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Der BVB – gierig und überzeugt wie ewig nicht

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Drei späte Jokertore bewahren Borussia Dortmund vor einem fast schon traditionell frühen Rückschlag in der Fußball-Bundesliga. Anthony Modeste feiert sein Startelf-Debüt, für den zweiten Saisonsieg gegen Freiburg sind aber andere Protagonisten zuständig.

Anthony Modeste war eine Hauptrolle zugeteilt worden. Der neue Stürmer des BVB stand gegen den SC Freiburg direkt in der Startelf. Und er hatte gute Szenen. Wie sich das für einen Hauptdarsteller gehört. Nach 51 Sekunden hatte er seinen ersten Ballkontakt für den neuen Arbeitgeber, nach 22 Minuten den ersten Abschluss. Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, dass der 34-Jährige die Borussia verstärken wird. Dass er der Leuchtturm in dieser faszinierenden Truppe wird, die mit so unfassbar viel Talent gesegnet ist. Aber je länger dieses intensive Spiel dauerte, desto weniger war Modeste ein Thema. Das lag auch am SC Freiburg, der 1:0 in Führung gegangen war, durch einen tollen Kopfballtreffer von Michael Gregoritsch.

Aber das lag auch an Jamie Bynoe-Gittens und Youssoufa Moukoko. Das sind zwei Fußballer, von denen sie sich in Dortmund sehr viel versprechen. Eigentlich jedoch nicht sofort, nicht an diesem Freitagabend. Aber es kam ganz anders. Die beiden Youngster wurden von Trainer Edin Terzic eingewechselt. Und sie drehten das Spiel. Bynoe-Gittens schoss aus 30 Metern und hatte Glück, dass der Ball durch die Finger von Keeper Mark Flekken flutschte. Aber Glück hat eben nur der, der mutig ist. Und das war der 18-jährige Engländer. Auch beim 2:1. Mit einem forschen Dribbling setzte er Julian Brandt in Szene, der spitzelte direkt weiter zu Moukoko – und der machte Stürmerdinge.

Moukoko, dieses seit Jahren gehypte Talente, sprintete danach in die Kurve der BVB-Fans. Und er schrie sein Glück heraus. Seine Erleichterung nach schwierigen Monaten. Wenig Spielzeit, viele Zweifel. Weggewischt nun mit dem Tor, das das Spiel endgültig auf die Seite der Schwarzgelben zog, ehe Marius Wolf, der dritte Joker, erhöhte. Für die Dortmunder, die nicht die bessere Mannschaft waren. Zumindest nicht über 90 Minuten. Die aber gewannen, weil sie kämpften und an sich glaubten. Dinge, die sie nicht immer taten. Konstanz und Mentalität waren zu den zermürbenden Themen an der Strobelallee geworden. Vergangenheit. Eine, die Trainer Marco Rose im Sommer den Job kostete. Für ihn übernahm Edin Terzic. Und der machte Kampf, Fleiß und Bereitschaft zum Mantra.

Parallelen zum erkämpften Bayer-Sieg

Nach dem Spiel in Freiburg legte der neue Coach ganz besonders viel verbale Kraft auf das Wort „gewehrt“. „Gewehrt“ habe sich seine Mannschaft. Nicht aufgegeben. An sich geglaubt. Überhaupt breitet sich in Dortmund gerade der Glaube aus, dass da etwas Großes entsteht. Dass da ein Team zusammenwächst, das um Titel spielen und eventuell den FC Bayern herausfordern kann. Der hatte am 1. Spieltag bei Eintracht Frankfurt vorgelegt. Das furiose 6:1 hatte im Land schon wieder viele Träume zerstört, dass es mal wieder einen anderen Meister geben könne. Auch rund um das Westfalenstadion war am vergangenen Samstag darüber diskutiert worden. Die Saison sei schon gelaufen, wenn der Start gegen Bayer Leverkusen schiefgehen würde. Aber das tat er nicht. Dieses Mal nicht, denn es ist fast schon eine Tradition, dass es schnell eine Ernüchterung gibt.

