Oktober 4, 2026 7:32 a.m. CEST

Vergangenheit und Nostalgie

Merkel-Mania? Warum die Kanzlerin a. D. so viele Fans bewegt

Aktualisiert am 04.10.2026 – 06:00 UhrLesedauer: 4 Min.

Altkanzlerin Merkel zeigt sich fünf Jahre nach ihrem Abschied aus dem Amt wieder häufig in der Öffentlichkeit. (Archivbild) (Quelle: Kay Nietfeld/dpa/dpa-bilder)

Schlicht, sachlich, stabil: So erinnern sich viele an Angela Merkels 16 Jahre im Kanzleramt. In instabilen Zeiten mit viel Streit wächst Nostalgie. Für Nachfolger Friedrich Merz ein harter Brocken.

Der Blazer in leuchtendem Blau, die schwarze Hose, die bekannte Frisur. „Tatsache, da ist sie“, sagt eine Frau in Jeansjacke, als sie den ersten Blick auf Angela Merkels Kanzlerinnenporträt im Berliner Bode-Museum wirft. Das Gemälde des Künstlers Jérémie Queyras zieht gerade so überraschend viele Menschen ins Museum, dass es dort drei Monate länger gezeigt wird als ursprünglich geplant, bis zum 3. Januar. Heute Nachmittag will Merkel dort Postkarten mit ihrem Porträtmotiv signieren.

Rund fünf Jahre nach ihrem Abschied aus dem Amt scheint die Kanzlerin a. D. plötzlich wieder überall zu hören und zu sehen zu sein. Im Februar kam sie erstmals wieder zum CDU-Parteitag und wurde gefeiert. Dann das (rasch dementierte) Gerücht, sie könnte Bundespräsidentin werden. Oder Ukraine-Vermittlerin. Merkel auf der Digitalmesse, Merkel mit Jugendlichen, Merkel auf TikTok. Und natürlich: Merkel auf Lesetour. Ihre 736-seitige Autobiografie „Freiheit“ hat sich nach Angaben ihres Verlags weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Immer noch strömen Hunderte zu ihren Lesungen und Signierstunden. Warum?

Ruhe und Sicherheit

„Angela Merkel hat mich sehr beeindruckt immer mit ihrer Ruhe, wie sie diese Männer, Putin und so, völlig unaufgeregt im Griff hatte“, sagt Marlen Hannemann, die an einem Septemberabend bei Merkels Lesung im Historisch-Technischen Museum Peenemünde im Publikum sitzt. „Und wie sie unser Land ganz entspannt geführt hat – also von außen gesehen -, das hat mir als Mensch dieses Landes ganz viel Sicherheit gegeben.“ Bei Merkel habe sie immer gedacht: „Sie wird schon wissen, wie sie entscheidet.“

Ein paar Reihen weiter vorn sitzt Annett Lührmann neben ihrem Mann, und bei ihr hört sich das ganz ähnlich an. „Ich bin beeindruckt von Frau Merkel, nach wie vor, was sie geleistet hat, wie ihr Leben so verlaufen ist“, sagt sie. Fehler mache jeder im Amt, das schon. Aber „sie hat Sachen gemeistert, Corona und die Flüchtlingswelle, das muss erstmal einer anders und besser machen.“ Sie freue sich darauf, die Altkanzlerin zum ersten Mal live zu sehen.

„Maß und Mitte“

Und dann ist Merkel tatsächlich auf der Bühne, der Blazer ist diesmal rot. Die 72-Jährige winkt kurz ins Publikum, schon sitzt sie an ihrem Lesetisch. 90 Minuten in diesem typischen, 16 Jahre lang vertrauten Merkel-Sound. Von der Kindheit in Templin bis ins Kanzleramt, von „Wir schaffen das“ bis zur AfD, von der russischen Annexion der Krim bis Corona. Den vielleicht lautesten Applaus gibt es, als Merkel Einsatz für die Demokratie einfordert. Und als sie ihre Nachfolger einschwört: „Maß und Mitte, das ist Basis und Voraussetzung für den Erfolg demokratischer Parteien.“

Bei ihrer Lesung in Peenemünde erhielt Angela Merkel viel freundlichen Applaus von den 1.200 Menschen im Publikum. (Archivbild) (Quelle: Stefan Sauer/dpa/dpa-bilder)
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