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Eine wundersame Idee des FC Schalke 04

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Der FC Schalke 04 beendet seine Trainersuche und setzt nach dem Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga auf Frank Kramer. Eine Überraschung, die in Fankreisen kritisch beäugt und diskutiert wird. Über die Hintergründe der Entscheidung wird viel spekuliert.

Der Schalker Sportvorstand Rouven Schröder hatte die Messlatte für den neuen Coach vor ein paar Wochen hoch gelegt: Der Nachfolger von Aufstiegsheld Mike Büskens, der sich nach seinem erfolgreichen Interims-Intermezzo wieder auf den Posten des Co-Trainers zurückzieht, müsse ein „richtig Guter“ sein. Nun kann man sagen: Das ist ein weißer Schimmel. Kein Verein wird einen Coach verpflichten, von dem er nicht überzeugt ist. Auch wenn man in Gelsenkirchen in der jüngeren Vergangenheit Gegenteiliges vermuten durfte. In Erinnerung ist etwa noch das gescheiterte Experiment mit Christian Gross. Nur eines von vielen. Beim FC Schalke 04 hatten sie aber nun eben offensiv ausgesprochen, dass es ein „richtig Guter“ werden muss und damit große Erwartungen erzeugt.

Diese wurden, das darf man als erstes Zwischenfazit der Diskussionen in Fan-Foren und den sozialen Medien festhalten, am Montag enttäuscht. Da sickerte in mehreren Medien durch, dass Frank Kramer der neue Trainer des Traditionsklubs aus Gelsenkirchen werden soll, an diesem Dienstagmittag wurde das dann offiziell von Vereinsseite bestätigt. Die Mannschaft des Wieder-Erstligisten wird von Kramer betreut, der vor wenigen Wochen, im Endspurt des Abstiegskampfs, bei Arminia Bielefeld entlassen worden war.

Und aus Ostwestfalen wird im Nachgang nicht mehr viel Gutes über den 50-Jährigen berichtet. Er habe taktische Schwächen gehabt und sich außerdem mit zahlreichen Leistungsträgern überworfen, unter anderem mit Torwart Stefan Ortega, der nach dem Abstieg der Arminia als Nummer eins bei den Schalkern im Gespräch war. Dinge, die ihm nun über verschiedene Medien hinterhergeworfen werden. Ob das alles stimmt? Im Fußball wird immer viel geredet, vor allem nach vorzeitigen Trennungen.

Angespannte Finanzlage auf Schalke

Auf Schalke sind diese Dinge aber nicht die dominierenden Themen. Viel mehr versucht man im Umfeld nun zu ergründen, warum die wochenlange Suche nach einem neuen Mann nun ausgerechnet mit Kramer geendet ist. Ein Mann für große Träume ist er nicht. Die sind in Gelsenkirchen indes auch nicht erlaubt. Die finanzielle Lage ist weiterhin extrem angespannt. Dass der überzeugende Abwehrchef Ko Itakura nach seiner Leihe nicht gehalten werden konnte, seine Kaufoption soll 5,5 Millionen Euro betragen haben, erdete alle wachsenden Ambitionen nach dem furiosen Finale der Wiederaufstiegsspielzeit.

Die wirtschaftliche Situation der „Knappen“ (was für ein heikles Wortspiel) dürfte auch den Kreis der Kandidaten an der Seitenlinie extrem verzwergt haben. Die „Bild“-Zeitung berichtet, dass Kramer weniger als eine Million Euro pro Jahr verdienen soll. Und damit weniger als sein Vor-Vorgänger Dimitrios Grammozis, dessen Vertrag sich durch den Aufstieg verlängert hatte – ohne dass er nun eine Beschäftigung im Verein hat. Zwei weitere Kriterien (laut „Bild“): Schröder und Kramer kennen und schätzen sich sehr aus der gemeinsamen Zeit bei der SpVgg Greuther Fürth. Dort erlebte der Coach seine erfolgreichste Zeit im Herrenfußball, die auch noch die Stationen Fortuna Düsseldorf und eben Bielefeld umfasst. Sonst verbrachte er viel Zeit im Nachwuchsbereich, unter anderem bei den Talentschmieden in Hoffenheim, Salzburg und des DFB.

Außerdem bringt Kramer offenbar keine Co-Trainer mit nach Gelsenkirchen, was auch schwierig geworden wäre, denn Büskens gilt als unangreifbar. Andere Kandidaten, schreibt die „WAZ“, hätten nicht mit dem bestehenden Trainer-Team um „Buyo“ zusammenarbeiten wollen.

Büskens wollte „definitiv nicht“ Cheftrainer sein

Büskens selbst hatte schon vor seinem erfolgreichen Intermezzo klargemacht, dass er eigentlich nicht in der ersten Reihe stehen möchte: „Ich wollte es nicht übernehmen, definitiv nicht“, verriet der Trainer, der einst als Spieler den UEFA-Cup mit dem FC Schalke gewonnen hatte und später immer wieder einsprang, wenn irgendwo mal wieder jemand gebraucht wurde. „Mehr als mein halbes Leben habe ich hier verbracht“, sagte Büskens. Und wenn man so mit dem Klub verbunden ist, „dann lassen dich die Dinge einfach nicht los, du kannst nicht mehr abschalten“. Nun wird er nach dem großen Triumph wieder wie abgesprochen zurück ins zweite Glied treten.

Während die Fans skeptisch sind, bleiben zwei Klubikonen entspannt. Coach Kramer habe bei Bielefeld trotz des Abstiegs und seiner Entlassung im Saisonendspurt „gute Arbeit gemacht“, sagte Rüdiger Abramczik. „Man muss aber abwarten, ob er der richtige Mann ist. Das weiß man erst, wenn die Saison angefangen hat.“ Kramer mache einen „guten, seriösen Eindruck. Aber wenn du drei Spiele hintereinander verlierst, kommt überall Stress auf“. Der ehemalige Mannschaftskapitän Dietmar Schacht sprach von einer „hohen Erwartungshaltung“ an Kramer. „Ich hoffe, er wird dieser gerecht.“ Rouven Schröder habe bislang gute Griffe getätigt, „ich hoffe, dieser ist auch wieder gut“, so Schacht. „Ganz wichtig“ sei es, Büskens weiter einzubinden, betonte der 59-Jährige.

Mit dem Geist der „Eurofighter“

Ungeachtet aller Kriterien: Der FC Schalke 04 geht mit Kramer ins Risiko. Er kennt den Klub nicht und kommt mit der Hypothek, zuletzt im Abstiegskampf gescheitert zu sein. In den könnte er indes auch in der nächsten Saison wieder verwickelt sein, der Klassenerhalt dürfte als vorrangiges Ziel ausgerufen werden.

Riskant ist der Plan aber auch, weil er so gar nicht zu dem passen will, was den Klub in den finalen Wochen des Aufstiegskampfs so extrem zusammengeschweißt hatte. Eine verbindende Emotionalität. Mit der Beförderung von Büskens hatte man sich nicht für die taktische Genialität oder die gigantische Innovation entschieden, sondern ganz schlicht für Herz, Mut, Treue und Leidenschaft. Beim FC Schalke waren sie in der vergangenen Runde auf einer spektakulär anwachsenden Euphoriewelle durchs Ziel gesurft. Mit dem Geist der „Eurofighter“, der immer noch verehrtesten Generation der Vereinsgeschichte, hat „Buyo“ – so sein Spitzname – die Mannschaft aus der darbenden Malocherstadt emotional wiederbelebt. Für Kramer ist das eine gewaltige Hypothek.

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