HomeSport„Ich habe mir einen riesigen Herzmuskel herangezüchtet“

„Ich habe mir einen riesigen Herzmuskel herangezüchtet“

In Tokio wurden sie im Sommer Olympiasieger. Wir sprechen mit den deutschen Goldmedaillengewinnern noch einmal über ihren Triumph, wie er sie verändert hat und was für ein Mensch hinter dem Sportler steckt. Nach Schwimmer Florian Wellbrock, Kanuslalom-Fahrerin Ricarda Funk, Ringerin Aline Rotter-Focken und Radrennfahrerin Lisa Brennauer folgt nun im fünften Teil der Kanute Ronald Rauhe.

Herr Rauhe, Sie kommen aus dem Urlaub. War er noch entspannter als sonst, jetzt, da Sie Ihre Karriere als Kanurennsportler beendet haben?
Urlaub war für mich immer schön, auch zu meiner sportlich aktiven Zeit. Aber dieses Mal war ich schon sehr viel unterwegs vor dem Urlaub. Insofern habe ich es natürlich genossen, viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Entspannung ist vielleicht trotzdem der falsche Begriff dafür. Das kann ich als Familienvater von zwei Jungs sagen.

Haben Sie ein bisschen Angst vor dem, was jetzt kommt? Ihr Leben wird ein anderes werden. Denn vermutlich haben Sie in den letzten zwei Jahrzehnten fast jeden Tag trainiert.
Klar, ich habe mich extrem viel damit beschäftigt. Aber Bammel habe ich nicht. Ich habe den Sprung vom Sport- zum Berufssoldaten geschafft. Das gibt mir und meiner Familie Sicherheit. Außerdem habe mich selbstständig gemacht, ich bin Geschäftsführer eines Unternehmens, das sich mit dem Thema Ernährung und Familie beschäftigt. Ich habe also viel zu tun, viel Stress. Aber vor allem positiven Stress.

Ronald Rauhe erhielt vor wenigen Wochen das Silberne Lorbeerblatt. 
© Britta Pedersen/dpa

Apropos Ernährung. Müssen Sie diese umstellen, damit Sie dem nicht mehr anfallenden Kalorienverbrauch zurechtkommen?
Mir kommt zugute, dass ich weniger Hunger habe, wenn ich weniger trainiere. Außerdem beschäftige ich mich schon lange mit Ernährung und koche auch selbst gerne. Das hilft schon einmal sehr. Aber klar, ich merke schon, dass ich mit dem Alter hier und da haushalten, sprich: ein bisschen weniger essen sollte.

Wie viel Sport müssen Sie treiben, damit der Übergang vom Leistungssportler zum Ex-Leistungssportler gesund verläuft?
Das ist ein schwieriges Thema für alle Leistungssportler, die ihre Karriere beendet haben. Ich habe mir durch mein tägliches Training einen riesigen Herzmuskel gewissermaßen herangezüchtet. Deswegen kann ich nicht von heute auf morgen mit dem Sport aufhören. Damit der Übergang gesund verläuft, sollte man ein Jahr 70 bis 80 Prozent des alten Trainingsumfangs leisten. In meinem Fall wären das drei Stunden. Im Moment schaffe ich das leider noch nicht.

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In Tokio haben Sie Ihr großes Ziel erreicht und noch einmal eine Goldmedaille gewonnen. Nach all den vielen Erfolgen: Wie sehr hallt die Freude über diesen Erfolg noch nach?
Sie hallt sogar extrem nach. So einen Zuspruch wie nach Tokio habe ich noch nie erfahren. Ich hatte auch das Gefühl, dass es gar nicht so sehr um die Goldmedaille ging, sondern schon um die Wertschätzung für meine gesamte Karriere und meinen Charakter als Sportler, der sich im Laufe dieser langen Zeit herausgebildet hat. Ich bin nicht eitel, aber natürlich freut mich so etwas.

Denken Sie, dass sich die Plackerei für Ihre letzten Olympischen Spiele in diesem Jahr gelohnt hat?
Durch die Verschiebung wegen der Pandemie war es für mich extrem. Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass eine Teilnahme der richtige Weg gewesen ist.

Der Kajak-Vierer mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke gewann in Tokio Gold.
© picture alliance/dpa

Was werden Sie am meisten an Ihrem alten Leben als Leistungssportler vermissen?
In noch jüngeren Jahren habe ich die vielen Reisen schon sehr genossen. Wettkämpfe in Florida oder Australien, das war toll. Und auch die Kameradschaft ist im Sport etwas Besonderes. Man muss den Mannschaftskollegen zu hundert Prozent vertrauen können, sonst klappt es nicht. Das Verhältnis untereinander ist intensiv, sehr menschlich. Ich weiß nicht, ob ich das so noch einmal in meinem Berufsleben erleben werde.

Und was werden Sie am wenigsten vermissen?
Seit ich Familienvater bin: das Reisen. Irgendwann hat sich das mit dem Fernweh bei mir gedreht. Weil ich mehr für meine Familie da sein wollte, hatte ich da nicht mehr so große Lust drauf. Und nicht zu vergessen: das Paddeln im Winter. Am schlimmsten war es, wenn es kurz vor Minustemperaturen war. Mit Regen obendrauf. Sich dann ins Boot zu setzen ist wirklich eine Tortur. Heute kann ich raus gucken, und wenn die Sonne mich anblinzelt, gehe ich vielleicht raus ins Boot.

Dem Sport keine Bedeutung mehr beigemessen.

Ronald Rauhe

Können Sie es noch genießen, sich einfach in ein Kanu zu setzen und loszupaddeln?
Es ist ja immer eine Frage des Vorsatzes. Wenn ich mit meinen Kindern auf dem Wasser bin, treiben mich keine Leistungsgedanken um. Ich kann dann ganz entspannt paddeln. Insofern: Nein, der Sport ist für mich nicht negativ besetzt.

Das deutsche Ergebnis bei Olympia war schlecht. Woran hapert es Ihrer Meinung nach?
Der Sport ist hierzulande in der Gesellschaft nicht mehr so verankert, wie er es früher einmal war. Besonders die Kinder müssen stärker gefördert werden. Sport vermittelt Werte wie Fairness und Solidarität. Er ist gesund. Aber jetzt erlebe ich, wie bei meinen Söhnen in der Coronakrise zuerst der Sport vom Stundenplan gestrichen wird. Das geht nicht. Ein weiteres Problem ist, dass die Trainer und Übungsleiter nicht entsprechend bezahlt werden. Das alles sind Parameter dafür, dass dem Sport keine Bedeutung beigemessen wird. Und das spiegelt sich dann auch im Medaillenspiegel wider.

Dabei sind Sie ein Beispiel dafür, dass man in Deutschland große Erfolge feiern kann.
Das stimmt. Aber es gibt immer weniger, die sich unter den jetzigen Voraussetzungen motivieren können, eine leistungssportliche Karriere einzuschlagen.

Würden Sie es unterstützen, wenn eines Ihrer Kinder ebenfalls Kanurennsportler werden wollte?
Meine Frau und ich unterstützen die Kinder in allem, worauf sie Lust haben. Wir wollen fördern, aber nicht fordern. Und wenn ihnen der Kanurennsport gefällt, spricht da natürlich nichts dagegen.

Und zum Abschluss vielleicht noch ein Tipp für die vielen Hobby-Kajakfahrer: Was sollten besonders Beginner beim Kajakfahren beachten?
Zunächst sollte das Boot dem individuellen Leistungsniveau entsprechen. Und beim Paddeln ist die richtige Paddeltechnik von Beginn an zu beachten, sonst macht man es immer falsch. Lange Armzüge und dementsprechend lange Wasserwege pro Armzug sind wichtig.

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