Aktuelle Deutschland Nachrichten

Dieser Fußball-Rekord soll schnell gefressen werden

0 4

Der Auftakt der Frauen-Bundesliga wird in Erinnerung bleiben. Nicht wegen spektakulärer Tore, denn es fällt kein einziges. Aber wegen der Kulisse. Noch nie sind so viele Zuschauer im Stadion. Das Team von Eintracht Frankfurt ist daher auch ohne Überraschungssieg glücklich. Der Hype macht Lust auf mehr.

Die Eintracht ist in Frankfurt allgegenwärtig. Sticker kleben an Laternenpfählen. Der Schal, im plötzlich aufgezogenen Herbst unter der offenen Jacke getragen, ist schwarz-weiß gestreift. Auch am Freitagnachmittag herrscht Eintracht-Stimmung in der Stadt. Dabei spielt der Bundesligist doch erst am Samstag – und dann auch noch in Stuttgart? Nun, es geht diesmal um die Eintracht-Frauen. Das Team eröffnet die neue Bundesliga-Saison mit dem Heimspiel gegen die Vize-Meisterinnen des FC Bayern München (0:0). Und der Klub hat nicht weniger als einen Rekord geplant.

Schon in der S-Bahn auf dem Weg zum Stadion wird kräftig spekuliert, wie hoch der Zuschauerrekord wohl ausfallen werde. Mehr als 20.000 Fans, vielleicht sogar 30.000, erhofft sich ein Fan, der das Trikot von Sebastian Rode, dem Kapitän der Männer-Mannschaft, trägt. „Die Frauen verdienen alles, was sie kriegen können“, sagt sein Gesprächspartner. Anders als sonst fahren sie nicht zum Stadion am Brentanobad, wo er in der vergangenen Saison bei jedem Spiel dabei gewesen sei. Vielmehr ist er begeistert, dass die Frauen nun die große Kulisse im Deutsche-Bank-Park genießen können.

„Das wird auch die Münchnerinnen beeindrucken“, hofft er. Diese hatten in der vergangenen Saison im Viertelfinale der Champions League gegen Paris St. Germain in der Allianz Arena gespielt. 13.000 Zuschauerinnen und Zuschauer waren im März nach Fröttmaning rausgekommen.

Der Zuschauerrekord für die Frauen-Bundesliga liegt bei 12.464 Zuschauern aus dem Jahr 2014. Damals spielte noch der Vorgängerklub 1. FFC Frankfurt gegen den VfL Wolfsburg. Seitdem sind nicht nur acht Jahre vergangen, sondern es liegt vor allem der Sommer mit der begeisternden Europameisterschaft in England dazwischen. Diese löste jüngst einen regelrechten Hype im Frauenfußball aus. Dieser soll nach Möglichkeit anhalten – und in die Bundesliga ausstrahlen. Highlight-Spiele, wie das im großen Stadion, sollen für neue Zuschauerrekorde und gute Stimmung sorgen.

„Einfach überwältigend“

Dieser Plan geht auf. „Ich hatte zwischenzeitlich Gänsehaut, das kommt bei mir nicht so oft vor“, sagt Eintracht-Torhüterin Stina Johannes nach dem Spiel – und das liegt nicht an den empfindlich niedrigen Temperaturen, die am Abend herrschen und ihrer relativen Langeweile, weil sie kaum gefordert ist. „Ich habe es wahnsinnig genossen und ich denke, so geht es allen Mädels.“ Kapitänin Tanja Pawollek lobte die „Riesenatmosphäre“, Sportdirektor Siegfried Dietrich schwärmte: „Die Zuschauer sind ein Traum. Es ist einfach überwältigend.“ Erst kurz vor Abpfiff lüftet der Stadionsprecher das Geheimnis der Zuschauerzahl. 23.200 sind es, darunter 200 bis 300 Bayern-Fans, nicht alle hatten zusammenhängende Plätze in einem kleinen gesonderten Fanblock.

In das Stadion am Brentanobad, wo die Eintracht-Frauen normalerweise spielen, passen 5650 Zuschauerinnen und Zuschauer. „Wir können stolz sein, auf das, was wir geschaffen haben“, so Dietrich. Nicht nur ein deutlicher Rekord, sondern vor allem ein wahnsinniger Unterschied zur Vorsaison, als ligaweit gerade einmal durchschnittlich 800 Menschen in die Stadien gekommen waren.

„War schon richtig, richtig gut“

Die 23.200 Zuschauer applaudieren zunächst höflich den EM-Spielerinnen beider Teams, die genauso geehrt werden, wie die Schiedsrichterin der Saison, Katrin Rafalski. Doch mit dem Anpfiff werden die Sympathien deutlich, vor allem die Tribünenseite, die bei den Männern von der aktiven Fanszene dominiert wird, übt sich im Stimmungmachen mit Hüpfen, singen, klatschen – und die Bayern bei längeren Ballbesitzphasen ausbuhen. Nach gerade einmal drei Minuten herrscht dort kurzzeitiges Entsetzen. Die Fußballerin des Jahres, Bayerns Lea Schüller, trifft nach einem Steckpass von Lina Magull, aber ihr sehenswerter Heber zählt nicht. Es gibt in der Frauen-Bundesliga keinen VAR, deswegen kann die von Rafalski gepfiffene Abseitsposition nicht überprüft werden – wohl Glück für die Eintracht.

