HomePolitikMögliche Folgen eines Krieges: Hunderttausende ukrainische Geflüchtete in der EU? - Politik

Mögliche Folgen eines Krieges: Hunderttausende ukrainische Geflüchtete in der EU? – Politik

Fluchtforscher:innen rechnen im Fall eines neuen Krieges mit mehreren hunderttausend Flüchtlingen aus der Region in Länder der Europäischen Union. Unter Umständen könnten sich die Flüchtlingszahlen auch zu Millionen addieren, schreiben Franck Düvell, leitender Wissenschaftler am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück, und Irina Lapshyna von der Ukrainischen Katholischen Universität Lwiw.

Ihre Studie, die als „Gedankenexperiment“ bezeichnen, liegt dem Tagesspiegel vor.

Beide legen dabei Zahlen zugrunde, die aus militärischen Interventionen und Konflikten der vergangenen 25 Jahre im post-sowjetischem Raum bekannt sind. So wurden durch russisches Eingreifen nach dem Aufstand in der Ukraine ab 2014 etwa 1,6 Millionen Menschen vertrieben, von denen bis heute gut 200 000 zurückgekehrt sind, 1,45 Millionen Binnenvertriebene gibt es weiterhin. Umkämpft waren die stark städtischen und industrialisierten Provinzen Luhansk und Donezk in der Ostukraine. Insgesamt sei fast die Hälfte der Bevölkerung dieser Gebiete vertrieben worden.

Sechs Millionen Menschen könnten vertrieben werden

Düvell und Lapshyna nennen zwei Szenarien und errechnen dafür mögliche Vertriebenenzahlen – wobei sie das Muster der Vertreibungen von 2014 zugrundelegen: Sollte Moskau planen, einen Landkorridor zwischen eigenem Territorium und der 2014 annektierten Krim zu besetzen, könnten „drei bis zu 50 Prozent der Bevölkerung der betroffenen Provinzen oder 1,7 Millionen Menschen vertrieben werden, von denen etwa ein Viertel oder 400 000 nach Russland und 1,2 Millionen in die übrigen westlichen Provinzen der Ukraine ziehen könnten“.

Sollte hingegen die Invasion des gesamten Gebiets östlich des Flusses Dnjepr geplant sein, was bereits 2014 militärisches Ziel Russlands war und es geblieben sein dürfte – hier zitieren Düvell und Lapshyna den privaten geopolitischen US-Informationsdienst Stratfor – „könnten bis zu acht Millionen Menschen aus den betroffenen Provinzen vertrieben werden“. Zwei Millionen könnten nach Russland ausweichen, die übrigen würden versuchen, anderswo in der Ukraine Schutz zu suchen, viele zum zweiten Mal.

In diesem Fall sei es „unwahrscheinlich, dass die Ukraine, eines der ärmsten Länder Europas, das stark unter der Transformation nach 1991 und der russischen Aggression von 2014 gelitten hat, in der Lage ist, eine Vertreibung in so großem Umfang zu bewältigen. Es ist unvermeidlich, dass ein Teil davon versuchen würde, weiter nach Westen in die EU zu fliehen“.

In Polen und Deutschland hätten Geflüchtete Familie

Düvell und Lapshyna warnen zwar, dass sich aus dem Vertreibungsmuster von 2014 nicht zwangsläufig eines für heute folgern ließe und weisen darauf hin, dass viele Faktoren nicht berechenbar seien, etwa die Intensität der Kämpfe oder das Zugehörigkeitsgefühl der Bevölkerung zu Russland, das durch frühere Aggressionen wohl schwächer geworden sei.

Andererseits liege die Ukraine nur neun Autostunden von Berlin, vier Stunden von Warschau oder Budapest entfernt, und viele Ukrainer hätten Verwandte und Freunde in der EU, die sich als Migrationsnetz anbieten. Allein in Polen und Deutschland leben 1,3 Millionen beziehungsweise 250 000 Ukrainer:innen, eine unbekannte Zahl in Irland und Griechenland.

Beide Autor:innen erinnern zudem daran, dass Putin schon früher bereit war, Flüchtlinge als Druckmittel gegen die EU einzusetzen. Das habe er – im Fall von Belarus – nicht erst in diesem Herbst getan, sondern auch schon 2015/16, als er 40 000 Geflüchtete aus Syrien und dem Irak über Russland nach Norwegen und Finnland schickte.

Am Dienstag schürte Wladimir Putin erneut die Furcht vor einem großen Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine. Sollte der Westen seine „eindeutig aggressive Haltung“ nicht aufgeben, „werden wir die angemessenen militärisch-technischen Vergeltungsmaßnahmen ergreifen“, erklärte der Kremlchef.

Man könne nichts vorhersagen und wolle „auch keinen übermäßigen Alarm auslösen“, schreiben Düvell und Lapshyna. „Es deutet jedoch darauf hin, dass unter bestimmten Bedingungen (…) eine groß angelegte Vertreibung ausgelöst werden könnte, die auch eine große Zahl von Geflüchteten – mehrere Hunderttausend, wenn nicht Millionen – in die EU bringen würde.“

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