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Das Herz des deutschen Meisters ist gebrochen

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Dass die BR Volleys ihren Meistertitel in dieser Saison verteidigen, hängt viel mit dem Herz des Teams zusammen, mit Sergej Grankin und Ben Patch. Sie sind die Starspieler – sie waren es, beide verlassen den Klub. Patch legt eine Pause ein, wie der schillernde US-Amerikaner in einem wahren Liebesbrief erklärt.

Noch bis Jahresende wird Benjamin Patch den Fans des deutschen Volleyball-Meisters BR Volleys erhalten bleiben – an der heimischen Wohnzimmerwand. Mit Bildern von und mit ihm, im Jahreskalender des Berliner Klubs. Patch hatte seine Teamkollegen fotografisch in Szene gesetzt, ganz abseits des orangefarbenen Belags des Spielfeldes in der Max-Schmeling-Halle. Die Fotos sind Ausdruck des künstlerischen Talents des 27-Jährigen. Eines von vielen. Manche werden vielleicht sogar ein getöpfertes Kunstwerk von Patch zu Hause haben. Ebenfalls so ein Ausdruck seiner Leidenschaft.

Seiner sportlichen Leidenschaft, dem Volleyball, kehrt er dagegen den Rücken. Die neue Saison, die im Oktober beginnen wird, sie wird ohne Patch stattfinden. „Ich habe mich entschlossen, eine Volleyball-Pause einzulegen“, schreibt der US-Amerikaner in einem von den Volleys veröffentlichten Brief. Den Fans, aber vor allem natürlich dem Team wird er fehlen. Nach dem Abgang von Sergej Grankin verlieren die Volleys den zweiten Teil ihrer eingespielten Achse, ihres Herzens.

Der Kapitän kehrt in seine russische Heimat zurück – wohl nicht ganz freiwillig. „Die Entscheidung ist ihm wirklich sehr schwergefallen, aber die politischen und familiären Umstände machen ein weiteres Engagement im Ausland schwierig“, hatte Geschäftsführer Kaweh Niroomand über den 37-jährigen Olympiasieger gesagt. Und nun also der zweite Schlag. „Das ist eine Situation, mit der wir zu Jahresbeginn nicht gerechnet haben. Die Beiden hatten jeweils noch Vertrag für die nächste Saison und wir haben fest mit ihnen geplant“, so Niroomand. „Ihre Beweggründe sind völlig unterschiedlich und doch nachvollziehbar. Wir haben bei Ben alles versucht, akzeptieren aber auch seine Entscheidung.“

„Ich habe Angst vor dieser Pause“

Es ist eine Entscheidung, die sich Patch ganz offensichtlich nicht leicht gemacht hat. Das beweisen schon die bewegenden Zeilen, die er verfasst hat. Über seine Liebe zum Sport, zum Verein, zu Berlin. „Ich weiß nicht, ob sie für immer vorbei ist, aber es ist eine Karriere, die eine Pause braucht, weil ich das Gefühl habe, dass ich ein wenig die Freude am Volleyball und die Reinheit des Sports, den ich so sehr liebe, verloren habe“, begründet Patch seinen Weg. „Ich sehe nichts Falsches daran, eine neue Richtung einzuschlagen. Ich möchte dieses Leben mit Entdeckungen, mit Erfolgen, mit Misserfolgen leben. Sie können sicher sein: Ich habe Angst vor dieser Pause. Es ist schwer, alles aufzugeben, oder zumindest das meiste, was man kennt. Aber ich will träumen und viele Dinge tun.“

Viel hat er auch bislang schon getan, Patch ist der bemerkenswerteste Profi, den es in der Bundesliga gibt. Seine 2,03 Meter Körpergröße sind im Volleyball erstmal nicht weiter auffällig, seine Tattoos schon mehr, seine von Zeit zu Zeit blond gefärbten Haare, seine lackierten Fingernägel. Sportlich seine unglaubliche Sprungkraft, die ihn zu einem der besten Diagonalangreifer macht. 3,80 Meter erreicht er angeblich mit den Fingerspitzen, wenn er als „Sprungwunder“ mal wieder in der Luft zu verharren scheint. Er war in den Playoffs der abgelaufenen Saison der Topscorer.

Er entwirft Mode, er studierte neben dem Sport Design und Keramik, er hat ein Studio, in dem er auch Töpferkurse anbietet. Er ist ein begnadeter Tänzer, und er fotografiert, wie etwa seine Teamkollegen für den Volleys-Jahreskalender. Sportler könnten viel mehr sein, „als nur eine Person in einem Trikot“, sagte er bei dessen Veröffentlichung. Und auch da kommt seine Leidenschaft zum Vorschein: „Wenn ich mir die Fotos ansehe, die ich von meinem Team gemacht habe, dann sehe ich sie so, wie ich sie wirklich sehe. Ihre Persönlichkeiten, ihr Lächeln und die Falten um ihre Augen. Ihre Schönheit und Güte.“ Die Erlöse aus dem Kalender gehen an die Berliner Stadtmission, einer Einrichtung für bedürftige und obdachlose Menschen. Soziales Engagement, auch das ist Patch wichtig. Als der Krieg in der Ukraine losbricht, hilft er am Berliner Hauptbahnhof, gemeinsam mit Teamkollegen Cody Kessel organisiert er zudem Unterkünfte für Geflüchtete und fährt Menschen zu ihren Schlafplätzen.

