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Der schonungslose Spagat der EM-Mütter

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Almuth Schult hat zwei ganz besondere Fans bei der Fußball-Europameisterschaft dabei: ihre Kinder. Im DFB-Kader ist sie die einzige Mutter, doch beim Turnier könnten die Mütter gar ein eigenes Team stellen, so viele sind es inzwischen. Die Frauen nehmen dafür ganz schön was auf sich.

Almuth Schult ist eine der bekanntesten deutschen Fußballerinnen. Als TV-Expertin in der ARD hat sie während der Fußball-Europameisterschaft der Männer im vergangenen Jahr viele Fans dazugewonnen. Sie holte mit dem VfL Wolfsburg fünfmal die Meisterschaft, siebenmal den DFB-Pokal und gewann auch die Champions League. 64 Partien hat sie als Torhüterin bereits für die deutsche Fußball-Nationalelf absolviert. Sie war beim Gewinn des bisher letzten EM-Titels 2013 dabei, sie ist Olympiasiegerin. Jahrelang war sie unangefochten die Nummer eins. Bei der jetzt anstehenden EM in England (6. bis 31. Juli) aber wird sie nur auf der Bank sitzen. Nicht, weil sie schlechter geworden ist, oder weil sie zu viele Fehler gemacht hat. Der Haken: Sie ist Mutter geworden.

Zwillinge bereichern seit April 2020 Schults Leben. Ans Aufgeben ihres Jobs dachte sie nicht – anders als viele vor ihr. Topspielerinnen gingen dem DFB in den vergangenen Jahren verloren: Fatmire Alushi war 2015 zum ersten Mal schwanger, hat mittlerweile vier Kinder. Celia Sasic beendete ihre Karriere nur wenige Monate nach ihrer Teamkollegin, um mehr Zeit fürs Privatleben zu haben, bekam 2016 ihre erste Tochter. Als Botschafterin für die EM 2024 und als im März gewählte Vizepräsidentin für Diversität und Vielfalt bleibt sie dem DFB in anderer Funktion erhalten.

„Möchte zeigen, dass es funktioniert“

Aber der aktive Fußball ist nicht mehr ihr Job. Schult wollte es anders machen. Und musste für vieles erst einmal Möglichkeiten schaffen. „Der Verein kannte die Umstände auch noch nicht, dass eine Mutter dabei ist; wie das mit Mutterschutz ist, wie man nach einer Schwangerschaft zurück in den Leistungssport kommt“, sagte sie der „taz“. Auch Termine müssen genauestens geplant werden, sie könne für einen Kinderarzttermin ja nicht eben einen Tag Urlaub nehmen. Der Alltag sei ohnehin aufwendig zu organisieren. „In einem Turnierjahr sind wir alleine mit der Nationalmannschaft ungefähr 100 Tage weg. Wenn dann noch die Vereinsauswärtsspiele dazukommen, ist es eine lange Zeit, in der man für den Sport unterwegs ist“, erklärte sie im „taz“-Interview. „Das schreckt vielleicht ab, aber ich möchte zeigen, dass es funktioniert.“

Und wie es funktioniert. Sie hielt sich fit, noch am Tag der Geburt machte sie Liegestütze, erzählte sie im SWR-Format „#OMG – mit Jana Ina“. „Es ist schon so, dass ich Squats und Deadlifts noch mit 50 Kilo gemacht habe und das war nicht das Problem.“ Nach der Entbindung hatte sie den regulären Mutterschutz von zwölf Wochen mit Zwillingen, stieg dann wieder ein. Ende Januar 2021 bestritt sie ihr erstes Spiel nach 571 Tagen Pause (vor der Schwangerschaft war sie an der Schulter operiert worden), musste sich beim VfL Wolfsburg aber unterordnen, war zunächst nur dritte Keeperin. Die fehlende Spielpraxis gab den Ausschlag, sie agierte erst einmal im zweiten Team. Doch seit der vergangenen Saison hatte sie ihren Platz im VfL-Tor wieder.

Nur eben nicht im Nationalteam. Seit der WM 2019 hat sie kein DFB-Spiel mehr absolviert, erst OP, dann Babypause, dann Corona. Merle Frohms ist bei Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg gesetzt. „Merle Frohms ist seit drei Jahren unsere Nummer eins. Von daher ändert sich an diesem Status gar nichts“, stellte Voss-Tecklenburg bei der EM-Nominierung klar: „Merle hat drei Jahre sehr gute bis herausragende Leistungen gebracht.“ Wegen ihres Ausfalls während der Schwangerschaft also geriet Schult ins Hintertreffen: Natürlich tut es mir auch weh, dass das jetzt die Begründung ist, aber im Sport ist nicht immer alles planbar“, sagte sie. „Ich hätte unglaublich gerne gespielt. Es wäre auch etwas Besonderes gewesen, überhaupt als Mama mal wieder ein Länderspiel zu machen, weil das immer das große Ziel war.“

Island hat gleich fünf Mütter im Team

Womöglich gelingt es irgendwann, dann vielleicht gemeinsam mit Melanie Leupolz. Die 28 Jahre alte 75-fache Nationalspielerin ist gerade schwanger, ihr Klub FC Chelsea teilte mit, man freue sich darauf, „Melanie nach ihrem Mutterschaftsurlaub wieder bei uns begrüßen zu dürfen“. Ein Karriereende hat sie nicht angekündigt, bei Instagram zeigt sie, wie sie sich fit hält.

Als Vorbilder können die beiden Deutschen einige Konkurrentinnen bei der EM nehmen. Im Team von Island sind gleich fünf Mütter vertreten. Die bekannteste ist Rekordnationalspielerin Sara Bjork Gunnarsdottir, die zwischen 2016 und 2020 für den VfL Wolfsburg spielte, dann zu Olympique Lyon wechselte, jüngst die Champions League gewann und ab der kommenden Saison für Juventus Turin auflaufen wird. Am 16. November 2021 brachte sie ihren Sohn Ragnar zur Welt, nur vier Monate später spielte sie wieder für Lyon. „Wenn man Vorbilder hat, die auf einem guten Niveau spielen, ein Kind bekommen und zurückkommen, obwohl sie noch im Nationalteam sind, hat das viel für mich bewirkt“, sagte sie der BBC. Natürlich geht das nicht ohne immense Kraftanstrengung. „Ich hatte Zweifel“, räumt Gunnarsdottir gegenüber der BBC ein. „Ich war zum ersten Mal schwanger und kannte meinen Körper nicht so gut. Ich habe mir das Kreuzband gerissen und andere Verletzungen zugezogen, da kennt man die Schritte und weiß, wie man sich fühlen wird, aber bei einer Schwangerschaft weiß man nicht, wie der Körper reagieren wird.“ Bei ihrem Comeback im März auswärts in der Ligue 1 Féminine gegen Dijon spielte sie 45 Minuten. „Ich weiß noch, dass ich mitten im Spiel zu mir selbst sagte: ‚Es fühlt sich so gut an‘.“

Doch ihr Leben wurde nach der Geburt anstrengender. Ihr Mann, Arni Vilhjalmsson, ist ebenfalls Fußballprofi, aufgrund verschiedener Vereine an verschiedenen Orten in Frankreich sehen sie sich nicht jeden Tag. Körperliche und geistige Erschöpfung, gleichzeitig Glück und Stolz, Fußballerin und Mutter zu sein, seien eine „emotionale Achterbahnfahrt“.

Bei der Europameisterschaft ist Sohn Ragnar dabei – der Verband kommt auch für eine Begleitperson auf. Aber nur, weil ihr Sohn noch nicht ein Jahr alt ist, darf er sie begleiten. Die Teamkolleginnen von Gunnarsdottir haben allerdings ältere Kinder, die nicht im Camp dabei sein dürfen. „Um ehrlich zu sein, bin ich wegen der Europameisterschaft ein bisschen gestresst, weil wir eine Weile weg sein werden“, sagte Dagny Brynjarsdottir der BBC. Sie brachte ihren Sohn 2018 zur Welt. „Ich habe das Gefühl, dass wir beide noch sehr aneinander hängen. Es ist schwer, wenn ich weiß, dass mein Sohn bei mir sein möchte und es nicht kann.“

FIFA führte bezahlten Mutterschutz ein

Wie die Mütter behandelt werden, regeln die Verbände unterschiedlich. Die Belgierin Lenie Onzia, die Niederländerinnen Sherida Spitse und Stefanie van der Gragt sowie die Engländerin Demi Stokes dürfen ihre Kinder an Familientagen sehen, die Schwedinnen Lina Hurtig, Hedvig Lindahl und Elin Rubensson können ihre Kinder in der Freizeit sehen, da der Verband erlaubt, dass Verwandte dem Team folgen. Schult hat ihre Kinder sowie ihren Mann in England dabei, schon Anfang vergangenen Jahres sicherte Teammanagerin Maika Fischer zu, dass eine „Pauschale für die Kinderbetreuung“ gezahlt werde. „Heute haben wir ganz andere Möglichkeiten, um Mütter in der Nationalmannschaft zu unterstützen“, sagte Bundestrainerin Voss-Tecklenburg schon 2020. Sie weiß genau, wovon sie spricht, ist sie doch selbst eine von den ganz wenigen, die den Spagat zwischen Mutter-Sein und Fußballerin auf sich nahm. 1995 wurde sie Vize-Weltmeisterin und Europameisterin, ihre Tochter durfte sie damals nicht zu den Lehrgängen mitnehmen. Das sei „belastend“ gewesen.

Mehr als eine Elf würden die Mütter bei der EM zusammenbekommen. Es sind so viele wie nie zuvor – und doch noch immer wenige. 2017 teilte die Fußballgewerkschaft Fifpro fest, dass nur zwei Prozent der Spielerinnen Mütter sind. Und dass fast die Hälfte der Spielerinnen ihre Karriere vorzeitig beendet, um Kinder zu bekommen. Richtlinien für die Unterstützung fehlten. Das hat sich mittlerweile geändert, seit dem vergangenen Jahr muss es laut FIFA Mutterschutz geben, 14 Wochen müssen mit mindestens zwei Dritteln des Gehalts bezahlt werden. Zudem muss es das Recht auf Rückkehr nach der Schwangerschaft und den Zugang zu unabhängiger medizinischer Beratung geben. „Wir wollen, dass Frauen professionelle Fußballerinnen sein, aber gleichzeitig auch eine Familie haben können“, sagte dazu Sarai Bareman, die Frauenfußball-Beauftragte der FIFA. Es ist immer noch erst ein Anfang. Almuth Schult und Co. aber tragen dazu bei, dass Mütter als Fußballerinnen normaler werden.

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