Gibt es irgendeine Form internationaler Kontrolle von bekannten Wracks?
Nein. Diese Gefährdung wird stark unterschätzt: Wir wissen nicht immer, welche Schiffswracks geplündert werden. Wir wissen kaum, welche Schiffswracks durch Schleppnetze kaputtgehen. Unser fahrlässiger Umgang mit den Meeren scheint auch hier durch. Wir können per Google Maps überall auf der Welt herumzoomen, aber wenn es ums Meer geht, sind wir nahezu ahnungslos. Nehmen wir die recht überschaubare Ostsee: Selbst dort werden immer wieder neue Wracks entdeckt.
Ohne die Meere wäre unsere heutige Welt gar nicht denkbar.
Wir behandeln die Meere ausgesprochen schlecht, wenn wir bedenken, wie wichtig sie für uns sind. Die Meere und Ozeane spielen eine wichtige Rolle für das globale Klima, der Welthandel wird quasi über sie abgewickelt. Seit Jahrtausenden fahren die Menschen zur See, irgendwann haben sich unsere Vorfahren auf simplen Baumstämmen hinaus getraut. Und noch mehr: Möglicherweise hat bereits der Homo erectus einst Kreta über das Wasser erreicht. Darauf deuten zumindest gefundene Artefakte hin.
Stichwort Artefakte: Wie sollte mit der potenziell riesigen Masse an Funden aus Wracks umgegangen werden?
Es kann nicht alles geborgen werden. Jedes Museum wäre mit der schieren Masse überfordert. Wichtig sind die Funde, die uns etwas über die Vergangenheit verraten. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich habe auch weit weniger Einwände gegen professionelle Firmen, die Wracks zu kommerziellen Zwecken suchen, als manche Kollegen. Wenn in einem Schiffswrack 30.000 nahezu identische Vasen aus der chinesischen Ming-Dynastie gefunden werden, warum sollte so ein Unternehmen nicht 20.000 verkaufen dürfen, wenn sämtliche wissenschaftlichen Regeln eingehalten worden sind? Der Rest kann in die Museen. Das ist immer noch besser als die Raubgräber oder die Schleppnetze. Die lassen nichts übrig vom Wrack.
Nichts übrig geblieben wäre auch beinahe vom Unterseeboot „U 16“ der Kaiserlichen Marine, das das deutsche Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) im letzten August vor Scharhörn heben ließ. Das Wrack sollte verschrottet werden, bei der Bergung zerbrach es.
Das war ein unglaublicher Skandal, das hätte niemals passieren dürfen. Es war für die Forschung eine Art Super-GAU, und das in unseren eigenen Gewässern. Das WSA dachte, sie könnten eben mal ein solches historisch bedeutsames Wrack entfernen, der Denkmalschutz ist nicht einmal vorher gefragt worden. Doch dafür gibt es archäologische Behörden in Deutschland, sie entscheiden, was historisch wertvoll ist und was nicht. Immerhin werden die Wrackteile nun wohl ausgestellt.
Der beste Aufbewahrungsort für Funde bleibt aber doch im Grunde der Meeresgrund, wo Sedimente vieles bewahren?
Das stimmt. Sobald wir etwas nach oben holen, beginnt der Kampf gegen den Verfall. Korrosion durch Kontakt mit Sauerstoff ist ein riesiges Problem. Die Konservierung ist hingegen aufwendig und kostspielig. Deswegen muss man sorgfältig planen, was man hochholt und wozu. Allein die Gegenstände auf der „Titanic“ gehen in die Millionen; was auf allen Wracks der Welt insgesamt liegt, kann man sich gar nicht vorstellen.
Nehmen wir die schwedische „Mars“, sie war bis zu ihrem Untergang 1564 das größte Kriegsschiff Europas. Sie liegt auf 80 Metern, das war anstrengend, dort zu arbeiten. Wir haben damals etwa eine Kanone hochgeholt, aber nicht irgendeine: Ihr Lauf war geborsten, das zeigt, wie dramatisch diese Schlacht war, in der die „Mars“ explodierte.
Gibt es eine Art Sehnsuchtswrack, das Sie gerne finden würden?
Wer weiß, welche Überraschungen da draußen noch liegen mögen. Großartig wäre es, ein Wikingerschiff vor Grönland zu finden. Das wäre eine Sensation. Wir wissen, dass die Wikinger dorthin gesegelt sind und dort lebten, aber eines ihrer Schiffe ist dort noch nicht gefunden worden. Falls es denn eines geben sollte.
Herr Huber, vielen Dank für das Gespräch.