All dies gehört zu den Facetten des 27-Jährigen, auch dass er queer ist. Es ist eben ein Teil von seiner Persönlichkeit, so sieht es Patch. Der Sportwelt aber mangelt es an offen queeren Männern, als er im Oktober 2020 mit dem „Tagesspiegel“ darüber sprach, folgte ein Echo, das für ihn unverständlich war, sagte er im Juli 2021 dem RBB: „Dass ich das damals gesagt habe, war für mich so normal, wie wenn ich über meine Lieblings-Kaugummisorte gesprochen hätte.“

Er hofft, in Berlin bleiben zu dürfen

Er ist offen, er ist ein Freigeist, ein Typ, der seine Leidenschaften auslebt, der einfach er selbst sein möchte. Und der es doch gewohnt ist, aufzufallen. Als Adoptivkind wächst er im mormonisch-geprägten US-Bundesstaat Utah bei Weißen Eltern auf – mit zwölf Geschwistern, streng nach mormonischen Glaubenssätzen. Als er drei Jahre alt ist, zieht die Familie für sechs Jahre in den Inselstaat Tonga, kehrt danach zurück in die USA. Er wird er als Zwölfjähriger in der Schule gemobbt, weil er sich für Volleyball begeistert, was doch kein Sport für Jungen sei. Weil es kein Team für Männer gibt, spielt er zunächst in einem Mädchenteam. „Die Spielerinnen waren unglaublich und ich wollte so sein wie sie“, erzählte er dem „Tagesspiegel“. Sportlich und privat zieht er sein Ding durch, denn ihm wird gelehrt, möglichst bald als Volljähriger eine Frau zu heiraten, doch er geht nicht nur mit Frauen aus, sondern auch mit Männern. Er lässt sich nicht abhalten, vom Privaten nicht und vom Sport nicht, wird Profi, wechselt über die italienische Liga, wo er sich im konservativen Süditalien nicht frei fühlt, im Jahr 2018 schließlich nach Berlin.

Ein Glücksfall, für den Verein und für Patch. Gemeinsam gewinnen sie drei Meistertitel und holen 2020 auch den Pokal. Dass er so ist, wie er ist, hängt auch mit dem Klub und der Stadt zusammen. „Als ich frisch nach Berlin kam, war ich eine traurige Version meiner Selbst, es war eine harte Zeit“, sagte er dem RBB. Und in seinem Brief schreibt er nun: „Aber als ich nach Berlin kam, fühlte ich mich akzeptiert und geliebt vom Management, den Fans, den Reportern, die jetzt meine Freunde geworden sind. (…) Wenn ich Unterstützung brauchte oder traurig war, war immer jemand von den BR Volleys da, egal ob Fans, Management oder Mannschaftskameraden.“ Sein Brief, es ist auch ein Liebesbrief.

„Ich will nirgendwo anders Volleyball spielen, nur bei den BR Volleys oder gar nicht“, so Patch. Das bewies er schon als er trotz Angeboten von erfolgreichen Klubs aus dem Ausland seinen Vertrag in Berlin verlängerte. Doch derzeit will er gar nicht spielen. Neben all seinen Aktivitäten hat er nämlich auch noch ein Innenarchitektur- und Architekturstudio gemeinsam mit anderen aufgebaut, ein Projekt, in das er nun „alle Zeit und Energie“ investieren möchte, schreibt er. In Berlin, der Stadt, die ihn so aufgenommen hat, wie er ist, will er bleiben. „Wenn Deutschland mich haben will“, so Patch, denn als US-Amerikaner braucht er eine Aufenthaltsgenehmigung.

Die Sicherheit, er verliert sie mit seiner Pause bei den Volleys. Er habe „jetzt total Angst davor, was als Nächstes kommt und ich denke, das ist auch für Sportler normal, weil wir normalerweise nur eine Sache machen“. Mit 27 Jahren verlässt er sein Wohlfühlnest, aber nur als Spieler. Er werde „immer alles tun, was ich kann, um ein Teil dieses Klubs zu sein und sozial, wirtschaftlich, politisch und auf jede andere mögliche Weise zu helfen. Ich plane, als Botschafter, als Freund, als Teil dieser Familie zu bleiben.“ Und vielleicht kehrt er doch nochmal zurück, sein ursprünglich bis 2024 laufender Vertrag wird nur ausgesetzt. Dass sie ihn mit Freude wieder aufnehmen würden, steht fest. Bei vielen Fans hat er es bis ins Wohnzimmer geschafft.

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