HomePolitikInterview zu den Plänen der EU: Grenzüberschreitend gegen den Krebs - Politik

Interview zu den Plänen der EU: Grenzüberschreitend gegen den Krebs – Politik

Experten behaupten: Wenn sich alle anstrengen, wird europaweit in 20 Jahren niemand mehr an Krebs sterben. Ist das nicht vielleicht etwas prahlerisch?

In der Tat muss man hier sehr aufpassen, um keine falschen Hoffnungen zu wecken. Es gibt keinerlei Garantie, dass wir das schaffen. Aber Forscher sagen, dass es möglich ist und dass dazu mehr Zusammenarbeit in Europa ein Schlüssel sei. Deswegen ist es wichtig, dass sich alle verpflichten, ihren Beitrag zu leisten.

Wo wäre denn mehr Zusammenarbeit besonders wichtig – und warum sollte sie grenzüberschreitend sein?

Besonders bei seltenen Krebsarten – und dazu gehört auch der Krebs bei Kindern – geht es ohne europäische Zusammenarbeit gar nicht. Und auch die häufigen Krebsarten werden durch personalisierte Medizin immer stärker in Untergruppen eingeteilt. Durch gezieltere Behandlung können wir die Heilungschancen steigern und Nebenwirkungen reduzieren, aber die Fallzahlen pro spezifischer Behandlung sind dann natürlich wieder sehr gering, so dass man unbedingt europäisch zusammenarbeiten muss.

Vor acht Monaten hat die EU-Kommission einen ambitionierten Plan zur Krebsbekämpfung vorgelegt. Das Konzept umfasst 42 Punkte. Es reicht von besserer Vorsorge bis hin zu mehr Lebensqualität für die schwer Krebserkrankten. Droht da nicht die Gefahr, sich zu verzetteln?

Das Problem sehe ich in der Tat. Es ist sehr wichtig, dass wir uns auf die Bereiche konzentrieren, wo Europa wirklich einen Unterschied machen kann, so zum Beispiel bei grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Forschung und einen leichteren Zugang von Patienten von Behandlung in einem anderen EU-Land.

Pro Jahr sterben in der EU 1,3 Millionen Menschen an Krebs. Wenn nichts geschieht, könnte sich diese Zahl bis 2035 verdoppelt haben, so die Schätzungen. Woran liegt das vor allem und wo sollte man mit den Gegenmaßnahmen beginnen?

Die Zunahme hat vor allem damit zu tun, dass wir andere Erkrankungen, wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer besser vermeiden und behandeln können. Krebs tritt vor allem bei älteren Menschen auf, deswegen steigt mit der Lebenserwartung auch das Krebsrisiko. Es hat aber leider auch mit unserem ungesunden Lebensstil zu tun. Anders als man in der Öffentlichkeit vielleicht denkt, sind nicht Autoabgase und Chemikalien die Hauptursache für Krebs.

Was sind denn die Hauptgründe?

Nach Auskunft der Weltgesundheitsorganisation sind es bei den 50 Prozent, bei denen wir die Ursache kennen, vielmehr vor allem vier Faktoren: Rauchen, Bewegungsmangel, Alkohol und natürliche Sonnenstrahlung – Stichwort Hautkrebs. Deswegen müssen wir hier ansetzen. Da wir aber bei den anderen 50 Prozent der Krebsfälle überhaupt nicht wissen, wie sie hervorgerufen werden, ist Forschung ein wichtiger Schlüssel. Und zwar erstens um die Ursache zu finden und zweitens um den Patienten, die heute schon erkrankt sind oder die in den nächsten Jahren erkranken, besser helfen zu können.

Prävention ist ein wichtiges Stichwort. Bis 2040 will die EU-Kommission erreicht haben, dass nur noch weniger als fünf Prozent der Bevölkerung Tabak konsumieren. Wie kann man den Menschen in so kurzer Zeit das Rauchen abgewöhnen?

Hier ist eine Vielzahl von Maßnahmen erforderlich. Besonders strittig ist die Frage, ob die E-Zigarette für schwere Raucher eine Alternative darstellen kann. Ich bin der Meinung: Ja. Die E-Zigarette ist nachweislich sehr viel weniger schädlich als das Rauchen von Tabak. Und wenn schwere Raucher anders nicht von der Zigarette wegkommen, sollte man ihnen diesen Weg ermöglichen.

Wie ist es mit gesünderer Ernährung, mehr Bewegung. Gibt es da auch Zielmarken?

Es gibt keine exakten Zielmarken für das Thema „Ernährung und Bewegung“, weil Fortschritte in diesem Bereich schwieriger zu messen sind. Aber es gibt durchaus konkrete Vorschläge. Zum Beispiel wollen wir, dass der Mehrwertsteuersatz auf Obst und Gemüse und gegebenenfalls auch auf Vollkornprodukte reduziert wird. Und das Schulobstprogramm der Europäischen Union soll intensiviert werden.

