Aktuelle Deutschland Nachrichten

„Der Hype ist in Deutschland angekommen“

0 6

Die vergangenen Wochen sind für Nicole Anyomi ein emotionales Auf und Ab. Bei der Fußball-Europameisterschaft schießt sie ihr erstes Tor im DFB-Trikot, doch das Finale geht verloren. Mit Eintracht Frankfurt scheitert sie in der Qualifikation zur Champions League, gewinnt aber souverän den Auftakt im DFB-Pokal. Nun startet die Bundesliga. Im Interview spricht sie über die berauschende EM-Feier am Frankfurter Römer, wie aus Freundinnen des DFB-Teams nun wieder Rivalinnen werden und warum sie sich so auf die neue Bundesliga-Saison freut.

EM-Finale, Qualifikationsturnier für die Champions League, DFB-Pokal, Bundesliga-Saisonauftakt. Das alles in sieben Wochen. Können Sie schon realisieren, was alles passiert ist?

Zur Person

Nicole Anyomi (*10. Februar 2000) ist Stürmerin bei Eintracht Frankfurt. Für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft absolvierte sie bislang zwölf Spiele, wurde in England Vize-Europameisterin. Bereits mit 16 Jahren gab sie ihr Debüt in der Bundesliga, damals noch für die SGS Essen.

Nicole Anyomi: Nein, irgendwie gar nicht. Man kommt dann wieder zurück zum Verein, dann geht es direkt weiter mit der Champions League. Das Trainingslager war noch davor, zuletzt das erste Spiel im DFB-Pokal gegen Weinberg. Ich war nicht mal eine Woche Zuhause oder habe eine Woche hintereinander in meinem Bett geschlafen. Zu realisieren, wie die sieben Wochen waren, konnte ich gar nicht so wirklich. Klar, ich habe mit Freunden, mit der Familie, mit den Mitspielerinnen, mit dem Verein darüber gesprochen, wie es war. Aber so wirklich für mich realisiert habe ich es tatsächlich noch nicht so ganz. Aber es waren schöne Erfahrungen, die ich sammeln durfte, es hat sehr viel Spaß gemacht. Jetzt liegt der Fokus aber schon wieder auf dem Verein.

Ich möchte trotzdem nochmal zurückspulen zur Europameisterschaft. Sie haben zwei Einsätze gehabt, das erste Tor im DFB-Trikot geschossen, im Finale vor mehr als 87.000 Fans gespielt. Es war das mit Abstand das größte Ereignis, das Sie bisher in Ihrer Karriere erlebt haben. Zehren Sie noch davon?

Ja, doch, das auf jeden Fall. Wie gesagt, ich konnte schöne Erfahrungen sammeln, es hat sehr, sehr viel Spaß gemacht, dabei zu sein, ich konnte es genießen. Und dann war auch mein erster Einsatz beim Finnland-Spiel dabei. Dass mir gleich ein Tor gelingt, hätte ich nicht gedacht, aber es hat sehr viel Spaß gemacht. Bitter war es, dass wir im Finale nicht das erreichen konnten, was wir uns vorgenommen hatten. Und auch mit meinem Einsatz bin ich nicht zufrieden. Ich habe mein Bestes versucht. Ich glaube, das passiert auch mal, blöd, dass es vor so vielen Zuschauern war und vor allem im Finale. Aber ja, es geht weiter und im nächsten Jahr ist schon die WM und ich hoffe, dass ich dabei bin und dann auch meine Qualitäten, meine Leistung zeigen kann.

Im EM-Finale sind Sie für die Offensive eingewechselt worden, nachdem Sie im Spiel gegen Finnland noch die Position der Rechtsverteidigerin gespielt haben. So, wie vor dem Turnier von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg angekündigt, die aus Ihnen am liebsten eine Verteidigerin machen würde, was Ihnen laut eigener Aussage einen kleinen Schock versetzt hatte. Wie sieht Ihre Rolle jetzt im Verein aus? Gibt es schon Experimente im Training oder dürfen Sie beruhigt in die Saison starten?

Ich bin so froh, dass Niko (Arnautis, Cheftrainer der Eintracht-Frauen, Anm.d.Red.) mich weiterhin vorne hinstellt. Er hat mich ja auch für die Offensive geholt, also denke ich nicht, dass ich hinten trainieren oder spielen werde. Dafür haben wir auch andere gute Spielerinnen, die die Position besetzen können. In der Nationalmannschaft ist es etwas anderes. Auch wenn es anfangs nicht ganz klar war, dass ich hinten spielen werde, weil gesagt wurde, dass ich auch mal im Mittelfeld oder im Sturm eingesetzt werden kann. Dass das DFB-Trainerteam weiß, dass ich auch dort vorne meine Qualitäten habe, aber dass wir jetzt mal austesten, ob ich eine andere Position spielen kann. Ich glaube, für die Entwicklung ist es ganz positiv. Aber ich fühle mich vorne viel wohler und habe da auch mehr meine Freiheiten. Jetzt bin ich zurück im Verein und freue mich, wenn ich vorne spielen und Tore schießen darf.

Was macht für Sie den Reiz aus, als Stürmerin zu spielen?

Tore zu schießen, Treffer vorzubereiten, kreativ sein, der Mannschaft mit meinem Spiel zu helfen. Da sehe ich mich eher und das macht mir auch am meisten Spaß. Ich fühle mich einfach vorne viel wohler als wenn ich hinten spiele oder selbst auf dem Flügel. Klar, früher bei den Jungs als kleines Mädchen habe ich auch mal hinten gespielt, aber ich glaube, das ist fast bei allen so. Mit der Zeit habe ich nur vorne gespielt und habe da meine Position gefunden. Wenn ich dann hinten spiele, mache ich mir zu viele Gedanken und dann passt die eine oder andere Sache nicht. Aber ich denke, dass alles seine Zeit braucht und vielleicht wird mir die Position irgendwann doch gefallen, man weiß ja nie. (sie lacht)

Beim ersten EM-Einsatz gegen Finnland haben Sie sich an der Hand verletzt, mussten im Finale schon mit einer Schiene spielen. Nach dem Turnier wurden Sie operiert, weil sie eine Fraktur erlitten hatten. Im Qualifikationsturnier zur Champions League haben Sie schon wieder gespielt. Sie haben also gar nicht viel verpasst?

Gott sei Dank. Ich hätte niemals gedacht, dass ich wieder so schnell auf dem Platz sein kann. Ich war nur sechs Tage raus und dann auch schon wieder mittendrin dabei. Das ging ganz schnell.

Das angesprochene Turnier für die Champions League lief nicht wie erhofft, schon im ersten Spiel sind Sie gegen Ajax Amsterdam ausgeschieden. Ist die verpasste Chance auf die Qualifikation schon abgehakt?

Ich muss ehrlich sagen, die Enttäuschung und der Schmerz sitzen noch relativ tief. Klar wollen wir wieder nach vorne schauen, müssen nach vorne schauen. Aber wir haben ein Jahr lang daran gearbeitet, Champions League spielen zu dürfen. Und dass wir in der ersten Runde direkt rausfliegen, ist sehr bitter gewesen. Als das Gegentor in der letzten Sekunde per Fallrückzieher fiel, konnte ich es gar nicht glauben und realisieren. Es tut noch immer sehr, sehr weh. Aber wir wissen, dass wir die Champions League diese Saison wieder erreichen wollen und dass wir sie erreichen können. Am Freitag geht es endlich los, dann werden wir sehen, wie weit wir sind.

Das heißt, dieses Kribbeln der Champions League doch endlich so richtig mitzunehmen, motiviert Sie zusätzlich?

Ja, mega. Als wir da standen und die Hymne zum ersten Mal hören durften, war es schon ein sehr besonderer Moment und ein sehr schönes Gefühl. Das will ich einfach wieder erleben.

Freitag geht es los, Sie haben zum Auftakt gegen die Vize-Meisterinnen des FC Bayern zu Gast. Schon wieder eine große Bühne nach EM-Finale, nach Champions-League-Titelmusik. Jetzt spielen Sie mit den Eintracht-Frauen das dritte Mal im großen Stadion in Frankfurt, aber das erste Mal seit Beginn der Corona-Pandemie mit Fans. Wie viel Vorfreude ist da? Es ist vermutlich auch anstrengend, so fast ohne Sommerpause.

