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Spenden für die Ukraine zwischen Bildern aus Auschwitz

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Eigentlich ist das polnische Pilecki-Institut eine Forschungs- und Bildungseinrichtung. Doch in den Ausstellungsräumen seiner Berliner Filiale, zwischen Bildern aus dem KZ Auschwitz, werden seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine Spenden für das überfallene Land gesammelt.

Am Pariser Platz in Berlin, direkt neben der französischen Botschaft und einem beeindruckenden Blick auf das Brandenburger Tor, befindet sich seit September 2019 die Berliner Filiale des Pilecki-Instituts. Es handelt sich dabei um eine staatliche Forschungs- und Bildungsstätte aus Polen, die in der heutigen Form 2018 auf Beschluss des polnischen Parlaments entstand. Aufgabe der Institution ist nicht nur klassische Archiv- und Forschungsarbeit, sondern auch die Verbreitung von Wissen über die nationalsozialistischen und kommunistischen Verbrechen, denen Polen zum Opfer fiel. So arbeitet die Berliner Zweigstelle nicht nur mit dem Bundesarchiv zusammen, sondern veranstaltet auch Podiumsdiskussionen und bietet deutschen Lehrern Fortbildungsseminare an.

Im Mittelpunkt der Berliner Räumlichkeiten steht jedoch die Ausstellung über Witold Pilecki, den Namensgeber des Instituts, der das Schicksal Polens im 20. Jahrhundert auf tragische Weise symbolisiert. Als Widerstandskämpfer ließ sich Pilecki im September 1940 unter falschem Namen bei einer Razzia verhaften, um in das Konzentrationslager Auschwitz zu gelangen – er ist der einzig bekannte Mensch, der dies tat. „Der Freiwillige“, wie eine im Oktober dieses Jahres auch in deutscher Sprache erscheinende Biografie des englischen Autors Jack Fairweather über Witold Pilecki heißt, organisierte eine Widerstandsgruppe in dem Konzentrationslager und verfasste Berichte über die in Auschwitz begangenen Verbrechen der Deutschen. Dank seines Muts hatten die westlichen Alliierten bereits ab 1941 erste Informationen über die Geschehnisse in dem Konzentrationslager, aus dem Pilecki 1943 mit einigen Mitstreitern die Flucht gelang.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Pilecki Opfer des nächsten totalitären Systems. 1948 wurde er durch die neuen und von der Sowjetunion abhängigen kommunistischen Machthaber wegen angeblicher Spionage bei einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Erst nach der politischen Wende 1989 durfte wieder an sein tragisches Schicksal erinnert werden.

Derzeit findet man in den Berliner Ausstellungsräumen keine Besucher, die sich über Pileckis Schicksal informieren wollen. Trotz der Informationstafeln, Fotos und Ausstellungsstücke, die den schrecklichen Alltag im Konzentrationslager Auschwitz dokumentieren, fühlt man sich hier eher wie in einer Lagerhalle. So stapeln sich unter einer Tafel mit der Aufschrift „Wer Polnisch spricht, ist unser Feind“ Pakete mit Erste-Hilfe-Sets in olivgrüner Farbe. Unweit der Räume über das Krankenlager in Auschwitz werden Rucksäcke mit medizinischem Equipment zusammengestellt, von denen jeder einen Gesamtwert von 2000 Euro hat. Andere Teile der Ausstellung dienen als Lager für Medikamente und Medizintechnik – alles dringend in der Ukraine benötigte Spenden, die von in Berlin lebenden Ukrainern und ihren Organisationen wie der Ukraine-Hilfe Berlin e.V., dem Pfadfinderbund Plast oder dem Verein Vitsche gesammelt und seit Ende Februar im Pilecki-Institut für den Transport in die Ukraine vorbereitet werden.

(Foto: Thomas Dudek)

„Den Paketen legen wir auch Briefe bei, die wir hier schreiben. Wir wissen zwar nicht, wer diese bekommt, aber wir wollen den Menschen in der Ukraine Mut machen“, sagt Krystyna Grusak. Die junge Ukrainerin, die bereits seit einigen Jahren in Berlin lebt und als Krankenschwester arbeitet, ist eine der ukrainischen Freiwilligen, die im Pilecki-Institut nun ihre Freizeit verbringen und Hilfsgüter für ihre Heimat zusammenpacken. Ein mittlerweile gar nicht mehr so leichtes Unterfangen. „Am Anfang war die Spendenbereitschaft noch groß“, erzählt Krystyna Grusak. „Doch mittlerweile lässt sie nach und wir müssen einige Produkte aus eigener Tasche zahlen, um Hilfslieferungen zu vervollständigen.“

Die Arbeit der Freiwilligen wird aber nicht nur durch nachlassende Spendenbereitschaft erschwert, sondern auch durch einige der Spenden selbst. „Zu unseren Spendern gehören auch Krankenhäuser. Doch manche Medikamente oder andere medizinische Produkte, die sie uns geben, sind schon abgelaufen. Die müssen wir erst aussortieren und stehen am Ende oft mit fast leeren Händen da.“

