Aktuelle Deutschland Nachrichten

Das Phänomen, das Katars WM-Euphorie zertrümmert

0 3

Zum ersten Mal in der Geschichte einer Fußball-WM verliert der Gastgeber ein Eröffnungsspiel. Katars Liebe zum Spiel wird von Ecuadors Enner Valencia aufgefressen. Der 33-Jährige schreibt seine bemerkenswerte WM-Geschichte fort und lasst sein Land von Historischem träumen.

Enner Valencia ist fortan eine historische Person im Weltfußball. Auf ewig verankert in den Geschichtsbüchern der FIFA. Ob das dem mächtigen Verband nun gefällt oder nicht. Denn der ecuadorianische Stürmer Valencia hat am Sonntagabend den Gastgeber der Weltmeisterschaft, Katar, bezwungen (2:0). Ein eben historisches Ereignis. Und man nimmt diesem Moment nicht die Wucht und die Bedeutung, wenn man sagt, es war einer mit Ansage. Katars Fußball ist international nicht konkurrenzfähig und Ecuador hatte sich in der traditionell schwierigen WM-Qualifikation durchgesetzt und dabei Mannschaften wie Kolumbien und Chile hinter sich gelassen.

Und so hat die Nationalmannschaft eines Ausrichters zum ersten Mal überhaupt ein Eröffnungsspiel verloren. Sollte es im Emirat tatsächlich so etwas wie eine ehrliche Begeisterung um das Team des katalanischen Katar-Trainers Felix Sanchez gegeben haben, so wurde sie von Enner Valencia, der seine furiose WM-Geschichte weiterschrieb, auf wuchtige Weise zerschmettert. Bereits nach drei Minuten hatte der 33-Jährige zugeschlagen. Ein von Keeper Saad Al-Sheeb ausgelöstes Tohuwabohu im Strafraum nutzte er zum 1:0, weil aber der rechte Fuß von Sturmkollege Michael Estrada bei dem hereingesegelten Freistoß hauchzart im Abseits stand, wurde dem Treffer die Anerkennung verweigert.

Die Ernüchterung kommt schnell und wuchtig

Auf den Tribünen setzte sich indes zum ersten Mal das Gefühl durch, dass sich in Katar viele Dinge mit Geld lösen lassen, nicht aber das Problem, aus einer schwachen Nationalmannschaft eine konkurrenzfähige zu machen. Und dieser Gedanke manifestierte sich bis zur Halbzeit, als das Stadion schon tüchtig geleert war. Valenica hatte zwei weitere Mal getroffen. Beide Tore waren regulär. Nach 16 Minuten war er von Al-Sheeb gefoult worden und trat zum Elfmeter an (16.), eine Viertelstunde später setzte er den Ball per Kopf erfolgreich unter die Latte. Valencia schraubte seine Ausbeute beim wichtigsten Turnier der Welt damit auf fünf Treffer – in vier Spielen. Er wandelt auf großen Pfaden. Sechs WM-Tore in Serie für ein Land, das schafften nach Angaben des Datendienstleisters Opta bislang nur der Portugiese Eusebio 1966, der Italiener Rossi 1982 und der Russe Oleg Salenko 1994.

Und der Stürmer von Fenerbahçe Istanbul befeuert mit seinem Doppelpack glühende Träume in seiner Heimat, eine WM-Vorrunde tatsächlich mal überstehen zu können. Zum erst dritten Mal ist Ecuador dabei. In Japan und Südkorea (2002) und Brasilien (2014) kam der Knockout je zum frühstmöglichen Zeitpunkt. Eine ausgemachte Sache ist der Premieren-Einzug ins Achtelfinale keineswegs, aber die Aussichten hatten sich in den vergangenen Tagen deutlich verbessert. Und das hängt mit dem Verletzungsdrama des Senegal zusammen. Sadio Mané, Stürmer des FC Bayern, Volksheld und Schlüsselspieler der „Löwen von Teranga“ muss verletzt passen. Eine immense Schwächung der Mannschaft von Aliou Cissé.

„Es ist ein Traum, der wahr geworden ist“

Zum Duell mit dem Afrikameister kommt es am 29. November. Zuvor steht noch das Duell mit Gruppenfavorit Niederlande an (25. November). Und Ecuador blickt mit einem breiten Lächeln, mit Zuversicht und mit einem berauschten Enner Valencia auf die kommenden Aufgaben. „Ich habe seit der Auslosung von diesem Spiel geträumt – und natürlich von einem Sieg“, bekannte der Stürmer, einer von nur vier Spielern, die noch in den 80er-Jahren geboren worden sind. Einer der Anführer in der zweitjüngsten Nationalmannschaft des Turniers (Schnitt knapp unter 25 Jahren, jünger sind nur die USA). „Ja, es ist ein Traum, der wahr geworden ist“, sagte Valencia. Dass er gerade die große Party des WM-Gastgebers gecrasht hatte, schien ihn nicht zu stören.

Und auch von den Schmerzen im Knie möchte der 33-Jährige sich nicht stören lassen. Gegen Katar hatte er einen Schlag abbekommen. Doch Nationaltrainer Gustavo Alfaro funkte direkt Entwarnung in die Heimat, wohlwissend, dass ein Ausfall des Rekordtorschützen der „Tri“ eine mächtige Stimmungsbremse im Land wäre. Also ließ er den Matchwinner reden – und schwärmen. „Wir können weit kommen“, sagte Valencia: „Wir dürfen träumen.“ So wie er selbst immer davon geträumt hat, im internationalen Fußball den Durchbruch zu schaffen. Der blieb ihm, auf dem allerhöchstem Niveau, verwehrt. In 441 Profispielen (ein Spiel in der U21 von West Ham Untied wird dabei ebenfalls aufgeführt) hat er 130 Tore geschossen und 60 vorbereitet. „Er hatte eine harte Zeit. Er wurde infrage gestellt, aber jetzt sehen wir, was er uns geben kann“, sagte Coach Alfaro. „Er hat getroffen, was ihm sehr viel bedeutet.“ Das Turnier-Phänomen hat sich zurückgemeldet.

Beeindruckend stark bei Fenerbahçe

Nach seinen starken Leistungen beim mexikanischen Klub CF Pachuca und bei der WM 2014 wagte Valencia den Sprung nach Europa, in die englische Premier League. West Ham United hatte schnell zugeschlagen und damals 15 Millionen Euro überwiesen. In einem Interview später bekannte er mal, dass er nicht viel über seinen neuen Arbeitgeber gewusst habe und sein Wissen hauptsächlich aus dem Film „Green Street Hooligans“ hatte. Seine Zeit bei den Hammers begann stark, dann setzte ihm aber immer wieder schwere Verletzungen zu. Nach zwei Jahren wurde er zum FC Everton verliehen, dort kam er aber nicht mehr auf die Beine. Über den Umweg Mexiko (Tigres UNAL) ging es 2020 zurück nach Europa, in die Türkei. Er spielt mittlerweile die dritte Saison für Fenerbahçe und ist dort auf dem Weg zur Klubikone: 90 Spiele, 41 Tore, 14 Vorlagen.

Eine Bilanz, die der im Nationaldress ähnelt: 75 Spiele, 37 Tore, 12 Vorbereitungen. Jeder weitere Scorerpunkt bringt seine Nationalmannschaft dem großen Traum der kleinen Nation näher. „Wir versuchen, hier Geschichte zu schreiben“, bekannte Coach Alfaro: „Ein Team wächst mit guten Ergebnissen, wir müssen weiter unsere gute Leistung abliefern und den Glauben haben.“ Einen Eintrag in die Geschichtsbücher der FIFA, den haben sie nun bereits. Auch wenn das Katar und seinen guten Freunden des Weltverbands nicht gefallen haben wird.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie