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Der FC Bayern rast schneller, als die Polizei erlaubt

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Der FC Bayern wischt alle Zweifel beeindruckend fort: Ja, die Meisterschaft geht auch in diesem Jahr wieder nur über die Mannschaft aus München. Die ersten 45 Minuten der neuen Bundesliga-Saison sind ein gnadenloser Rausch – mit grotesken Zügen.

Die Abendsonne grüßte ein letztes Mal ins Stadion, die Fans der Eintracht besangen den schwarzweißen Schnee und schickten mächtige Pyro-Grüße an den verhassten DFB. Und als sich der Nebel in der Westkurve so richtig ausgebreitet hatte, als die 60. Saison der Fußball-Bundesliga eröffnet war, als die Frankfurter bereit waren, dem FC Bayern zu zeigen, wer der Herr im Waldstadion ist, da hatte die Mannschaft das Spiel schon verloren. Dieser denkwürdige Freitagabend begann mit dem blamierten Torwart Kevin Trapp, der sich von Joshua Kimmich mit einem raffinierten Freistoßtrick überwinden (5.) ließ, es folgte ein sattes Münchner Ohrfeigengewitter und am Ende eine krachende 1:6 (0:5)-Lasche. Der Europa-League-Sieger wurde in einem grotesken Duell zerlegt.

Am Kult-Kiosk Oberforsthaus diskutierten sie noch weit nach Mitternacht die Frage, wie das eigentlich passieren konnte. Und jene, die noch imstande waren, zu analysieren, befanden beim Biss in die Frika-Wurst: Der Sadio Mané war schuld. Das ist eine reichlich verkürzte Darstellung der Dinge. Aber im Kern der Sache sehr richtig. Der neue Heldenfußballer des FC Bayern ist ein Spektakel auf zwei sehr, sehr schnellen Beinen. Eine überraschende Erkenntnis war das zwar nicht, dass er aber schon im zweiten Spiel der Chef der offensiv ultraflexiblen Truppe ist, das dann vielleicht schon. Wo Mané ist, da ist Gefahr. Aber wo ist dieser Mané eigentlich? Die Antwort ist für die Gegner einigermaßen erschütternd. Er ist überall. Weil er so schnell ist, weil er die Gefahr instinktiv wittert.

Am Waldstadion hatten sie vor Anpfiff keinen Gedanken daran verwendet, dass an diesem Abend igendwas schiefgehen könnte. Endlich wieder ein Saisonstart ohne (gefühlte) Corona-Sorgen. Und dann war da ja noch die Erinnerung an das Märchen (oder Wunder) von Sevilla. Vor ein paar Wochen erst hatte die Eintracht die Europa League gewonnen. Wie ein Euphorienebel hing diese Glückseligkeit über Sachsenhausen-Süd. Mit ihren schwarzweißen „beste-Mannschaft-in-Europa“-Shirts waren sie zu Zehntausenden zur Arena stolziert. Und sie wurden krachend ernüchert, von der Mannschaft, die für sich beansprucht, wieder die beste in Europa sein zu wollen. Immer. Und in dieser Saison noch ein bisschen mehr. Wie ein Derwisch war Münchens Sportvorstand Hasan Salihamidžić über den Transfermarkt hinweggefegt, um seinem Trainer Julian Nagelsmann einen Wunschkader zu zimmern. Dem Vernehmen nach klappte das (Stand an diesem Freitagabend) bis auf den Leipziger Konrad Laimer vorzüglich.

Und? Schon Meister?

Und zu diesem Wunschkader gehört eben auch nicht mehr Robert Lewandowski. Der Stürmer erzürnte sich den Wechsel zum FC Barcelona. Ob das nun gut oder schlecht sei, war hernach gefragt worden. Eine erste Antwort kann nur lauten: Who the … is Robert Lewandowski? Mit 5:3 hatte der FC Bayern den Supercup bei RB Leipzig gewonnen, mit 6:1 hat der FC Bayern nun Eintracht Frankfurt zerrupft. An Toren, die Lewandowski garantierte, mangelt es auch ohne den Polen nicht. Und nicht nur das. In der Liga geht das „Nicht-schon-wieder“-Gefühl um. Zum elften Mal in Serie Meister. Womöglich. Wahrscheinlich. Die Münchner bemühen sie sich zwar, die Routine etwas runterzukochen, aber gelingen tut ihn das nicht. Weder Thomas Müller, der irgendwie alles ganz prima fand. Noch Salihamidžić, der den Abend wirklich „schön“ erlebte und auch nicht Coach Julian Nagelsmann, der beseelt erwartet, dass es auch noch schwere Spiele in dieser Saison geben wird.

Das ganz sicher. Aber ob es auch skurrilere Partien geben wird? Frankfurt und München haben die Messlatte auf jeden Fall sehr weit nach oben gelegt. Dieses Duell war ein famoses Geschenk für den Jubilar Bundesliga. Jaja, 60 Jahre ist sie nun schon ein treuer Begleiter. Hat sich dabei vom Spiel zum Event transformiert. Nicht jedem gefällt das. Auch wenn die Eröffnungsshow überraschend reduziert ausfiel, so gab es ein gellendes Pfeifkonzert von den Rängen. Ebenso bei der Nationalhymne gesungen von Carolin Niemczyk. Der Verband bleibt eben der Feind. Als vergiften Gruß sendeten die Westkurve dann schwarzweißen Pyro-Rauch. Während die Eintracht den Durchblick verlor, wirkte er Nebel als Mega-Booster für die Energie-Bayern. Mané, Serge Gnabry, Thomas Müller und Jamal Musiala berannten das Tor von Trapp mit einer erdrückenden Vehemenz. Das hatte man auch selten gesehen.

2:0 nach elf Minuten, das war schon grotesk. Aber dann folgte der Kompertiv (grotesker), als die SGE über Tuta an die Unterlatte köpfte (12.) und mit dem ersten Atemzug plötzlich dran war, aktiver Teil des Spiels zu werden, ehe sich der Superlativ (am groteskesten) einschlich. Im Gewand von Thomas Müller. Gnabry trieb alleingelassen den Ball fix über die linke Seite nach vorne, sah seinen Kollegen am rechten Pfosten, spielte rüber, der aber drückte das Spielgerät aus kürzester Distanz und noch bedrängt von Filip Kostić ans Aluminium. Ganz Deutschland wird sich in diesem Moment gefragt haben? How the … macht er den nicht? Eine Antwort blieb aus.

Abschiedsgruß von Kostić?

Kostić, der war auch ein Thema, weil es so viele Gerüchte um ihn gibt. Sein Abgang soll bevorstehen. Diese Welt nimmt absurde Züge an. Wie Trainer Oliver Glasner bekannte. Sein Sohn habe ihn vor dem Spiel angerufen und gefragt, ob Kostić denn noch da wäre? Glasner antworte: „Ich hoffe, dass er auf seinem Hotelzimmer ist“. Kleiner Spoiler (Sie wissen es eh): er war da und spielte. Aber nicht so lange, wie gewöhnlich. Nach 75 Minuten musste er runter. Dabei hob er die Hand zum Gruß Richtung Kurve. Etwa ein Abschiedsgruß? Glasner nahm die Frage in den Katakomben der Arena mit Humor. Sagte erst ja, dann nein. Am Ende war’s dann wohl ein vielleicht.

Seinen Humor hatte der Trainer nach dieser historischen Demontage tatsächlich wiedergefunden. Vielleicht war es auch einfach nur Galgenhumor. Wegen der nervtötenden Gerüchten und einer Mannschaft, die nicht auf das hören wollte, was er ihnen mit auf den Weg geben wollte. Nicht zu offensiv stehen, die Bayern nicht ins Tempo kommen lassen. Doch was passiert? Die zweimal hart geohrfeigte SGE wollte das schnelle Tor und kassierte drei weitere Gegentreffer. Mané köpfte, Musiala staubte ab und Gnabry lupfte (29./35./43.). Zwischendurch hatte Jesper Lindström vier Münchner ausgefummelt und den Ball dann am Tor vorbeigeschoben. Zwischendurch hatten die Bayern auch noch zweimal Aluminium getroffen. Wer nun denkt, er hat was verpasst: stimmt.

Es war es eines der aberwitzigsten Eröffnungsspiele der Liga-Geschichte. Und nach 45 Minuten natürlich noch nicht beendet. Weder nach Toren. Noch nach Slapstick. Für eine seltsame Einlage sorgte Münchens Nummer eins Manuel Neuer, der wollte an Rande des Strafraums Randal Kolo Muani nämlich ausdribbeln. Das misslang. Neuer plumpste hin, der Neuzugang freute sich und traf. Es war der zweite derbe Pflichtspielpatzer des Titanen in Folge. Vor den Augen von Bundestrainer Hansi Flick. Aber eine Torwart-Diskussion? Nein, (noch) nicht. Zumal ja auch Trapp patzte, sich allerdings später auch mehrfach auszeichnen durfte. An Skurrilitäten war das Spiel damit auserzählt.

Was macht dieser Musiala da eigentlich?

Nicht aber an Wunderlichkeiten. Denn eine der großen Geschichten des Abends schrieb erneut Jamal Musiala. Seine Bewegungen sind so voller Dynamik, dass er zu großen Sensation der Saison und in Flicks WM-Kader werden kann. Selbst Glasner war beeindruckt. Sein erster Kontakt sei fantastisch, danach geh es immer so schnell nach vorne. Patsch, patsch, patsch würden die Bayern dann spielen. Musiala sei irgendwie auch immer schneller im Kopf und am Ball. Das 6:1 war so ein Beleg dafür. Die Ballbehandlung erstklassig, die Beherrschung seines schlaksigen Körpers auch, der Abschluss abgezockt. Wegzudenken ist das Juwel nicht mehr. Wie keiner aus dieser Mannschaft, in die Leroy Sané unbedingt wieder als Stammkraft eingegliedert werden möchte. Sein herausragender Pass auf Musiala zum 6:1 war eine gute Bewerbung dafür.

51.500 Zuschauer hatte zugesehen, wie das Debakel seinen Lauf nahm. Wie Mané die Bayern beschleunigte, wie Musiala die Welt verzauberte. Und sie blieben fast alle bis zum Schluss nach genau 90 Minuten. Viel Applaus, nur wenige Pfiffe, für die hart vermöbelten Helden, die noch von ihrem Märchen-Bonus zehren dürfen. Aber was war eigentlich mit Mario Götze? Der Mann, der zuletzt gegen den Zweitliga-Aufsteiger 1. FC Magdeburg brilliert hatte (im DFB-Pokal)? Nun, die kurze Wahrheit: nix war’s. Bemüht war er, wie alle. Fähig an diesem Abend nicht.

Nach 45 Minuten war der Europapokalsieger übrigens wieder zum Mini-Randalemeister geschrumpft. Ein Flitzer aus dem Bereich des Bayern-Blocks war bis kurz vor die Frankfurter Fankurve gerannt, ehe ihn die Ordner auf die Wiese checkten. Ein paar Frankfurter stürmten ebenfalls auf den Platz, wollten dem Eindringling an die Wäsche. Doch die Sicherheitskräfte konnten verhindern, dass aus der Provokation was Größeres wurde. Die Nerven lagen halt blank. Das 1:6 gegen Bayern war saisonübergreifend ja das bereits neunte Ligaspiel in Folge ohne Sieg. Die hoch gewetteten Adler plagen vor dem Trip zum europäischen Supercup gegen Real Madrid weltliche Sorgen, währenddessen Mané auf Zaun kletterte, das Megafon nahm und den Einpeitscher gab. Was für ein Abend.

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