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Handel am Bosporus floriert trotz Sanktionen

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Die EU hat zwar ein Embargo gegen russische Importe verhängt. Dennoch kreuzen zahlreiche Schiffe den Bosporus auf dem Weg zu russischen und ukrainischen Häfen. Einige Frachter sollen in Odessa und Mariupol sogar Weizen laden. Nun scheint die EU gegen die Schlupflöcher vorgehen zu wollen.

Nur zwei Tage Schiffsreise liegen zwischen Istanbul und Odessa. Doch am Bosporus ist vom Krieg nichts zu spüren. Frachter und Tanker kreuzen die Meerenge zwischen Asien und Europa auf ihrer Fahrt von und zu russischen und ukrainischen Häfen – den westlichen Sanktionen zum Trotz. Der Handel ist dort in vollem Gange. Rund 40.000 Schiffe sind hier im Jahr unterwegs. An dieser Zahl habe auch der Krieg nichts geändert, sagen Experten. Die größten Schiffe der internationalen Unternehmen seien lediglich durch kleinere ersetzt worden.

Von seiner Terrasse mit Blick über den Bosporus beobachtet Yörük Isik seit einem Jahrzehnt den Schiffsverkehr. Mithilfe eines Netzwerks von Unterstützern, Tracking Apps und Satellitenbildern analysiert er Routen und Fracht. „Wir verfolgen die Schiffe von der Beladung bis zur Ankunft“, sagt Isik. Eine seiner Erkenntnisse: Frachter unter verschiedenen Flaggen laden Weizen sogar in von Russland blockierten oder kontrollierten ukrainischen Häfen wie Odessa, Tschornomorsk oder Mariupol. Durch den Bosporus werde das Getreide dann ins Mittelmeer nach Syrien verschifft, wo Russland einen Marinestützpunkt unterhält – und von dort weiter in den Libanon und nach Ägypten, sagt Isik.

„Russland stiehlt schamlos ukrainisches Getreide“, prangert der ukrainische Botschafter in Ankara, Wasyl Bodnar, an. „Allein im Mai haben wir zehn Durchfahrten registriert.“ Er gehe davon aus, dass viele weitere solcher Exporte unentdeckt blieben. Bei seinem Besuch in der Türkei sprach der russische Außenminister Sergej Lawrow über die Einrichtung von Seekorridoren und über Sicherheitsgarantien, um die Ausfuhr des in vielen Ländern dringend benötigten Getreides aus den Häfen in der Ukraine zu ermöglichen. Die Schuld an der Getreideblockade gab er der Ukraine.

Türkei verbietet nur Durchfahrt von Militärschiffen

Die Türkei hat sich den westlichen Sanktionen gegen Moskau wegen des Ukraine-Kriegs bisher nicht angeschlossen. Ende Februar verbot sie zwar die Durchfahrt von Militärschiffen durch den Bosporus und die Dardanellen und setzte damit den Vertrag von Montreux um. Dieses Abkommen von 1936 gewährt der Türkei die Souveränität über den Bosporus, das Marmarameer und die Dardanellen. Ankara habe aber nicht das Recht, Handelsschiffe abzufangen oder zu durchsuchen, argumentiert ein türkischer Diplomat, der anonym bleiben möchte.

Elizabete Aunina, Türkei-Expertin an der Universität Amsterdam, sieht hingegen durchaus Handlungsspielraum für Ankara: „Wenn wir uns die vagen Worte des Vertrags ansehen, lässt er viel Raum für Interpretation“, sagt sie. „Der Vertrag sah nicht vor, dass Handelsschiffe gestohlene Waren transportieren könnten.“ Um nicht tiefer in den Konflikt hineingezogen zu werden, halte sich Ankara jedoch an die einfachste Auslegung des Abkommens, analysiert Aunina.

EU will Schlupflöcher schließen

Die Europäische Union hat ein Embargo gegen russische Importe verhängt. Dennoch fahren Tanker unter griechischer oder maltesischer Flagge durch den Bosporus bis zu den russischen Häfen im Schwarzen Meer. Beobachter Isik machte auch alte türkische Schiffe aus, die „noch nie zuvor in diesem Gebiet gesehen wurden“ und plötzlich unter Billigflagge im russischen Noworossijsk auftauchten – „wahrscheinlich im Auftrag der russischen Regierung“. „Was hier geschieht, ist inakzeptabel“, sagt Isik.

Ohne es offen zuzugeben, hat auch die Europäische Kommission die Schlupflöcher der derzeitigen Sanktionsregelungen entdeckt, wie es in Brüssel heißt. Demnach soll in einem neuen Sanktionspaket geregelt werden, europäischen Schiffsbetreibern die Versicherung zu entziehen, wenn ihre Frachter auf frischer Tat ertappt werden.

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