SPD-Generalsekretär im Wahlkampf
„Den Kopf hinzuhalten, gehört zum Job dazu“
07.08.2026 – 13:22 UhrLesedauer: 7 Min.

Die SPD kämpft bei der Wahl in Sachsen-Anhalt ums Überleben. Generalsekretär Tim Klüssendorf versucht auf einer Wahlkampftour mal etwas anderes: Zuhören und Demut zeigen. Kann das etwas bewirken?
Tim Klüssendorf hat schlecht geschlafen. Etwas reserviert steigt der SPD-Generalsekretär im sachsen-anhaltischen Bitterfeld ins Auto. Ein Hotel hatte seine Buchung verschludert, er musste sich spontan eine neue Bleibe suchen. Dazu die bleierne Hitze und seit dem Morgen allerlei Schalten mit den Genossen. Ein knappes „Moin“ muss dann auch mal reichen.
Aber Zeit für gedrückte Stimmung hat Klüssendorf nicht. In einer halben Stunde hat er einen Auftritt in Köthen, einer Kleinstadt mit 23.000 Einwohnern. Und er wird das tun müssen, was ein Generalsekretär eben so tun muss im Wahlkampf: Zuversicht spenden, Begeisterung versprühen, zeigen, dass die Partei am Leben ist.
Das hat die SPD auch und gerade in Sachsen-Anhalt bitter nötig. In einem Monat wählen knapp zwei Millionen Sachsen-Anhaltiner ein neues Landesparlament. Es ist eine historische Wahl, und das gleich doppelt: Einerseits weil die AfD eine reale Chance hat, die Macht zu übernehmen und erstmals ein deutsches Bundesland zu regieren. Und zweitens, weil die SPD aus einem Landtag fliegen könnte – zum ersten Mal seit 1945.
Klüssendorf ist in Sachsen-Anhalt, um beides zu verhindern. Aber wie soll das gelingen?
„Na, das ist doch der Klüssi!“
Der 34-Jährige, der seinen Lübecker Wahlkreis 2025 direkt gewann, ist seit Dienstag auf Wahlkampftour in Sachsen-Anhalt. Fünf Tage reist Klüssendorf von Tangermünde nach Bitterfeld-Wolfen, von Zeitz nach Halle, von Wittenberg nach Quedlinburg. Mal setzt er auf irgendwie hip klingende Formate („Pizza & Politics“, „Kohl und Köpfe“, „Tim Klüssendorf talkt“), mal auf das klassische Wahlkampfarsenal: Infostand und Türenklopfen. Sein Motto dabei: Zuhören, Demut und Optimismus versprühen – trotz der schwierigen Lage seiner SPD.
Klüssendorf erzählt von einer Szene beim Tür-zu-Tür-Wahlkampf in Wanzleben-Börde, bei dem ihn ein Kamerateam von „Spiegel TV“ begleitete. In einem Plattenbau öffnete ein Mann die Tür und wurde von den Reportern etwas provokant gefragt, ob er denn wisse, wer vor ihnen stehe. „Na, das ist doch der Klüssi!“, habe der Mann gesagt. Klüssendorf grinst, als er die Geschichte erzählt. „Mit Klüssi kann ich gut leben.“
Das hätte natürlich auch andersherum laufen können. Denn der junge Generalsekretär ist erst seit gut einem Jahr im Amt und längst nicht allen Bundesbürgern bekannt. Zumal die Sympathien für die SPD in Sachsen-Anhalt so gering sind wie nie zuvor: In Umfragen kommt die Partei derzeit auf fünf bis sieben Prozent. Ein Alarmsignal – das bislang allerdings kaum Konsequenzen hat.