Und hier tun sich schwarz-gelbe Parallelen auf. Denn weder gegen die Werkself noch gegen Freiburg zelebrierten die Borussen Fußball. Trotz all der Power, die in diesem (auch durch Verletzungen gebeutelten) Kader wohnt. Natürlich ist es immer wieder mitreißend, wie Jude Bellingham das Spiel an sich zieht. Wie Mo Dahoud den Ball behandelt, wie Marco Reus rasant aufdreht. Aber noch wohnt dem BVB unter Terzic kein Zauber inne, noch ist es Maloche. Gepaart mit Gier. Die lässt sich ganz besonders im Gegenpressing beobachten. Im Vollsprint jagen die Dortmunder dem Ball nach Verlust hinterher. Sekundenlang, bis die Lage unter Kontrolle, der Konter verhindert und das Spielgerät in den eigenen Reihen ist. Diese Vehemenz hatte es unter den analytischen Vorgängern von Terzic kaum oder nicht gegeben. Auch ein Grund, warum solche Spiele wie das im Breisgau in den vergangenen Jahren häufiger verloren als gewonnen wurden.

Aber da ist noch etwas: Das Vertrauen und der Mut, den der neue Trainer seinen Spielern entgegenbringt. Den jungen Engländer Bynoe-Gittens einzuwechseln, obwohl mit Brandt noch ein DFB-Spieler auf der Bank sitzt, das ist schon bemerkenswert. Aber eben auch eine Ansage an den 26-Jährigen, dass da einfach mehr kommen muss – mit Blick auf seine Ambitionen im Verein, aber auch in der Nationalmannschaft. Bundestrainer Hansi Flick hat für den WM-Kader in Katar klare Kriterien formuliert: Form und Spielpraxis gehören dazu. Bynoe-Gittens lebt das vor. Er hat Bock auf seine Chance. Nicht alles klappt, aber er versucht Dinge. Terzic sieht in ihm sogar einen „Game-Changer“, weil er besondere Fähigkeiten hat, ein „Spiel zu entscheiden“.

Mächtige Erlösung für Moukoko

Diese Fähigkeit hat auch Moukoko. Nachgewiesen im Juniorenbereich. Dort war der 17-Jährige nicht aufzuhalten. Kaum eine Woche verging, ohne neue Hype-Meldung um den Stürmer. Doch der Sprung zu den Profis fiel weniger imposant aus als von vielen erwartet. Der Youngster muss(te) sich an das höhere Niveau gewöhnen. Und er hatte mit Tor-Phänomen Erling Haaland auch den denkbar unangenehmsten Konkurrenten in der Spitze. Nun ist Haaland weg, sein Nachfolger Sebastien Haller an einem bösartigen Tumor erkrankt und mit Modeste schon wieder ein Mann da, der die Stammrolle einnehmen soll. Nicht leicht für Moukoko und umso wichtiger dieser Treffer in klassischer Manier eines Torjägers. Terzic hat offenbar ein gutes Gespür für die Bedürfnisse des Teams und der Spieler. Zu seinem glücklichen Händchen befand er: „Wir haben gezeigt, wie gut unser Kader ist.“ Auch eine Kampfansage.

Dass er drei Joker bringt und alle drei treffen, ist die besondere Geschichte des Spiels. Eine, die sich nicht planbar wiederholen lässt. Aus Sicht von Marius Wolf müsste sie das auch nicht. Zur zweiten Halbzeit für den schwachen Thomas Meunier eingewechselt, dichtete er die rechte Seite gut ab und stürmte immer wieder nach vorne. Der 27-Jährige half der Mannschaft in der Verteidigung, beim Gegenpressing und sorgte für Druck. Schon vor seinem 3:1 hatte er gute Gelegenheiten. Terzic weiß um die Vorzüge seines Allrounders und bescheinigt ihm, sich diese Chance nun verdient zu haben. Weitere scheinen sicher, auch mal von Beginn an. Denn Wolf bringt auch große Emotionen rein, er kann mitreißen. Er wehrt sich. Ein Typ für den Terzic-Fußball, der an diesem Abend vor allem bemerkenswert war, weil die Mannschaft nach dem Rückstand nicht völlig aus dem Konzept kam. Eine wichtige Erkenntnis. Und so feierten sie in der Kurve. Mittendrin: Modeste. Den hatte man nach Abpfiff fast vergessen.

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