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Die finale Show des genialen Fußball-Clowns

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Gareth Bale gehörte einst zu den spektakulärsten und meist umworbenen Fußballern der Welt. Doch während seiner Zeit bei Real Madrid wandelte er sich vom genialen Tempofußballer zum prominentesten Clown der Welt. Für sein Land Wales hat er immer geliefert – nun auch?

Wenn man es böse meint mit Gareth Bale, dann könnte man behaupten, dass die Karriere des walisischen Stars längst vorbei ist. Faktisch ist das aber falsch. Noch immer schnürt der 33-Jährige die Töppen. Auch bei der WM in Katar. In seiner Heimat hoffen sie auf einen letzten großen Dienst des pfeilschnellen Außenstürmers, der in Wales verehrt und international kritisch betrachtet wird. Unbestritten ist, dass Bale zu den besten Spielern gehört, die das kleine Land je hervorgebracht hat. Neben Manchester Uniteds Rekordspieler Ryan Giggs, dessen Legendenstatus durch schwere Missbrauchsvorwürfe tüchtig Schaden genommen hat, und Kult-Schnauzer Ian Rush.

Die Euphorie in Wales ist groß. Gigantisch gar. Erstmals seit 64 Jahren hat sich die Nationalmannschaft wieder für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Und die Lose meinen es gut mit den hungrigen „Red Dragons“. Die Gruppe in Katar ist nicht nur machbar, sondern auch sehr brisant. Zum einen, weil der alte Rivale, das große England dabei ist. Zum anderen, weil mit den USA (erster Gegner der Waliser am Abend, 20 Uhr im Liveticker bei ntv.de) und dem Iran zwei große Feinde der Weltpolitik aufeinandertreffen. Für Wales ist das nur Begleitmusik. Die Chancen auf das Achtelfinale sind groß – ob es für mehr reicht? Alles hängt an Bale. Er ist der Schlüsselspieler, der X-Faktor, das Fußball-Genie, das sich in den vergangenen Jahren immer mehr hinter einer Clowns-Maske, einmal sogar hinter einer Schlafmaske, versteckt hatte.

Für Wales ist Bale ein anderer Spieler

An Motivation für den Wüsten-Trip mangelt es dem einst teuersten Fußballer der Welt nicht. Er selbst war es ja, der sein Land nach Katar geschossen hatte. In den Playoffs erzielte er beim 2:1 gegen Österreich beide Treffer, ehe er im Quali-Finale den entscheidenden Freistoß in den ukrainischen Strafraum hämmerte. Was ohne diese gewinnbringenden Momente aus Bale geworden wäre? Womöglich wäre er längst Golfer, denn dieser Passion war er im Herbst seiner Karriere deutlich ausgiebiger gefolgt als seinem Beruf als Kicker.

Und so wurde aus dem Hochbegabten des Weltfußballs einer Provokateur, ein Clown. Wobei man differenzieren muss. Trug Bale das Trikot seiner Nationalmannschaft, gab er alles, war er verehrtes Vorbild, Legende. Streifte er die Klamotten (das Trikot trug er immer seltener) seines Arbeitgebers Real Madrid über, der ihn einst zum ersten 100-Millionen-Euro-Transfer gemacht hatte, mutierte er zur atmosphärischen Giftspritze. Im Winter 2020 machte er auf groteske Art und Weise klar, wie sehr er mit dem Verein, bei dem er sportlich immer weniger relevant war, abgeschlossen hatte. „Wales. Golf. Madrid. In dieser Reihenfolge“, stand auf einer Wales-Fahne, die er nach dem Spiel in der EM-Qualifikation gegen Ungarn zum eigenen Vergnügen und der Belustigung der Mitspieler trug.

