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Wie geht der Kampf um den Donbass weiter?

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Mit Lyssytschansk fällt am Wochenende eine weitere große ostukrainische Bastion. Während der Kreml einem seiner Kriegsziele immer näher kommt, hängen Kiews Erfolge auch weiterhin vom Westen ab.

Es war tatsächlich das erste Mal seit längerer Zeit, dass der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu seinem Chef Wladimir Putin so etwas wie einen Erfolg zu überbringen hatte. Nun, wieder nach wochenlangen, erbitterten Kämpfen, konnte Schoigu am Wochenende die Botschaft verkünden, dass die beiden Zwillingsstädte Lyssytschansk und Sjewjerodonezk – und damit die ganze Oblast Luhansk – eingenommen sind. Ende Mai hatte es ähnlich lange gedauert, die südukrainische Hafenstadt Mariupol einzunehmen.

Aus Moskaus Sicht hat die Einnahme der beiden Städte mehrfache Bedeutung. Da ist zunächst der symbolische Wert. Nachdem 2014 der Krieg in der Ostukraine ausgebrochen und die Stadt Luhansk in russische Hände gefallen war, diente Sjewjerodonezk als ukrainischer Regierungshauptsitz des Bezirks – und war ähnlich wie Mariupol damit Symbol des ukrainischen Widerstands.

Und auch militärisch hat die Eroberung durchaus einen Wert für Moskau. „Solange Russland die Stadt selbst angreift, können die Ukrainer die russischen Streitkräfte in Häuserkämpfe verwickeln“, erklärt Militärexperte Gustav Gressel im Gespräch mit ntv.de. „Für die Ukrainer ist das ein Vorteil, weil sie zwar mehr Infanterie, aber weniger schwere Waffen haben.“ Bei den russischen Truppen sei das genau umgekehrt: „Sie werden damit in ein Gelände gezwungen, für das sie das falsche Setup haben“, sagt der Russland-Experte und Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR).

Wie geht’s im Donbass weiter?

Aus ukrainischer Sicht fällt der damit verbundene Zeitgewinn nun weg. Olexij Arestowytsch, ukrainischer Präsidentenberater, nannte es dennoch den letzten russischen Sieg auf ukrainischem Territorium. Und wertete es dazu als nicht besonders großen Erfolg. Schließlich hat Moskau rund 90 Tage gebraucht, die beiden mittelgroßen Zwillingsstädte einzunehmen – und teilweise auch dem Erdboden gleichzumachen. Bereits vor Wochen zerstörten die Kremltruppen sämtliche Brücken, die nach Sjewjerodonezk führten, um Versorgungswege zu kappen. Lyssytschansk war einst eine Industriestadt, im russischen Abnutzungskrieg wurde sie komplett zerstört.

Den ukrainischen Verteidigern wurde am Ende wohl ein russischer Durchbruch südöstlich von Lyssytschansk zum Verhängnis. Russischen Truppen sei es gelungen, zwei Höhenzüge hinter der Stadt zu erobern, erklärt Militärexperte Gressel. Von dort aus hätten sie nicht nur Einsicht auf die Versorgungslinien gehabt, sondern konnten ukrainische Truppenbewegungen mit Artillerie beschießen. Der Rückzug der Ukrainer sollte einer Einkesselung zuvorkommen, hieß es von der Armee. Ihr Abzug war deshalb nicht überstürzt, bereits seit Tagen evakuierten sie nachts Lyssytschansk.

Nach Gressels Einschätzung ist die Ukraine dafür vorbereitet, wenn Russland sich dem restlichen Donbass zuwendet. Die nächsten Verteidigungslinien befänden sich demnach vor den ukrainischen Widerstandshochburgen in Bachmut und dann ein wenig westlich davon vor Kramatorsk. „Dort sind bereits seit 2014 große Stellung vorbereitet worden, die sich dementsprechend gut verteidigen lassen. Darauf konzentrieren sich jetzt die ukrainischen Streitkräfte“, sagt Gressel. Auch der britische Geheimdienst erwartet in seinem täglichen Lagebericht, dass die Verteidigung für die Ukraine nun leichter werden würde. Die russischen Truppen hätten die Zwillingsstädte von drei Richtungen aus attackiert, dahinter warte eine gestärkte Frontlinie auf Moskaus Truppen.

