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Mein blaues Auge und die Blicke der anderen

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„Eine für alle“ ist die neue Kolumne von der Frau, die vorher die „One Woman Show“ geschrieben hat. Unsere Autorin fand sich in dieser „One Woman“-Sache aber nicht mehr wieder, darum ist sie jetzt eine für alle – und hofft auf alle für eine.

Ich bin gestürzt. Ich war weder betrunken, noch rannte ich, noch saß ich auf dem Fahrrad, nein, ich lief neben meinem Rad, ich schob es gerade aus dem Restaurant kommend vom Bürgersteig auf die Straße. Ich hatte ein Schnitzel mit Pommes vorne im Fahrradkörbchen, ich wollte es meiner Tochter mitbringen, die krank im Bett lag. Ich trug weder High Heels noch Badelatschen, ich trug allerdings auch keinen Helm, denn wie gesagt, ich lief ja NEBEN meinem Fahrrad. Keine Ahnung, wie es passieren konnte – ich bin eine Frau in den besten Jahren, neige weder zu Ohnmachten (wie gerne würde ich manchmal eine vortäuschen können), noch bin ich eine Drama-Queen – naja, jedenfalls landete ich quasi in Sekundenschnelle in der Gosse. Ich lag auf dem Boden und sah Sternchen, zwei Männer sprangen mir behände zu Seite. Ich hätte kurz vorher noch, im Restaurant, nie gedacht, dass sie sich so schnell bewegen könnten. Sie tupften mir das Blut von der Braue.

Durch einen dumpfen Schleier hörte ich, wie sie mit mir sprachen: „… Krankenwagen holen?“ „Können Sie aufstehen?“ „Vielleicht besser stabile Seitenlage?“ Whaaat? Bitte nicht. Ich rollte mich zusammen, sprang hoch, blutete wie ein Schwein auf meine neue weiße Strickjacke, („Salz, wir brauchen Salz!!“), die Männer hielten mir riesige Servietten an den Kopf, „unbenutzt!“, wie sie beteuerten (wann war meine letzte Tetanusimpfung, verdammt?), ich sortierte meine Knochen durch, ging alles.

Meine Freundin, die, bereits auf der Straße, mit dem Rücken zu mir gestanden hatte, kam angehüpft, und rief: „Nicht schon wieder, nicht schon wieder!“ Ich erinnerte mich dunkel daran, dass wir letztes Jahr, angeschickert, aufs Rad steigen wollten, wackelten, und es dann zum Glück ließen. Auch, dass ich mir den Tennisschläger Volley durchs Gesicht gezogen und einen Schneidezahn ausgeschlagen hatte. Was ist nur los mit mir? Kann ich nicht einfach mal normal Fahrrad fahren, Tennis spielen, Schnitzel transportieren?

Wir liefen nach Hause, meine Freundin sagte, das sei ein Wink des Universums, ich sollte mal den Ball flach halten demnächst und nicht immer so übertreiben. Okay, ja, sie hatte recht, ich habe gerade echt viel auf dem Zettel. Aber das Universum gleich bemühen? Ich weiß ja nicht. Da noch eine Freundin am nächsten Tag allerdings dasselbe sagte, dachte ich, wird wohl was dran sein, und ging zu meiner Hausärztin. Die schlug die Hacken zusammen und frohlockte: „Das wird auf der Stelle getackert. Oder genäht!“ Aber dann müsse sie mir die Augenbraue abrasieren und das sähe vielleicht doof aus später, weil die ja einigermaßen dick wären, meine Augenbrauen, und man könne nie garantieren, dass die auch wieder nachwachsen würden. Ich sah mich schon mit angemalten Augenbrauenstrichen à la Marlene Dietrich, mir schauderte, und entschied mich natürlich fürs Tackern.

„Die Ärmste“ oder „Selber Schuld, du Opfer“?

