HomePolitikChristos Christou: „Ärzte können keinen Völkermord stoppen“ - Politik

Christos Christou: „Ärzte können keinen Völkermord stoppen“ – Politik

Christos Christou ist promovierter Chirurg aus Griechenland ist seit 2019 Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen. Die Hilfsorganisation wurde im Dezember 1971 gegründet.

Herr Christou, seit der Gründung vor 50 Jahren hat Ärzte ohne Grenzen Millionen Opfer von Kriegen, Naturkatastrophen und Seuchen behandelt und versorgt. Die Organisation hat den Anspruch, Menschen unabhängig, unparteilich und neutral Hilfe zu leisten. Sie selbst sagen aber auch, dass Neutralität kein Synonym für Schweigen angesichts extremer Gewalt sein darf. Wann prangern Sie öffentlich extreme Gewalt an?

Wir verurteilen die inakzeptablen, gewaltsamen Rückweisungen und Pushbacks von Migranten auf dem Mittelmeer und an anderen europäischen Außengrenzen. Wir sprechen die unhaltbare Not in großen Flüchtlingslagern an, wie Cox’s Bazar in Bangladesch, wo vertriebene Rohingyas ihr Dasein fristen. Kein Mensch kann unter solchen Bedingungen wie dort leben.

Wir prangerten 1994 den Genozid in Ruanda an. Wir waren extrem schockiert über das, was vor uns passierte und sagten über unsere eigene Ohnmacht: Ärzte können keinen Völkermord stoppen. Wir erhoben unsere Stimme angesichts des Massakers in Srebrenica 1995, Bosnien-Herzegowina. Zeugnis ablegen gehört zu unseren Satzungsaufgaben.

Christos Christou ist promovierter Chirurg aus Griechenland ist seit 2019 Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen.Foto: Pierre-Yves Bernard/msfaccess

Heute sind gut 65.000 Mediziner, Mitarbeiter und Helfer in Dutzenden Ländern im Einsatz. Wo stehen die größten Hürden, um den Menschen beizustehen?

Das allerwichtigste für uns ist der ungehinderte und freie Zugang zu den verwundeten, verletzten und kranken Opfern von bewaffneten Konflikten und Katastrophen. Es dreht sich alles um diesen Zugang, den uns aber viele Kriegsparteien verweigern. Den Preis bezahlen unschuldige Menschen, die keine medizinische und humanitäre Hilfe erhalten.

Das humanitäre Völkerrecht garantiert uns und anderen humanitären Organisationen den Zugang zu hilfsbedürftigen Opfern von Konflikten.

Wo bleibt der Zugang versperrt?

Leider gibt es sehr viele Beispiele, etwa in der krisengeplagten Sahel-Zone in Afrika. Ärzte ohne Grenzen hilft dort den Menschen in Ländern wie Mali, Niger oder Burkina Faso. Verschiedene bewaffnete Gruppen und Terrorbanden überfallen und plündern Dörfer und Siedlungen, töten Kinder, Frauen und Männer und zwingen andere in die Flucht.

Allein in Burkina Faso irren fast 1,4 Millionen Binnenflüchtlinge umher. Für uns ist es sehr schwierig, mit diesen bewaffneten Gruppen in Kontakt zu kommen und über den Zugang zu Opfern zu verhandeln. Etliche Mitglieder von Terrorgruppen oder Banden kennen das Völkerrecht nicht einmal.

Zu den Regierungen unterhalten Sie aber Kommunikationskanäle?

Ja sicher. Wir haben es jedoch nicht selten mit Regierungen zu tun, die uns eine Nähe zu Terrormilizen und bewaffneten Gruppen unterstellen und uns den Zugang zu Opfern verweigern. Solche Behauptungen sind natürlich absurd. Unsere humanitäre Arbeit wird kriminalisiert und dadurch wird ein irreparabler Schaden angerichtet. Das ist extrem besorgniserregend. Der Kampf gegen den Terrorismus und interne Gegner hat leider für viele Herrscher und Regierungen Vorrang vor der humanitären Hilfe. Viele Machthaber scheren sich nicht um das Völkerrecht.

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Wo haben Sie besonders schlechte Erfahrungen gemacht?