Ja, irgendwie schon, aber die Vorfreude ist bei uns allen da. Wir nehmen die Freude und die Euphorie mit und wollen auf jeden Fall ein gutes Spiel zeigen, die Bayern bestmöglich ärgern und die Punkte hierbehalten. Ich freue mich einfach mega auf das Spiel, auf die Saison insgesamt. Auch, weil ich nie zum Saisonstart fit war, das ist zum ersten Mal so und deswegen ist die Freude bei mir persönlich mega groß. Dass wir gleich zum Auftakt das Spiel gegen den FC Bayern vor uns haben, ist was ganz Besonderes.

Klar, DFB und Klub sind zwei verschiedene Teams. Doch nachdem Sie alle während der EM davon gesprochen haben, dass der Zusammenhalt so groß war wie nie zuvor, stehen Sie sich im Spiel gegen die Bayern plötzlich wieder gegenüber. Eine komische Situation oder ist die Stimmung im Klub ohnehin noch viel, viel besser?

Ja, also bei uns im Team ist der Zusammenhalt mega groß. Wir sind wirklich als Team sehr, sehr gut zusammengewachsen. Klar war das DFB-Team auch super, ich habe mich mit allen verstanden und auf dem Platz haben wir für jede alles gegeben. Aber jetzt sind alle zurück in den Vereinen. Zwar sind wir irgendwie Freundinnen, aber auf dem Platz sind wir dann für 90 Minuten Kontrahentinnen, so ist es nun mal im Fußball. Nach dem Spiel können wir uns nett ausplaudern, aber vorm Spiel und währenddessen liegt der Fokus bei uns selbst.

Was haben Sie sich fürs Spiel vorgenommen?

Wir wollen die Bayern ärgern, die Punkte hierbehalten. Die Euphorie, die Vorfreude der Fans, dass wir auch im großen Stadion spielen dürfen, mitnehmen und daran anknüpfen, was wir in der vergangenen Saison gezeigt haben. Da konnten wir die Bayern auch ärgern. Im Hinspiel haben wir gewonnen, es im Rückspiel blöderweise leider nicht mehr geschafft. Aber wir werden es den Bayern so schwer wie möglich machen.

Wie groß ist die Hoffnung, dass dieser Hype im Fußball der Frauen, der durch die EM entfacht wurde, auch in der Bundesliga anhält?

Man hat ja gesehen, dass der Hype in Deutschland angekommen ist. Beim Pokalspiel von Wolfsburg gegen Gütersloh waren sehr, sehr viele Zuschauer (mehr als 2000, Anm.d.Red.), bei unserem DFB-Pokalspiel in Weinberg, bei einem Drittligisten, waren 650 Zuschauerinnen und Zuschauer da. Ich hoffe, dass wir viele Menschen, vor allem Mädchen und Frauen begeistern konnten, die sich jetzt Frauenfußball anschauen und anfangen, selbst zu spielen. Das ist für uns etwas ganz Besonderes und Schönes. Damit wissen wir auch, dass wir den Leuten bei der EM etwas Gutes gezeigt und sie bereichert haben. Ich hoffe, dass auch am Freitag sehr, sehr viele Menschen kommen werden und sich außerdem auch viele Fans das Spiel im Fernsehen anschauen. Ich hoffe, dass der Hype erhalten bleibt, damit auch im Frauenfußball noch mehr, viel, viel mehr getan wird.

Sie haben die erfolgreiche EM mit dem DFB passenderweise in Frankfurt auf dem Römerberg gefeiert. Wie groß ist die Lust, dies nach der Saison mit den Eintracht-Frauen zu wiederholen?

Darüber würde ich mich nochmal mehr freuen. Es war überragend, als wir am Römer ankamen. Wie viele Leute da waren … Es war ein unbeschreibliches Gefühl, dass so viele Menschen gekommen waren, um uns zuzujubeln. Es war sehr schön, so vielen Menschen eine Freude bereiten zu können.

Mit Nicole Anyomi sprach Anja Rau

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie