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Beim DFB gibts jetzt Ärger – aber keine Panik

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Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft macht einen Rückschrick auf dem Weg zur Weltmeisterschaft in Katar. Ein Remis in Ungarn sorgt für Ernüchterung. Ziele will man nicht in Frage stellen, Bundestrainer Hansi Flick aber ist verwundert von seiner Mannschaft.

Hansi Flick war am späten Samstagabend in Budapest sehr klar: „Vom Ergebnis her und von der Art und Weise, wie wir das Spiel angegangen sind, war es für uns ein Rückschritt“, sagte der Fußball-Bundestrainer nach einem 1:1 am Samstagabend in der Puskas-Arena gegen Ungarn. Es war das dritte 1:1 binnen weniger Tage und doch ist das Remis gegen die engagierten Ungarn, Nummer 40 der Fußball-Weltrangliste, ganz anders, als die beiden vorangegangenen Unentschieden gegen Italien und England: Das biedere 1:1 gegen Italien zu Beginn der Nations-League-Saison war noch ein bisschen egal, nach dem England-Spiel wähnte man die WM-Mission auf dem Weg – und nun, nach dem Abend von Budapest, steht ganz viel wieder in Frage: vor allem das Selbstverständnis. Flick fand vergleichsweise deutliche Worte: „Wir haben nicht das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben.“

Nur eine knappe Handvoll Chancen hatte die Mannschaft herausgespielt, deren Trainer sehr klar das Ziel „WM-Titel“ herausgegeben hatte. „Es fehlt so ein bisschen die Überzeugung. Wenn man in die Gesichter in der Kabine geschaut hat, waren alle sehr enttäuscht“, sagte Flick nun. Über die sportliche Relevanz der Nations League lässt sich streiten, Siege aber, die sind wichtig. Egal, in welchem Wettbewerb. Das hatte Flick erst zuletzt nach dem 1:1 gegen England betont, nach dem ebenfalls alle enttäuscht waren – weil nach einer starken Leistung ebenfalls nur ein Remis stand. „Ich kenne es aus der Erfahrung mit der Nationalmannschaft, aber auch mit Bayern München, dass Siege wichtig für das Selbstvertrauen, für ein Selbstverständnis auch innerhalb der Mannschaft sind, dass man Spiele gewinnen kann, dass man die Qualität hat. Daran arbeiten wir. Das sind die Dinge, die wir uns erarbeiten müssen.“ Gegen die Ungarn machte Flicks Ensemble den nächsten Schritt in die Verunsicherung: Es sei augenfällig, „dass bei uns komplett in der Mannschaft die Überzeugung fehlt“, sagte der Bundestrainer.

Widerwilliges Lob für Neuer

Die großen Hoffnungen auf Fortschritte auf dem Weg zu einem positiven WM-Ergebnis sind erstmal wieder vom Tisch gewischt: „Wir haben einfach ohne Überzeugung aufgebaut, waren zu schleppend im Spielaufbau“, sagte Flick. „Wir haben es dem Gegner relativ einfach gemacht, kompakt zu stehen. Und klar muss man auch sagen, dass wir in der Defensive schon das Eine oder Andere zugelassen haben, was einfach nicht sein darf.“ Es ist Flicks gnädige Chiffre für „Hinten wackelig, vorne harmlos, dazwischen uninspiriert“.

DFB-Legende Olaf Thon, Weltmeister 1990 und einst Flicks Mitspieler beim FC Bayern, attestierte dem DFB-Team, „die unterlegene Mannschaft gegen zweitklassige Ungarn“ gewesen zu sein. Deshalb musste Flick auch wieder widerwillig über seinen besten Mann sprechen: Torwart Manuel Neuer. „Manu ist ein absoluter Weltklasse-Torhüter. Er hat uns heute diesen Punkt gerettet.“ Und Flick weiß: „Wenn ein Torwart herausragend ist, stimmt ein bisschen was im Spiel nicht.“

Dass wie schon gegen Italien wieder viel über Manuel Neuer gesprochen wird, dafür sorgte eine in manchen Momenten konfus auftretende Verteidigung, der der geschonte Chef Antonio Rüdiger merklich fehlte. Rechtsverteidiger Thilo Kehrer spielte gefühlt mehr Pässe in die Füße des Gegners, als dass der ehemalige Schalker in (Teilzeit-)Diensten von Paris Saint-Germain für offensive Akzente sorgte, Nico Schlotterbeck provozierte trotz der hochkarätigen, in seiner Schönheit leicht beckenbaueresken Vorarbeit zum Ausgleich, Zweifel daran, ob er schon bereit ist auf regelmäßige Duelle auf höchstem Niveau. Der Neu-Dortmunder wird gegen Italien gesperrt fehlen. David Raum auf der linken Seite reihte an seine starke Leistung gegen England ein vor allem defensiv kompliziertes Länderspiel.

Was macht Werner?

Im Verbund bereitete die deutsche Mannschaft ihrem Trainer eine Menge Stress. Gegen die Ungarn schickte der erfahrene Niklas Süle seinen Nebenmann Schlotterbeck mit einem schlampigen Kurzpass ohne Bedrängnis derartig in die Bredouille, dass dieser Foul spielen musste und sich mit seiner zweiten Gelben Karte in der Nations League das Ende der Länderspielsaison 2021/2022 einhandelte. Unnötig, unkonzentriert. Rund fünf Monate vor dem Start der Weltmeisterschaft in Katar soll sich dieser Tage ein DFB-Gerüst einspielen. Dafür verzichtet Flick überraschend auf allzu große Rotation oder gar taktische und personelle Experimente. Großen Erfolg zeitigt das noch nicht.

Vor der Abwehr, die sich mit keineswegs auf sie zu kombinierenden oder wenigstens stürmenden Ungarn konfrontiert sah, trugen die nach einer langen Saison in Budapest überspielt und nur selten dynamisch wirkenden Kai Havertz, Leon Goretzka und Joshua Kimmich ihren Teil zu einem Fußballspiel bei, das im kollektiven deutschen Fußball-Gedächtnis keinen Platz finden wird. Es sei denn, als Ausgangspunkt eines Aufschwungs, der vielleicht doch noch zu etwas Großem führen wird. Aber das wird die Geschichte zeigen.

Und vorne vermeidet Timo Werner weiter konsequent Antworten auf die drängende Frage, wie er der deutschen Mannschaft derzeit überhaupt helfen will. Mit sechs Treffern (gegen Liechtenstein, Armenien, Island, Nordmazedonien und Israel) ist er weiterhin der erfolgreichste Angreifer der jungen Ära Hansi Flicks, doch mit gnädigen Worten beschreibt der Bundestrainer die aktuelle Situation: „Es ist schon so, dass er einen großen Aufwand hat und versucht, den Gegner unter Druck zu setzen“, sagte Flick, der immer wieder Werners besondere Laufwege gelobt hatte. „Dass er sich immer wieder anbietet. Aber wir haben einfach zu wenige Torchancen.“ Einmal beschwor der dauerglücklose Stürmer einen kurzen Augenblick der Gefahr herauf, als er wenige Meter vor dem Tor der Ungarn an den Ball gekommen war. Werner traf die falsche Entscheidung, versuchte sich an einem erfolglosen Dribbling – und sorgte bei Flick sichtbar für Verzweiflung. „Wir haben zu wenig Chancen, die richtigen Abschlüsse sind nicht zu sehen. Das ist unser Thema, daran müssen wir arbeiten. Wir sind in einem Entwicklungsprozess.“

Neuer will „Rakete zünden“

„Unabhängig davon, wie die Ergebnisse sind, wissen wir natürlich, dass wir immer noch im September noch einmal Zeit haben zu arbeiten und dann der richtige Druck – egal, wie wir dahin gehen – in Katar steigen wird“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff angesichts der nächsten wenig zwingenden Vorstellung der Mannschaft überraschend milde. Dabei ist das DFB-Ensemble ja nicht nur auf einer sportlichen Mission, sondern soll auch die Fußball-Nation nach lähmenden Jahren unter Joachim Löw wieder für das Premiumprodukt des DFB begeistern.

Die Ziele will der Bundestrainer nun nach dem Rückschlag nicht infrage stellen: „Es ist unser Anspruch und unser Ziel, das Final Four zu erreichen“, sagte der ehemalige Bayern-Erfolgstrainer: „Alles ist in der Gruppe eng beieinander, nichts ist entschieden. Jetzt müssen wir gegen Italien eine, zwei oder drei Schippen drauflegen. Wir werden versuchen, das aus der Mannschaft herauszukitzeln.“

Mit einem Sieg gegen Italien könnte trotz allem noch der erste Platz in der Gruppe 3 der Liga A erobert werden, den Flick wegen der sportlich wertvollen Finalteilnahme im Übergangsjahr 2023 in der Endabrechnung im September unbedingt erreichen will. Neuer, der in Budapest als einziger DFB-Spieler ohne Einschränkung überzeugte, versprach einen Befreiungsschlag fürs letzte Spiel vor der Sommerpause: „Wir haben schon gute Seiten von uns gesehen gegen Italien und gegen England. Das müssen wir ins Spiel gegen Italien mitnehmen. Da wollen wir dann eine Rakete zünden.“ Bleiben Feuerwerk oder wenigstens ein positiver Knalleffekt aus, ist der Schwung in Richtung Katar endgültig wieder weg.

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