Ich muss sagen, dass unser Verhältnis zu der Regierung des Präsidenten Baschar al Assad in Syrien schwierig ist. Seit Beginn des Konflikts in Syrien 2011 versuchen wir, Zugang zu Opfern in allen Teilen des Landes zu erhalten, vergeblich. Immer wieder haben wir unsere Hilfe für die Menschen in den Gebieten angeboten, die von der syrischen Regierung kontrolliert werden. Die Regierung will noch nicht einmal darüber reden. Sie sagt einfach zu uns: „Wir wollen Euch nicht.“

Dennoch fahren Sie in Syrien eine ihrer größten Hilfsoperationen …

Ja. Im Nordosten und Nordwesten Syriens, dort in den Gebieten, die nicht von der Assad-Regierung kontrolliert werden, helfen wir. Wir betreiben Krankenhäuser, Gesundheitszentren, mobile Kliniken und stellen Wasser, sanitäre Einrichtungen und Hygieneartikel bereit. Oft mussten wir improvisieren, so haben wir medizinische Hilfsstationen in Hühnerfarmen eingerichtet.

Das Assad-Regime ist für den Tod Hunderttausender Zivilisten verantwortlich, auf Assads Konto gehen abscheuliche Kriegsverbrechen gegen die eigene Bevölkerung wie der Einsatz von Chemiewaffen und das Aushungern ganzer Städte. Darf man überhaupt mit einem solchen Regime Kontakte aufnehmen und es mit humanitärer Hilfe möglicherweise stabilisieren?

Wir sind oft mit diesem Dilemma konfrontiert: Wir wollen Menschen in Not helfen, egal wo. Um das zu erreichen, sind wir bereit, mit jedem zu sprechen. Aber wenn die Leute sich weigern, mit uns zu sprechen, dann können wir nichts machen. Wir dringen nicht auf eigene Faust in Gebiete vor, zu denen uns der Zugang verwehrt wird. Grundsätzlich hat die Sicherheit unserer eigenen Mitarbeiter oberste Priorität.

Sie müssen immer wieder den gewaltsamen Tod von Mitarbeitern beklagen. Ist dies ein Grund, Hilfsoperationen auszusetzen oder einzustellen?

Ja, das kann ein klarer Grund sein. Im Oktober 2015 attackierten US-Streitkräfte in Kundus, Afghanistan, eine unserer Kliniken. Dutzende Menschen starben, Patienten verbrannten in ihren Betten, Mitarbeiter wurden durch den Beschuss regelrecht enthauptet. Die USA sprachen von einem Unfall.

Natürlich mussten wir unsere medizinische Arbeit aussetzen. Im Juni 2021 wurden drei unserer Mitarbeiter in der Region Tigray in Äthiopien in schockierender Weise getötet, dort kämpfen seit November 2020 Truppen der Zentralregierung gegen Rebellen. Kurz nach dem gewaltsamen Tod unserer Mitarbeiter sahen wir uns veranlasst, unsere Operationen in bestimmten Gebieten Tigrays auszusetzen. Wir verlangten eine unabhängige Untersuchung der Tötungen, die es aber bis heute nicht gibt.

Wissen Sie, wer die Täter sind?

Wir haben immer noch keine Antworten auf unsere Fragen über den Verlust unserer Mitarbeiter. Im September 2021 ordnete die Regierung in Addis Abeba an, dass wir weitere Hilfsoperationen aussetzen müssen. Wir sind in Kontakt mit der Regierung. Es ist aber kein Fortschritt zu vermelden.

Wann ziehen Sie sich aus Gebieten zurück, in denen Diktatoren und Warlords herrschen, weil der moralische Preis zu hoch ist?

In Myanmar leisten wir umfangreiche medizinische Hilfe für Menschen mit HIV-Aids und Tuberkulose. Nach dem Militärputsch am 1. Februar gerieten wir in eine sehr unbequeme Lage. Sollen wir unsere Stimme gegen den gewaltsamen Putsch erheben und damit das Risiko eingehen, dass die Junta uns aus dem Land wirft? Oder sollen wir schweigen?

Im Falle von Myanmar haben wir im Februar öffentlich unsere Besorgnis über die Verhaftungen und Einschüchterungen von Mitarbeitern des Gesundheitswesens und anderen Menschen ausgedrückt. Im Mai haben wir die Militärmachthaber und andere Gruppen aufgerufen, den Menschen einen ungehinderten Zugang zu medizinischer Versorgung sicherzustellen.

Diese Appelle gefielen den Generälen bestimmt nicht. Trotzdem dürfen Sie weiter Hilfeleistungen in Myanmar anbieten?

Ja. Aber in unseren Kliniken in Myanmar fallen viele Behandlungen aus, uns fehlen Medizin und Personal. Sorge bereitet uns auch, dass wir viele Patienten überhaupt nicht mehr kontaktieren können. Immerhin sind wir noch da.

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