Nur vier Minuten später steht erneut eine Münchnerin im Mittelpunkt, diesmal ist es die einzige Europameisterin der Liga, Bayerns Neuzugang Georgia Stanway. Sie räumt Sophia Kleinherne rustikal ab, kassiert dafür die erste Gelbe Karte der Saison. Weil sie sich auch in der Folge nicht wirklich zurücknimmt und weitere Fouls begeht, wird sie zur Halbzeit ausgewechselt, Stanway ist eindeutig rot-gefährdet.

Ein Spiel zu zehnt gegen die euphorisierten Frankfurterinnen kann der neue Bayern-Coach Alexander Straus nicht wollen. Denn während sein Team die Favoritinnen sind, haben die Frankfurterinnen sie gut im Griff. Die Gastgeberinnen haben schon in der ersten Halbzeit mehr Ballbesitz, vor allem nach der Pause dominieren sie dann die Partie – können aber keinen Profit daraus schlagen. Denn außer Schüllers zurückgepfiffenen Treffer zappelt der Ball nicht im Netz. In der 30. Minute ist Sjöke Nüsken noch am nächsten dran, doch sie verpasst aus kurzer Distanz, springt am Ball vorbei, den Lara Prasnikar nach einem Freistoß von Barbara Dunst mit der Hacke verlängert. Und so endet das Spiel zum Bundesliga-Auftakt 0:0.

„Zeit, es aufzusaugen“

Der gefühlte Sieg geht an die Frankfurterinnen. Für sie kommen so viele Menschen wie nie zuvor zu einem Spiel, sie haben die Favoritinnen unter Kontrolle. „Die zweite Halbzeit war schon richtig, richtig gut. Man geht selten in ein Spiel gegen Bayern München und erwartet, mehr Ballbesitz zu haben“, sagt eine zufriedene Laura Freigang. Die Offensivfrau, die bei der EM trotz wenig Einsatzzeit einen ganz eigenen Hype ausgelöst hatte, der im Hashtag #FreigangfürLaura endete, der ihre Einwechslung forderte, hadert nur etwas mit der Chancenausbeute ihres Teams. „Es wäre natürlich schön gewesen, wenn wir noch etwas näher ans Tor gekommen wären und eins gemacht hätten“, sagt sie. Um direkt anzufügen: „Aber ich will mich heute überhaupt nicht beschweren, über einen Punkt hätten wir uns vorher gefreut, den hätten wir mitgenommen. Das haben wir heute wirklich gut gemacht.“

Dass Freigang bis zu ihrer Auswechslung in der 73. Minute durchhält, zeigt laut ihres Trainers Niko Arnautis die „Mentalität und den Charakter der Truppe“. Die 22-Jährige fällt bei einem Zweikampf mit Stanway kurz vor der Pause auf die Schulter, muss behandelt werden und hat in der Folge sichtliche Schmerzen. Doch sie steht nach der Halbzeit noch immer auf dem Platz, habe ihr Okay gegeben, so Arnautis. „Das Spiel lief so gut, dass du da nicht unbedingt wechseln möchtest, die Mannschaft war total im Spiel.“ Freigang bestätigt nach dem Spiel, dass sie Schmerzen hat, aber bislang nicht weiß, ob und was kaputtgegangen sein könnte. Mit einem Eisbeutel an der schmerzenden Schulter kann sie nach ihrer Auswechslung dann immerhin die Kulisse von der Bank aus genießen. „Dann hatte ich Zeit, es aufzusaugen.“

Die Bayern genießen den Rekord-Start wohl eher nicht so sehr. Sie haben es im Anschluss sehr eilig, die Stadt schnell wieder zu verlassen. Nicht einmal für die Mixed Zone bleibt Zeit, das Team fährt schnellstmöglich zum Flughafen, der Flieger wartet nicht. Die Münchnerinnen haben das Stadion längst verlassen, da spazieren immer noch Frankfurter Fans auf dem Weg zurück zur S-Bahn, vorbei am Hexenhaus und dem Grill- und Bierstand am Bahnhof. Die Stimmung ist glückselig, viele waren zum ersten Mal bei einem Spiel der Frauen. Sie haben das wahr gemacht, was sich Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erhofft: „Ich wünsche mir in Deutschland, dass die Fans, die zu den Männern laufen, jetzt sagen, ‚Hey, ich unterstütze hier meinen Verein und dort supporte ich einfach alle.'“ In Frankfurt ist das zum Bundesliga-Auftakt aufgegangen. Weitere Vereine wollen mit Highlight-Spielen folgen.

Am kommenden Wochenende wird die TSG Hoffenheim die Meisterinnen aus Wolfsburg ebenfalls in ihrer großen Arena empfangen, am fünften Spieltag steht das Spitzenspiel zwischen Wolfsburg und Bayern an und auch die Double-Siegerinnen ziehen dafür ins große Wolfsburger Stadion. Freigang wird dann sicherlich gern zuschauen, falls sie nicht zeitgleich auf dem Platz steht: „Highlight-Spiele sind eine sehr gute Möglichkeit, den Fußball voranzubringen.“ Wer weiß, vielleicht sind die 30.000 Fans, die sich der Rode-Trikot-Träger für die Frauen wünscht, bald schon Realität.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie