HomePolitikMission Bogota: Im Dienst, wo der Frieden flüchtig ist - Politik

Mission Bogota: Im Dienst, wo der Frieden flüchtig ist – Politik

Kann es in einem Land Versöhnung geben, das von einem jahrelangen blutigen Bürgerkrieg tief gespalten ist? In dem mehr als 200 000 Menschen starben, Untergrundkämpfer, friedliche Bürgerinnen und Bürger, die entführt, gefoltert, zum Dienst mit der Waffe gegen das eigene Volk gezwungen wurden? Peter Ptassek, deutscher Botschafter in Kolumbien seit 2018, ist davon fest überzeugt. Der 59-jährige Diplomat, von messianischem Sendungsbewusstsein weit entfernt, ist in aller Nüchternheit des erfahrenen Krisenmanagers – er war ziviler Leiter des Provincial Reconstruction Teams in Afghanistan – sich sicher, dass die Staaten der Europäischen Union hier, im Herzen Südamerikas, so etwas wie eine Jahrhundertaufgabe haben.

Haben sich nicht diese Europäer nach einem verheerenden Weltkrieg über den Schlachtfeldern von einst die Hand der Versöhnung gereicht? Wer, wenn nicht Europa kann hier Wege aufzeigen? Und haben nicht gerade die Deutschen mit ihrer in Südamerika viel mehr als im eigenen Land bewunderten Kanzlerin seit 15 Jahren eine Führungspersönlichkeit, die Konflikte mit Verstand zu lösen wusste?

Vom Naturell her eher kontrolliert

Man mag das alles übertrieben finden. Peter Ptassek, der Philosophie, Germanistik und Literaturwissenschaften studiert hat, schildert die Lage auch mit einem gewissen Schuss Distanz zu sich selbst. Er ist vom Naturell her eher kontrolliert, im Umgang mit seinem Gegenüber distanziert. Aber gerade weil Ptassek die Lage im Land selbst mit einer für den Botschafter ungewöhnlichen Deutlichkeit beschreibt, ist dieser feste Glaube an die Kraft der Diplomatie zur Veränderung so bemerkenswert. Hier muss nicht nur nach Deutschland rapportiert, hier können bei einer Entwicklung zu Freiheit und Rechtstaatlichkeit entscheidende Impulse gesetzt werden.

Peter Ptassek, deutscher Botschafter in Kolumbien.Foto: promo

Die enge historische Beziehung Kolumbiens zu Deutschland geht auf die Forschungsreisen Alexander von Humboldts zurück. „Er kam nicht als Eroberer, sondern als Mensch mit Achtung vor der Natur“, beschreibt Ptassek die Humboldt-Rezeption im öffentlichen Bewusstsein Kolumbiens. „In Kolumbien hat man vor ihm mehr Hochachtung als in Europa.“

Warum konnte es überhaupt zu dem verheerenden Drogenkrieg kommen? Weil der Wohlstand so unterschiedlich verteilt ist zwischen den eher armen indigenen Einwohnern, den Nachfahren der importierten Sklaven und den wohlhabenden Familien, die ihren Ursprung in den spanischen Kolonialisten haben.

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Drei Viertel der Menschen leben in den Städten, das sind Inseln des Wohlstandes und der Sicherheit, sagte der Botschafter. Über viele andere Gebiete habe „der Staat nie eine Kontrolle“ gehabt. Und der Boden für die Drogenkriege wurde vermutlich auch in jenem sozialen Umfeld bereitet, das Peter Ptassek so beschreibt: „Es gibt herrschende Familien, die untereinander zusammenhängen. Es gibt eine ausgeprägte Elite, die aber klein ist, eine noch kleinere Mittelschicht und eine große Unterschicht. Es ist ein Land mit einer großen Ungleichheit.“

Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen

Soziale Ungleichheit befördert Konflikte bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Wenn die dann noch ideologisch überwölbt werden, wenn sich Drogenhandel und der Kampfruf „Kommunismus versus Freiheit“ vermischen, dann bedarf es schon fast übermenschlicher Kräfte und eines tief entschlossenen Willens, einen Weg zum Frieden unter Aufgabe alter Schützengräben zu finden. Und es gab Gegenden in Kolumbien, die die Hölle auf Erden waren, Medellin etwa, wo Mord, Totschlag und Straßenschlachten zwischen der terroristischen Untergrundorganisation Farc und dem Militär diese Stadt weltweit zum Inbegriff des Dante’schen Infernos machten. Dass kein Jahrzehnt später Medellin wieder ein beliebter Besuchsort und die Hafenstadt Cartagena zum Badeort der gestressten Großstädter aus Bogota geworden sind, konnte sich 2010 noch niemand vorstellen.

Aber dann begann 2016 der Friedensprozess, tagte jene Wahrheitskommission, ohne deren Beschluss zum Niederlegen der Waffen und zur absoluten Offenheit das Wunder von Kolumbien nicht geschehen wäre. Am 27. Juni 2016 kam es zum Waffenstillstand zwischen der Regierung und der Guerillabewegung Farc. Als der Weg Richtung Frieden unumkehrbar schien, wurde Präsident Juan Manuel Santos mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Dieser Friedensnobelpreis war in einer kritischen Phase der Versöhnungsgespräche so etwas wie ein Rettungsring, erinnert sich Peter Ptassek heute. Er war das Signal, dass die gesamte freie Welt von nun an auf Kolumbien schaute.

Opfer und Täter werden miteinander konfrontiert

„Die Zustimmung für den Friedensvertrag war da besonders groß, wo die Kämpfe am blutigsten waren“, analysiert Ptassek. Präsident der Wahrheitskommission ist der Jesuitenpater Francisco De Roux. Hier werden Täter und Opfer miteinander konfrontiert, und viele kennen sich, es waren ja immer wieder Nachbarn, die in der Nacht im Tarnanzug Häuser überfielen und Menschen entführten. Es gibt erschütternde Szenen, wie Mütter ihrem Gegenüber genau schildern, was geschah und weinend, anklagend herausschreien: „Was hast du mit ihr gemacht?“ In dieser Phase lernten die Kolumbianer auch, dass man sich über politische Konflikte unterhalten können muss, ohne sich dabei gegenseitig den Schädel einzuschlagen.

Taten sollen in einem Täter-Opfer-Ausgleich aufgearbeitet werden, nicht durch Gefängnisstrafen, sondern durch soziale Arbeit.

Kolumbien hat viele Flüchtlinge aufgenommen

Aber was kann Deutschland, was kann Europa da tun? Es klingt banal: Es gibt in Kolumbien keine Kataster, keine staatlichen Listen, aus denen hervorgeht, welcher Grund und Boden wem gehört. Das bedeutet freie Fahrt für die Willkür der Mächtigen, die sich Grundstücke aneignen und zu ihrem Eigentum erklären. Europa hilft hier mit einfachen Handreichungen: Wie baut man ein staatliches Kataster auf, um den nächsten Krieg wegen der unklaren Zuordnung eines Areals zu verhindern?

In keinem anderen Land Südamerikas gibt es so viele Bürgerkriegsflüchtlinge wie in Kolumbien. Allein aus Venezuela kamen zwischen 1,6 und 1,8 Millionen Flüchtlinge. Die deutschen Erfahrungen bei der Einordnung dieser Menschen in die Sozialsysteme können Vorbild für eine kolumbianische Regelung sein.

Kolumbien hat exzellente landwirtschaftliche Produkte, der Kaffee ist weltberühmt. Die EU kann den Zugang zu den europäischen Märkten erleichtern.

Die politischen Stiftungen von Adenauer- über Ebert- und Seidel- bis zur Böll-Stiftung können beim Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen helfen.

Peter Ptassek pflegt besonders auch die Kontakte zu sozialen Organisationen, die sich für Frauenrechte und gegen die Benachteiligung sozial Schwächerer engagieren. Ptassek kam 2018 als Botschafter nach Kolumbien. Man kann einen Botschafter natürlich fragen, was er sich als nächsten Einsatzort wünscht – und darf getrost davon ausgehen, dass er nicht antwortet. Die Äußerung solcher Vorstellungen in der Öffentlichkeit gilt als, nun, eben undiplomatisch und hätte vermutlich eine konträre Wirkung. Aber zu vermuten, dass Peter Ptassek den Friedensprozess in Kolumbien noch bis zu einem gewissen Abschluss begleiten möchte – dazu muss man ihm beim Erzählen einfach nur zuschauen. Und im nächsten Jahr wird in Kolumbien gewählt.

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