„Beschämendes Verhalten“ bei Real Madrid

„Wales. Golf. Madrid. In dieser Reihenfolge.“

(Foto: imago images/Action Plus)

Besonders lustig fand sich Bale auch ein paar Monate später, als er Real Madrid endgültig verhöhnte. Bei einem Spiel zog sich der Waliser auf der Tribüne (dort saßen die Spieler aufgrund der Pandemiebeschränkungen in den Geisterspielen) minutenlang die Schutzmaske für Mund und Nase über seine Augen, stellte sich dabei schlafend und machte es sich auf seinem bequemen Reservistenstuhl gemütlich. Ein „beschämendes Verhalten“, titelte die Zeitung „Marca“ kurz und knapp. Ein paar Tage später folgte die nächste Eskalation: Anstatt die Partie wie seine Teamkollegen interessiert zu verfolgen, hielt er sich die Hände und eine Klopapierrolle zum Fernglas geformt vor sein Gesicht und machte wieder sein eigenes Ding. Real und Bale – das war eine peinliche Nummer geworden.

In diesen Momenten hatte man glatt vergessen, wie viel Legende der Waliser bei den Königlichen war. Zwar immer im Schatten von Superstar Cristiano Ronaldo, der auf der Zielgeraden seiner großartigen Karriere mit einer gnadenlosen Abrechnung per Interview alles einreißt, was er sich in zwei Jahrzehnten aufgebaut hatte. Doch als „Wingman“ des Portugiesen war Bale immer da, wenn es wichtig wurde. In der Debütsaison 2013/14 gewann er den „Königlichen“ die Copa del Rey als er das Siegtor gegen den verhassten Rivalen FC Barcelona erzielte. Auch am Champions-League-Triumph in der gleichen Saison hatte er seinen Anteil, in der 110. Minute stellte er gegen den Stadtrivalen Atlético auf 2:1 (4:1 am Ende). Noch größer war sein Einfluss auf den Titel in der Königsklasse im Jahr 2018. In bester Erinnerung ist sein spektakulärer Fallrückzieher auf 13 Metern gegen den FC Liverpool mit dem angeschlagenen Torwart Loris Karius. 26 Titel hat Bale mit Madrid gewonnen, mehr als Zinedine Zidane, der die zentrale Figur für den Bruch zwischen Spieler und Verein war.

Alle Hoffnungen auf Gareth Bale

Im Sommer 2019 legte der Franzose dem Waliser einen Wechsel nah, dazu kam es nicht. Und Bale wurde kaum noch berücksichtigt. Die kurze, glorreiche BBC-Ära – so wurde die Offensive mit Karim Benzema (B), Bale (B) und Cristiano (C) Ronaldo gefeiert – war längst vergessen. Seine Zeit unter Zidane war ein Auf und Ab. Daran änderte auch die sensationelle Quote in der Spielzeit 2018/19 nichts, in der er in 23 Ligaspielen 19 Tore erzielte und 11 vorbereitete. Die Saison, in der Bale kaum noch berücksichtigt wurde, war jene, in der er zum Clown mutierte.

Sein fußballerisches Lebenselixier blieb Wales. Und der WM-Traum. Form holte er sich in der Spielzeit 2021/22 per Leihe bei Ex-Klub Tottenham Hotspur, wo er zur großen Faszination im europäischen Fußball geworden war. Sein Comeback war ein gutes, flankiert von seinen Top-Leistungen für Wales. Die Leihe endete und Bale musste zurück nach Madrid. Dreimal stand er in der Startformation, dann verletzt er sich – spielte kaum noch und ging in die Major League Soccer. Ein Abenteuer? Eher nicht. Bale suchte einen Ort, wo er sich in die letzte große Form seiner Karriere spielen konnte. Und staubte nebenbei noch einen Titel ab mit Los Angeles Galaxy. Natürlich nicht ohne Bale-Treffer. Im Endspiel rettete er seiner Mannschaft in der 98. Minute die Verlängerung. Der Finalspieler hatte wieder einmal zugeschlagen. Nun geht’s nach Katar. Mit allen Hoffnungen der Waliser auf Bale.

Aber auch mit Sorgen. Ob der Fitnesszustand des mittlerweile 33-Jährigen für einen Startelf-Einsatz in allen drei Gruppenspielen reichen wird, ist längst nicht klar. „Das ist die Millionen-Dollar-Frage. Wir wissen es nicht“, sagte Nationaltrainer Rob Page bei der Bekanntgabe seines Aufgebots: „Er ist im Moment nicht 100 Prozent fit.“ Aber die Lage ist halt auch so: „Er hat immer und immer wieder bewiesen, dass er liefert, sobald er das Nationaltrikot anzieht.“

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