Tokio“

Aus gutem Grund: Im Oktober, wenige Wochen nach ihrem goldenen 100-Meter-Rennen in Tokio, erhielt Semechin, geborene Krawzow, die niederschmetternde Hirntumor-Diagnose, Anfang November folgte die komplizierte Operation. Nur vier Tage nach dem zweiten Teil ihrer Chemotherapie kehrte Semechin bei den deutschen Meisterschaften in ihrer Heimat Berlin zurück – und schwamm prompt aufs Podest.

Das beeindruckende Comeback war für die ambitionierte 28-Jährige nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Saisonhöhepunkt, bei dem der Deutsche Behindertensportverband (DBS) von Sonntag bis Samstag zwölf Athletinnen und Athleten an den Start schickt. Sich von den kräftezehrenden Bestrahlungen stoppen zu lassen, kommt Semechin, die gerade erst den vierten Chemo-Zyklus überstanden hat, gar nicht in den Sinn – obwohl der fünfte kurz nach der WM beginnt.

„Man muss verrückt sein, um das alles zu machen, obwohl der Körper vergiftet und am Ende seiner Kräfte ist“, sagt Semechin: „Aber ich kenne meinen Körper durch die vielen Jahre Leistungssport gut.“ Auch die vielen Tage, die sie kraftlos im Bett verbrachte, warfen sie nicht aus der Bahn. „Ich versuche, dem nicht so viel Aufmerksamkeit zu geben“, sagt sie.

Dennoch liegt eine gänzlich andere Vorbereitung hinter ihr als bei früheren Großereignissen. „Ich hatte damals eine ganz andere Einstellung und Disziplin, konnte härter arbeiten“, sagt Semechin: „Aber ich weiß genau, dass ich kämpfen werde wie in Tokio.“

Und danach? Der Hirntumor kann jederzeit zurückkehren – das weiß Semechin. „Ich versuche, Leistungssport zu betreiben, solange das mein Körper zulässt“, sagt sie: „Ich mag diesen Lifestyle einfach.“ Mit dieser Einstellung wird sie am 13. Juni auf Madeira ins Becken springen – und ein Zeichen für Selbstbestimmung setzen.

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