Aktuelle Deutschland Nachrichten

Pola Sieverding über Sehen und Denken

0 6

Fotografie wird an vielen Orten gefeiert und unter die Lupe genommen. „Das macht total Sinn, denn es ist das Medium, mit dem alle kommunizieren“, sagt Pola Sieverding. Sie hat zusammen mit Rupert Pfab die künstlerische Leitung der „Düsseldorf Photo+ Biennale for Visual and Sonic Media“. Die erste Ausgabe erstickte im ersten coronabedingten Lockdown des Frühjahres 2020, doch jetzt konnte die zweite Ausgabe unter dem Motto „Think We Must“ gestartet werden. 50 Ausstellungen zum Thema Fotografie und Medienkunst sind in Düsseldorf an verschiedensten Orten zu erleben. Mit ntv.de hat die 41-jährige Künstlerin über die Bedeutung von Fotos im Schatten des Krieges, „Sehen“ als Schulfach, Vorbilder und das Leben in einer Künstlerfamilie gesprochen.

ntv.de: Wann wird ein Foto Kunst?

Pola Sieverding: Kunst, auch Fotokunst, hat viel mit Kontext zu tun, den muss es haben.

Die Botschaft der Düsseldorf Photo+ ist „Think We Must“ – denken müssen wir. Das ist auch der Titel der Ausstellung in der Akademie-Galerie, die Sie gemeinsam mit Asya Yaghmurian kuratiert haben. Worum geht es?

Sich Zeit nehmen und Fotokunst als Anregung zum Denken sehen: „Think We Must“ – hier eine Installation aus der Akademie-Galerie.

(Foto: Klaus Mettig)

Fotografie ist tatsächlich allgegenwärtig. Uns als Team ist es wichtig, Bilder kritisch zu betrachten. Das ist in den vergangenen zwei Jahren über die Pandemie klargeworden. Durch den Krieg in der Ukraine wird nochmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, Bilder zu hinterfragen. Die Arbeiten, die wir in der Ausstellung zeigen, erzählen Geschichten neu oder nehmen Bezug auf Geschichte. Dekoration an der Wand gibt es bei uns nicht zu sehen.

Durch den Ukraine-Krieg ist die Frage, welches Bild wahr und welches Propaganda ist, wieder ins Bewusstsein gerückt. Fotografie kann manipuliert werden und so Einfluss auf die Gegenwart und die Geschichte nehmen. Welchen Bildern, die Sie sehen, schenken Sie noch Glauben?

Tatsächlich schenke ich teilweise künstlerischen Bildern mehr Glauben als dem, was vermeintlich objektive oder wahre Berichterstattung ist. Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit Fotografie an der Schnittstelle von Dokumentation und Fiktion, stellen Kategorien wie ‚objektiv‘, ‚wahr‘, ‚authentisch‘ grundsätzlich infrage. Für die Betrachter geht es darum, sich zu fragen, was sehe ich in dem Kunstwerk, was erfahre ich in diesem Bild über die Welt und über mich selbst. Letztlich entsteht durch diese Art, in Bildern zu denken, Kommunikation.

Stichpunkt „in Bildern denken“ – Sie sagten an anderer Stelle, dass Sie durch die Linse denken. Wie meinen Sie das?

Ich meine damit eine bewusstere, auch kritische Art zu sehen, weil man von vornherein den Bildausschnitt mitdenkt. Dabei geht es auch um den Blick auf die Welt durch die eigenen Augen, der durch unsere individuelle Sozialisierung geprägt ist. Also um den Rahmen, den wir gesellschaftlich und familiär mitbekommen. Es ist der Blick auf das, was wir Wirklichkeit nennen. Der aber, wenn man seinen Bildausschnitt und damit seine Perspektive auf die Welt nur ein bisschen verschiebt, schon wieder ganz anders aussieht.

Eine regelrechte Bilderflut umspült uns täglich – machen Sie noch Fotos mit der Handykamera?

Ja, ich nutze sie für Notizen, manchmal auch beim Einrichten einer Ausstellung. Durch das Bild auf dem Display entsteht eine in diesem Fall produktive Distanz und mir wird klar, was ich vielleicht noch verändern muss. Und natürlich ist das Handy mein ständiger Begleiter, wie bei uns allen. Für die generelle Kommunikation und im Privaten. Man schickt schnell ein Foto, weil man jemandem sagen möchte, was man gerade macht oder wo man ist.

Welche Bilder möchten Sie nicht mehr sehen?

Pola-Sieverding_Opening-Think-We-Must_Foto-Klaus-Mettig_1.jpg

„Es ist wichtig, dass sich jeder sein eigenes Bild machen und alles hinterfragen kann.“

(Foto: Klaus Mettig)

Ich versuche das komplexer zu sehen und nicht zu sagen, dass alles Schrott ist, was permanent gepostet wird. Interessanter als die Frage, was ich nicht mehr sehen will, ist die Frage: Wie ist der Umgang mit und die Wahrnehmung von medialen Bildern? Wir sind alle ProduzentInnen und tragen damit Verantwortung darüber, was wir verbreiten. Warum wird das Sehen nicht ein Schulfach wie Lesen und Schreiben? Ich würde sagen „lesen lernen, schreiben lernen und sehen lernen“.