Im Wartezimmer meiner phänomenalen Schmargendorfer Hausarztpraxis hatte ich bereits bemerkt, wie ich angestarrt werde. Ich hatte eine meiner Lieblings-Sonnenbrillen auf, so groß wie ein BH (A-Körbchen), trotzdem vermutete man hinter den getönten Gläsern sicherlich ein Opfer häuslicher Gewalt. In den Blicken meiner Gegenüber lag alles von „Die Ärmste“, über „Um-jeden-Preis-nicht-hingucken-wollen-es-aber-doch-tun“ bis „Selbst Schuld, was bist du auch mit einem Prügler zusammen“. Eine sehr alte Dame fragte mich schließlich: „Und, gestürzt?“, und ich nickte, so heftig der lädierte Schädel es zuließ. Ich erzählte meine Schnitzel-Story und kam mir nun vollends vor wie eine Lügnerin, denn in den Augen der anderen sah ich sowas wie ein Lächeln. Aber nicht dieses mitfühlende Lächeln, eher dieses pseudo-wissende: „Na klar, Schätzchen, erzähl‘ mal, glaubste ja selber nicht“-Lächeln.

Doch wen wundert’s? Im zweiten Corona-Jahr war die häusliche Gewalt noch weiter angestiegen, über den Prozess von Johnny Depp und Amber Heard lesen wir jeden Tag wie in einem schlechten Fortsetzungsroman. Schon klar, dass man komisch angeguckt wird, mit einem riesigen blauen Auge. Trotzdem gut, wenn einer nachfragt, wie die alte Dame. Sie – und die anderen – hätten anhand anderer Indizien vielleicht feststellen können, ob es mir zu Hause wirklich nicht so gut ergeht.

Denn wenn eine(r) erstmal am Boden liegt, und das ist in jeder Hinsicht so gemeint, dann gucken andere gern weg. Die ganze Gesellschaft guckt weg. Das machen wir mit Obdachlosen so, mit Gewaltopfern, mit Alten, mit Arbeitslosen, mit Behinderten, mit Geflüchteten. Das Wetter wird besser, die Hilfsbereitschaft lässt nach. Der Satz: „So, jetzt müssen wir aber mal weiter kommen und wieder zur Tagesordnung übergehen“, der geht einigen ganz flott von den Lippen und heißt nichts anderes als: „Also Kinders, ich hab‘ jetzt wirklich alles getan, ich will jetzt auch mal wieder an mich denken.“ Und das ist auch gut so – immer mal wieder an sich selbst zu denken – wenn man die anderen nicht vergisst. Gerade heißt es aus der Ukraine, dass dieser Krieg noch länger dauern wird. Wir können uns nicht wegducken, sorry!

„Frau Oelmann in die 2 bitte!“

Und ja, ich schweife ab, ich weiß, aber ich muss mit meinem schiefen Schädel eben gerade auch an all die Fußballer denken, die totale Matschbirnen haben, weil sie zu viele Kopfbälle ins Tor ballern, und an die Boxer dieser Welt, denen bei jedem Schlag Trilliarden Gehirnzellen flöten gehen. Jaja, ich soll den Ball flach halten, aber wie soll ich das anstellen, wenn die Welt sich unaufhörlich weiter dreht? Ich möchte ein Kind sein. Ich möchte Ferien haben und mich langweilen.

Ich bin aber leider immer noch immer im Wartezimmer, mein Name wird aufgerufen: „Frau Oelmann in die 2 bitte!“ Ich bekomme sicherheitshalber eine Tetanusspritze, schleiche nach Hause und lege mich ins Bett. Meine Familie bringt mir Eis zur innerlichen und äußerlichen Anwendung, lacht über mein wechselnd blaues, lilafarbenes, oranges, grünes Auge, es schillert wie ein Regenbogenfisch, und dieser Blutbeutel sackt nun langsam links die Wange herunter, morgen wird er an meinem Kinn hängen. Auch schön, ich sehe nun nicht mehr aus wie Derrick, sondern wie Meat Loaf (beide tot, Mist).

Ich bearbeite meine geschundene Visage mit einem Jaderoller und habe auf der rechten Seite immerhin schon ein deutlich jüngeres Aussehen erlangt. Ich wechsele auf die Couch, schiebe einen Löffel Rum-Traube-Eis nach und danke dem Universum, dass nicht mehr passiert ist. Nächstes Mal erzähle ich einfach, dass ich drei Nazis verprügelt habe.

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