Neue Heimat für Ukrainer

Im Pilecki-Institut werden nicht nur Spenden für die Ukraine gesammelt. Im Eingangsbereich des Instituts wird seit Mitte Mai die Ausstellung „Ukraine. Krieg in Europa“ gezeigt. Diese hat die Schau „Voices of Ukraine“ abgelöst, die aus Schautafeln bestand, auf denen Ukrainer über ihre Kriegserfahrungen berichteten. Zusammengestellt hat diese Ausstellung Vitsche Berlin, eine zivilgesellschaftliche Organisation in der Hauptstadt lebender Ukrainer. „Voices of Ukraine haben wir auf die Schnelle organisiert, indem wir Freunde und Freunde von Freunden gebeten haben, ihre Erlebnisse zu dokumentieren“, erzählt Anton Dorokh. Der aus Donezk stammende Künstler lebt seit 2014 in Berlin und ist einer der Mitinitiatoren von Vitsche.

Die Zusammenarbeit von Vitsche und dem Pilecki-Institut beschränkt sich nicht nur auf diese Ausstellung. An den im März von russischen Soldaten ermordeten Pressefotografen Maks Levin erinnerte man, indem innerhalb weniger Tage eine kleine Ausstellung mit seinen Kriegsfotografien organisiert wurde, bei der auch Geld für seine Familie gesammelt wurde. Im Mai wiederum trat Vitsche mit einem aufsehenerregenden Film an die Öffentlichkeit, mit dem in Deutschland eine differenziertere Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg initiiert werden soll. „Das ist hier schon unser zweites Zuhause“, sagt Dorokh, der mit dem Blick auf den Krieg in seiner Heimat die Zusammenarbeit mit der Berliner Filiale des Pilecki-Instituts als „metaphorisch“ bezeichnet.

Neue Sichtbarkeit der Osteuropäer in Berlin

Dass das Pilecki-Institut zu einem Zentrum der in Berlin lebenden Ukrainer wurde, ist einem anderen Nachbarland der Ukraine geschuldet: Belarus. „Nachdem im August 2020 in Belarus die Proteste gegen den Diktator Aleksandr Lukaschenko begannen, haben wir uns entschlossen, mit Ausstellungen und Veranstaltungen der dortigen Opposition auch hier in Berlin eine Stimme zu geben“, berichtet Hanna Radziejowska, die Direktorin des Berliner Pilecki-Instituts. „So kam die Zusammenarbeit mit RAZAM e.V., einer Organisation in Deutschland lebender Belarussen, zustande. Diese haben wir nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine gefragt, ob sie Kontakt zu hier lebenden Ukrainern haben. Und schon wenige Tage nach Kriegsbeginn wurden hier die ersten Spenden für die Ukraine gesammelt und die ersten Veranstaltungen durchgeführt“, erzählt Radziejowska. „Da unsere Ausstellung über Witold Pilecki neu konzipiert wird, haben wir auch Räume, die genutzt werden können.

Wie Radziejowska betont, hat es noch andere Gründe, dass ausgerechnet das polnische Pilecki-Institut seine Türen für in Berlin lebende Ukrainer und Belarussen öffnete. „Polen, Belarus und die Ukraine haben eine lange gemeinsame Geschichte. Das schafft Verständnis und verbindet.“ Auch wenn hinzugefügt werden muss, dass diese gemeinsame Geschichte nicht immer einfach war. Diese schwierigen gemeinsamen historischen Beziehungen spielen heute jedoch keine Rolle. Swetlana Tichonowskaja, die Symbolfigur der belarussischen Opposition, nahm auf Einladung ihrer in Berlin lebender Landsleute mittlerweile an drei Diskussionsveranstaltungen im Pilecki-Institut teil. Kateryna Sukhomlynova, eine Stadtabgeordnete und Überlebende von Mariupol, die es sich zu ihrer Aufgabe gemacht hat, die Öffentlichkeit über die Gewalttaten der russischen Armee in der über Wochen belagerten Hafenstadt am Asowschen Meer zu informieren, erzählte hier über ihre schrecklichen Erlebnisse. „Ich bin dankbar für diese Möglichkeit“, sagt Sukhomlynova.

Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, warum keine deutsche Institution auf die Idee kam, den in Deutschland lebenden Ukrainern Räume und eine Plattform zu bieten und sie somit sichtbar zu machen. Vor allem in Berlin, wo viele von ihnen leben. Was aber nicht bedeutet, dass deutsche Institutionen nichts für die Ukraine tun. Um ukrainische Archive zu retten, spendete etwa das Bundesarchiv säurefreie Kartons und Scanner, die im Mai in die Ukraine geliefert wurden. Die Spendenaktion organisierte das Pilecki-Institut in Zusammenarbeit mit RAZAM e.V. und ukrainischen Organisationen in Deutschland.

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