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Vor Corona kam Oxycontin : Dosis, Überdosis, Tod – Medien – Gesellschaft

Hat Richard Sackler gar Bertolt Brecht gelesen? Der hatte geschrieben: „Bankraub ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank.“ Die Ableitung des Pharmaunternehmers: „Jage nicht einem Markt nach, schaffe einen Markt.“ Und das tat er. Mitte der 90er Jahre pusht der Pharmakonzern mit einer beispiellosen Werbekampagne das starke Oxycontin auf den US-Markt. Für die Sackler-Familie fallen Milliardenprofite ab, für die USA ist es der Beginn einer Sucht-Epidemie, die Hunderttausende Menschen das Leben kosten wird.

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Eine reale (Horror-)Geschichte, die der Streamingdienst Hulu in ein fiktionales Drama mit acht Teilen übersetzt hat. Auf dem 2018 erschienenen Bestseller-Sachbuch der US-Autorin Beth Macy basierend konnte Serienschöpfer Danny Strong („Billions“) eine überzeugende Besetzung rund um Michael Keaton („Batman“) gewinnen.

[„Dopesick“, Disney+, acht Folgen, an jedem Freitag zwei neue Doppelfolgen bis 3. Dezember]

Keaton spielt Dr. Samuel Finnix, der in seiner Praxis Bergarbeiterinnen und Bergarbeiter behandelt, die in den Kohleminen Virginias schuften. Eine davon ist Betsy Mallum (Kaitlyn Dever). Sie kämpft mit einer Rückenverletzung, deren Schmerzen Arbeit fast unmöglich machen. Ihre Lebenspartnerin und sie, sie brauchen aber das Geld, um sich die Sehnsucht nach einem besseren, anderen Leben zu erfüllen. Betsy geht zu Dr. Finnix. Der steht längst unter Einfluss des Pharmareferenten Will Poulter (Billy Cutler), der ihn von dem „Wundermittel“ überzeugt hat, das nach den Versprechungen des Herstellers nicht abhängig macht.

Betsy wird süchtig, bald nimmt sie die doppelte Dosis. Solch eine Abwärtsspirale erfasst auch andere Konsumenten von Oxycontin, weitere Drogen kommen hinzu, das Land wird im Wortsinne „dopesick“. Das ist die eine, die sehr emotionale Ebene der Serie. Von ganz unten geht es nach oben. Auch die oberste Gesundheitsbehörde hatte das Medikament mit einem Unbedenklichkeitsstempel versehen, Kontrolleure und Kontrollierte finden sich in einem Do-ut-des-Verhältnis.

Sackler, der Bösewicht

Und dann ist da die Unternehmerfamilie Sackler, mit Richard Sackler (Michael Stuhlberg) in der Bösewicht-Rolle. Ein sinistrer Zyniker, der seiner Familie endlich mal zeigen will, was für ein Unternehmer in ihm steckt. Sackler verfolgt blindlings die Idee, die Welt von Schmerzen zu befreien. Er habe den Suchtkranken die Schuld für die Opioid-Krise gegeben. Diese Figur ist den Autoren und Regisseuren, darunter Oscar-Gewinner Barry Levinson („Rain Man“),eher eindimensional geraten. Weil die Produktion sehr stark auf die Pole Gut und Böse setzt, unterläuft sie die gewichtige Dimension der Strukturen, die solche Menschen- und Menschenrechtsverletzungen erst ermöglichen. Dr. Finnix wird Jahre später im Gerichtssaal sitzen, ergraut, ja gebrochen, fassungslos über die Zahl der Verführten, Versehrten und Zugrundegegangenen. „Dopesick“ spielt auf verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen, rasch geht es hin und her, zuweilen zu rasch bei dem großen Personal und zahlreichen Erzählaspekten. Das macht „Dopesick“ zu einer großen, nicht zu einer großartigen Serie.

Groß ist auf jeden Fall die Darstellung von Michael Keaton als Dr. Samuel Finnix. Ein Jedermann, der frittierte Hähnchen mag, ein sorgender Hausarzt, der noch abends zu einer älteren Patientin fährt, um sich zu vergewissern, dass die Tabletten genommen worden sind. Er tut das Falsche, obwohl er das Richtige will, wenn er Besty das Opioid verschreibt. Er leidet mehr und mehr darunter.

Vier Milliarden Dollar Strafe

Die Sackler-Familie, und hier verschränken sich Fiktion und Realität, bekannte sich wegen Verstößen gegen mehrere US-Bundesgesetze schuldig, darunter wegen Verschwörung zum Betrug. Der Konzern meldete Insolvenz an, Purdues Eigentümerfamilie muss über vier Milliarden Dollar zahlen.

Dass es so weit kommt, dafür braucht es die David-gegen-Goliath-Perspektive. Während Purdue die Produktion von Oxycontin weiter hochschraubt und die Suchtgefahr herunterspielt, kommen Staatsanwälte den skrupellosen Machenschaften auf die Spur. Rick Mountcastle (Peter Sarsgaard) und Randy Ramseyer (John Hoogenakker) sind es, die im Verbund mit Bridget Meyer (Rosario Dawson), einer engagierten Drogenfahnderin der Behörde DEA, gegen den Konzern antreten. Das erinnert, natürlich, an „Erin Brockovich“, ist aber von der Realität testiert. Und weil es so ist, verbindet „Dopesick“ bei Disney+ Spannung mit Aufklärung.

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