Auch Russland kämpft mit Problemen

Kurzfristig könnte der Fall Lyssytschansks der Ukraine also vielleicht sogar helfen. Doch wie sich der Abnutzungskrieg um den Donbass langfristig entwickelt, ist auch abhängig von den westlichen Waffenlieferungen. „Die Ukraine sagt es selbst: Es kommt zu wenig und zu langsam“, erklärt Gerhard Mangott, Professor für internationale Beziehungen und Russland-Experte an der Universität Innsbruck, im Gespräch mit ntv.de. Als Beispiel nennt er die Mehrfachraketenwerfer, die von den USA geliefert wurden. Die Ukraine hat vier HIMARS-Systeme bekommen, auf russischer Seite gebe es Hunderte ähnlicher Systeme, sagt Mangott. Er erwartet, dass sich die russische Seite in den eroberten Stellungen weiter eingraben werde.

Mit den restlichen ukrainischen Städten im Donbass wird Russland sich weiterhin schwertun. Aber: „Für die Ukraine stellt sich die Frage, wann die schweren Waffen aus dem Westen kommen und ob das noch rechtzeitig ist, um den Russen die Initiative wieder entreißen zu können“, sagt Gressel. Sie hätten zwar schwere Waffen geliefert bekommen, die glichen jedoch nur die Kriegsverluste aus. „Es fehlt die schwere Ausrüstung, um im offenen Gelände jenseits von Ortschaften bestehen zu können“, sagt Gressel.

Dagegen wird es auf russischer Seite wohl kaum am Material scheitern, die Reserven sind offenbar groß. Dennoch kommen im Donbass mittlerweile ausgemusterte Fahrzeuge und Waffen aus Sowjetzeiten zum Einsatz.Das lässt sich auf zwei Weisen deuten: Entweder gehen Moskau die Hochpräzisionswaffen aus oder der Kreml hat bewusst entschieden, weniger teure Waffen einzusetzen, die zugleich auch ungenauer und damit auch tödlicher für die Zivilbevölkerung sind. Auch wenn es unter den Analysten die Minderheitenposition sei, neigt Mangott zur zweiten Lesart.

Droht ein „schlechter Frieden“?

Vielmehr steht der Kreml vor einer anderen Herausforderung. „Das Hauptproblem auf der russischen Seite ist das Personal“, sagt Militärexperte Gressel. Davon hängt ab, wie lange die Kremltruppen einen Abnutzungskrieg im Donbass durchhalten könnten. Bei der Eroberung der beiden Zwillingsstädte habe Russland vor allem auf Kräfte aus den selbsternannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk zurückgegriffen, sagt Gressel. „Dabei handelt es sich jedoch um einen Pool, der nur einmal ausgehoben werden kann und bis zum Ende des Sommers verbraucht ist.“

Innerhalb Russlands sollen Reservisten zwar reaktiviert werden, „aber mit der gegenwärtigen Informationslage ist es sehr schwer, zuverlässig zu beurteilen, wie gut diese Rekrutierungsbemühungen laufen“, so Gressel. Der Kreml plane dennoch, den Krieg auf jeden Fall bis ins nächste Jahr weiterzuführen. „Sollte Russland das aktuelle Tempo der Rekrutierungen aufrechterhalten, dann schaffen sie es, den Krieg relativ lange durchzuhalten“, sagt Gressel. Er rechne damit, dass Russland etwa bis zum nächsten Frühjahr brauchen werde, um den restlichen Donbass einzunehmen.

Damit droht bereits nach dem kommenden Winter ein Szenario, vor dem der britische Premierminister Boris Johnson bereits vor Wochen gewarnt hat. Denn im Winter werden sich in Westeuropa die Energieknappheit und steigende Lebenshaltungskosten weiter bemerkbar machen. Johnson prognostizierte, dass der Druck wachsen werde, die Ukraine zu einem „schlechten Frieden“ zu bewegen oder sogar zu zwingen. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass ein russischer Sieg nicht nur gefährlich für die internationale Sicherheit sei, sondern auch zu einer „langfristigen wirtschaftlichen Katastrophe“ führen würde.

Militärexperte Gressel sieht bereits Tendenzen in Richtung eines „schlechten Friedens“. „Ich fürchte, dass einige westliche Politiker noch nicht mit der Option eines ’schlechten Friedens‘ gebrochen haben.“ Zumal er den Begriff „Frieden“ in diesem Kontext für übertrieben halte. „Es wäre ein Waffenstillstand für die nächsten drei bis fünf Jahre. Die jetzigen europäischen Regierungen wären dann abgewählt, der Krieg in der Ukraine wäre nicht mehr deren Problem.“ Für die Ukrainer würde der Krieg jedoch dann wieder beginnen.

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