Sie sind in einer Künstlerfamilie groß geworden, sowohl Ihr Vater Klaus Mettig als auch Ihre Mutter Katharina Sieverding arbeiten fotografisch. Sie und Ihre beiden Brüder sind von Kunst umgeben aufgewachsen, hat das Ihr Sehen beeinflusst?

Es wäre vermessen, zu sagen, es hätte mich nicht beeinflusst. Ich glaube an Bilder und ich glaube an Bilder als Sprache und es war quasi die Sprache, in der wir gesprochen haben. Es ging immer darum, zu fragen, was ein Bild zu bieten hat, und der Dialog darüber fand natürlich verbal statt. Die Kamera war ganz selbstverständlich ein wichtiges Medium, um sich dieser Welt zu nähern und sich ein Bild von ihr zu machen.

Wie hat Ihre Mutter reagiert, als Sie wie sie den Weg in die Kunst einschlugen und dann auch noch an der Universität der Künste in Berlin studierten, wo sie Professorin war?

Es hatte etwas ganz Selbstverständliches für meine Eltern, dass ich auch Kunst machen wollte, und sie haben mich total unterstützt. Wir sind bis heute in einem sehr konstruktiven, aber auch kritischen Austausch.

Worüber reden Sie, wenn Sie sich alle zusammen als Familie zum Essen treffen? Einer Ihrer Brüder ist DJ, der andere ist Zimmermann …

Der hat von uns allen am meisten Ahnung, wie man mit Material umgeht (lacht). Ich hole mir Ratschläge von ihm, besonders, wenn ich Ausstellungen realisiere. Ich weiß nicht, wie das in anderen Familien ist, aber da wird sicher auch über den Beruf gesprochen. Corona war außerdem ein Thema. Zumal sich die berufliche Plattform meines DJ-Bruders, die Clubs, in Luft aufgelöst hatten. Es geht aber zum Beispiel auch darum, wie fantastisch das Essen ist. Und immer wieder um Politik und gesellschaftliche Fragen, die ganz besonders mein Vater und meine Mutter auch künstlerisch immer wieder bearbeiten.

Ist Ihre Mutter für Sie ein Vorbild?

2014_ARENA-06_Pola-Sieverding_web.jpg(Foto Arena #6 Pola Sieverding, VG Bild-Kunst)

In ihren ästhetischen Fotografien von Wrestlern geht es Pola Sieverding nicht nur um den männlichen Körper, sondern auch um Ritual und Kult.

(Foto: Foto Arena #6 Pola Sieverding, VG Bild-Kunst)

Ja, wobei ich tatsächlich sagen kann, dass meine Eltern beide Vorbild für mich sind. Ich verstehe natürlich, warum es in der Außenwirkung immer um die Mutter geht, ich finde es auch okay und richtig. Sie ist eine der wenigen Vertreterinnen dieser ganzen deutschen, männlich dominierten Nachkriegskünstlerschaft. Sie hat genau das für sich in Anspruch genommen, das eine nicht gegen das andere eintauschen zu müssen – sie war Mutter und hat als Künstlerin weitergearbeitet. Warum ging das? Weil ich einen Vater habe und die beiden sehr Avantgarde waren.

Kann Kunst etwas verändern?

Ja, sonst würde ich das nicht machen. Auch nicht so ein Projekt wie die Düsseldorf Photo+. Ohne kulturelle Produktion ist Gesellschaft überhaupt nicht zu denken. Wo wir da hinkommen, konnte man ein bisschen in diesen zwei Jahren der Pandemie erahnen, in denen Kultur als nicht systemrelevant erachtet wurde und nicht stattgefunden hat.

Was macht Ihnen persönlich Freude an diesem Projekt und an Fotografie überhaupt?

Tatsächlich die Beziehungen, die man aufbaut. Zu den Menschen, die einem so viel Vertrauen entgegenbringen, dass sie mir im Endeffekt ihr Bild leihen. Fotografie nicht im Sinne von Social Media, sondern als soziales Medium.

Mit Pola Sieverding sprach Juliane Rohr
Alle Infos zur Düsseldorf P
hoto+ Biennale for Visual and Sonic Media finden Sie hier.
Die Ausstellung „Think we must“ läuft noch bis 19. Juni in der Akademie-Galerie „Die Neue Sammlung“ in Düsseldorf.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies, um Ihr Erlebnis zu verbessern. Wir gehen davon aus, dass Sie damit einverstanden sind, aber Sie können sich abmelden, wenn Sie dies wünschen. Annehmen Weiterlesen

Datenschutz- und Cookie-Richtlinie