Dann ist da noch die Möglichkeit, die Vorsorge zu intensivieren. Durch die Coronakrise war es jetzt gerade andersherum, die Früherkennungs-Untersuchungen gingen bedenklich zurück. Das wird Folgen haben…

Ja, das ist in der Tat besorgniserregend. Viele Menschen hatten Angst in die Praxis oder ins Krankenhaus zu gehen, und teilweise wurde der Zugang auch zu sehr begrenzt. Es ist sehr wichtig, dass Krebsfrüherkennung jetzt, wo die Coronazahlen wieder steigen, absolute Priorität hat. Aufgrund der gesunkenen Teilnehmerzahlen müssen wir leider befürchten, dass viele Erkrankungen im Frühstadium übersehen wurden und man den Menschen dadurch schlechter helfen kann.

Die EU will die Mitgliedstaaten dabei unterstützen, bis 2025 für 90 Prozent der für eine Brustkrebs-, Gebärmutterhalskrebs- beziehungsweise Darmkrebsfrüherkennung infrage kommenden EU-Bürger Vorsorgeuntersuchungen anzubieten. Wie ist die Quote bisher? Und wie lässt sich ein besserer Zugang zur Früherkennung erreichen?

Beim Brustkrebsscreening liegen Dänemark und Finnland bei über 80 Prozent, Bulgarien aber nur bei knapp 20. Deutschland ist mit 51 Prozent im Mittelfeld. Bei der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs ist Deutschland mit in der Spitzengruppe bei 80 Prozent, auch hier liegt Bulgarien mit nur etwa 14 Prozent am Ende. Generell hat eine geringe Quote natürlich mit dem geringen Einkommen in den Ländern zu tun, aber nicht nur. Auch weit entwickelte, relativ reiche Mitgliedstaaten wie Italien haben bei der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs nur eine Quote von etwa 40 Prozent. Das finanzielle Problem kann man mit gemeinsamen Ausschreibungen abmildern, aber die Beispiele zeigen auch, dass Aufklärung und Voneinander-Lernen genauso wichtig sind.

Was ist mit der mRNA-Technologie, beispielsweise durch Firmen wie BioNTech und Curevac, die ja auch durch die EU gefördert wurden? Wie sind da die Chancen auf einen Durchbruch im Kampf gegen den Krebs, vergleichbar mit dem gegen Covid-19?

Die mRNA-Technologie bietet riesige Chancen. Die EU hat diese Technologie genau wie das Bundesforschungsministerium in den vergangenen Jahren vor allem gefördert, um den Kampf gegen den Krebs zu gewinnen. Wir können uns glücklich schätzen, dass die Entwicklung des BioNTech-Impfstoffs gegen Corona darauf aufbauen konnte und wir dadurch jetzt die Chance haben, aus der Pandemie rauszukommen. Meine Fraktion plädiert massiv für eine Intensivierung der Förderung.

Zum Ende des Jahres soll ein Bericht des eigens installierten Sonderausschusses zur Krebsbekämpfung vorgelegt werden. Was wird darin stehen?

Wir diskutieren gerade, was genau wir dem Plenum des Europäischen Parlamentes vorschlagen wollen. Wir sehen uns als Unterstützer und Antreiber der Kommission und gehen in der Tat an vielen Stellen über die Vorschläge der Kommission hinaus. Wir wollen es Forscherinnen und Forschern, die grenzüberschreitend arbeiten, leichter machen. Wir wollen die Patientenrechte stärken und wir wollen klare rechtliche Vorgaben, dass Überlebende von Krebs, die medizinisch als vollständig geheilt gelten, nicht ihr ganzes Leben diskriminiert werden. Dies haben einige europäische Länder schon implementiert. Deutschland und viele andere leider noch nicht…

Wo droht Krebs-Erkrankten und Überlebenden denn Diskriminierung – und wie lässt sie sich verhindern?

Wir erleben, dass ehemalige Krebspatienten, die lange geheilt sind, trotzdem ein großes Problem haben, eine Versicherung oder einen Kredit zu bekommen. In Ländern wie Frankreich und Belgien gibt es deshalb das sogenannte Recht auf Vergessen. Daran sollten wir uns alle orientieren. Und in bestimmten Bereichen gibt es auch die Möglichkeit, das durch EU-Recht festzuschreiben.

Was sollte sich bei Diagnose und Behandlung aus EU-Sicht ändern?

Aus Sicht meiner Fraktion ist es wichtig, dass sich Patienten, bevor sie sich für oder gegen eine Behandlung entscheiden, eine zweite Meinung einholen können. Das empfehlen wir dringend für alle Mitgliedsstaaten. Im Falle einer grenzüberschreitenden Behandlung wollen wir das gesetzlich verankern. Bisher dürfen Patienten zwar grundsätzlich ins Ausland gehen, wenn sie dort einen besseren Spezialisten für ihre seltene Krebserkrankung finden oder wenn sie aus familiären Gründen die Behandlung im Ausland wünschen, aber das Verfahren ist sehr kompliziert und oft wird die Genehmigung nicht erteilt, weil das Medizinsystem die Konkurrenz fürchtet. Deswegen muss es ein Recht auf eine zweite Meinung geben, wenn die Behandlung im Ausland abgelehnt wird.

Auch gute Forschung ist wichtig. Kleinere Start-ups und Universitäten tun sich bei den hohen Anforderungen, etwa für klinische Studien, oft sehr schwer. Wie lässt sich dieses Problem beheben?

Forschung ist aus unserer Sicht ein wichtiger Schlüssel zur Lösung des Problems. Eben weil wir 50 Prozent der Ursachen für Krebs noch gar nicht kennen und weil man auch Patienten, die auf Grund von Risikofaktoren erkranken, nicht alleine lassen darf. Es ist richtig, dass gerade kleine Unternehmen und Universitäten, aber auch Organisationen wie die Deutsche Krebshilfe mit den hohen Anforderungen oft nicht klarkommen. Hier brauchen wir eine Vereinfachung der grenzüberschreitenden Verfahren. Das ist in der Verordnung über klinische Prüfung vorgesehen, aber immer noch nicht ausreichend umgesetzt und wir brauchen gezielte Förderung, gerade für diese nicht-kommerziellen klinischen Prüfungen.

Sie haben vorhin das Thema Krebs bei Kindern genannt. Da ist es mit Forschung und klinischen Prüfungen wahrscheinlich besonders schwierig.

Krebs ist bei Kindern nach dem ersten Lebensjahr die wichtigste Todesursache – und wenn ein Kind an Krebs erkrankt ist, dann ist dies immer besonders dramatisch. Auf die Gesamtheit gesehen sind die Fälle jedoch selten, und deswegen kann nur grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei Forschung, klinischen Prüfungen und Behandlungen zum Ziel führen. In Zusammenarbeit mit Fachleuten, wie etwa Angelika Eggert von der Berliner Charité, haben wir daher das Thema „Bekämpfung von Krebs bei Kindern“ ganz besonders in den Mittelpunkt gestellt, denn wir werden Fortschritte nur durch europäische Zusammenarbeit erreichen.

Beim Thema Forschung ist oft auch der Datenschutz ein Problem. Muss sich an den Regelungen etwas ändern?

Die Europäische Datenschutzgrundverordnung sieht eigentlich vor, dass nach Einwilligung des Patienten medizinische Daten für die Krebsforschung und andere medizinische Forschung grenzüberschreitend genutzt werden können. Leider wird die Verordnung in den meisten Mitgliedsstaaten extrem unterschiedlich ausgelegt. Deswegen fordern wir klare Leitlinien der Europäischen Kommission, um den Forscherinnen und Forschern das Leben zu erleichtern. Falls das nicht hilft, wollen wir eine gezielte Änderung der Datenschutzgrundverordnung. 

Um die Vernetzung besser hinzubekommen, soll es für die EU künftig eine Art obersten Krebs-Botschafter geben, der oder die dann direkt bei der Kommissionspräsidentin angesiedelt wäre. Was bringt das?

In unseren Gesprächen mit Experten haben wir immer wieder gemerkt, dass die notwendige grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf vielfältige Hindernisse stößt. Auf Grund von unterschiedlichen nationalen Regeln oder auch kontraproduktiven europäischen Regeln. Deswegen schlägt meine Fraktion vor, dass wir einen Botschafter für den grenzüberschreitenden Kampf gegen Krebs bekommen. Diese Person soll direkt bei der Kommissionspräsidentin angesiedelt werden. Es geht ja schließlich nicht nur um Gesundheit, sondern auch um Forschung, Datenschutz und viele andere Fragen. Ein solcher Krebsbotschafter könnte nicht nur Ansprechpartner für alle Betroffenen sein, sondern mit der Autorität der Kommissionspräsidentin konkrete Vorschläge machen und Probleme lösen.

Wer käme dafür in Frage?

Welche Person das ist, ist aus meiner Sicht sekundär. Am besten wäre natürlich jemand, der in dem Thema bereits profiliert ist, also ein bekannter Forscher oder Patientenvertreter.

Peter Liese ist Arzt, Europaabgeordneter der CDU und Berichterstatter des Sonderausschusses im EU-Parlament zur Krebsbekämpfung. Das Interview führte Rainer Woratschka.

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