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„Ich liebe den Big Mac!“

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ntv-Chefmoderator Christoph Teuner testet zusammen mit Alexander Oetker, ntv-Frankreich-Experte und Bestseller-Autor, Restaurants in Deutschland und in Europa. Von der Sterneküche bis gutbürgerlich, von vegan bis carnivor, von fernöstlich bis brutal regional. Diese Woche wagt er sich an den ultimativen Feinschmecker-(Alb)Traum: McDonald’s.

„Ihr seid doch völlig irre! Was in Gottes Namen hat ein Text über McDonald’s in einer Restaurantkolumne verloren? Sind Labberbrötchen und Tiefkühlklopse es wert, dass Kochkritiker auch nur ein Wort über sie verlieren? Echt!“

Fertig geschimpft, liebe Leser? Hoffentlich. Bereit für viele Fragen, ein paar unkonventionelle Gedanken und ein schonungsloses Outing? Wäre schön.

Also: Ist etwas, das in Masse produziert wird, automatisch schlecht? Ist ein Grand BBQ Cheese schlecht, nur weil die meisten Menschen, die ihn bestellen, noch nie in einem Sternerestaurant waren und vielleicht nie in eines gehen werden? Schmeckt ein McRib schlecht, nur weil er billig ist? Automatisch auf jeden Fall nicht. Und was sagen Sie zu dieser Frage: Kann es sein, dass die am lautesten herumkrakeelenden „Mein Gott, du isst wirklich Fast Food?“-Snobs Leute sind, die nicht merken, ob eine Kalbssoße aus vielen Kilos gerösteten Knochen und Abschnitten stundenlang gekocht und reduziert oder ob sie schnell mit Fertigfond und Verdickern zusammengerührt wurde?

Ich treibe es noch weiter und behaupte: Es spielt keine Rolle, ob McDonald’s-Essen den gängigen Gourmet-Kriterien Genüge tut; es ist am Ende unwichtig, dass manches schmeckt und manches nicht. Der Klassiker Chicken McNuggets beispielsweise ist eine Enttäuschung. Ja, die Stückchen sind wunderbar kross und duften nach frischem (!) Fett. Und ja, die Süßsauer-Soße ist sämig-lecker wie immer, auch wenn zu viel Zucker drin ist. Aber das Huhn! Riecht und schmeckt nach absolut nichts!

Der wohl bekannteste Burger, seit es Schnellrestaurants gibt …

(Foto: imago images/CTK Photo)

Ähnlich verhält es sich mit dem zeitgeistkorrekten Fresh Vegan TS. Die braune Scheibe zwischen den Kukident-kompatiblen Brötchenhälften, dem vielen Salat und der – lobenswert! – rohen roten Zwiebel sieht aus wie Fleisch, beißt sich wie Vollkornbrot und hinterlässt eine aromatische Leere, mit der die zaghaft pikante Cocktailsoße überfordert ist. Marketing-technisch machen die das allerdings recht gut, mit ihrem neuen Blick auf Nachhaltigkeit, Diversity und so. Da vergisst man um ein Haar, dass die Burger-produzierenden Rinder weiter zu viel Methan in die Atmosphäre rülpsen und furzen, dass das Essen insgesamt zu viel Fett und Zucker enthält und dass die Mitarbeiter karg bezahlt werden.

Von Zeitmaschinen und Schlotzigkeits-Ikonen

Aber zurück zu meiner These: Es verhält sich mit McDonald’s wie mit „Stairway to Heaven“, „Billie Jean“ oder „Smells Like Teen Spirit“. So wie die Songs funktionieren auch der Kantinen-Charme der „Restaurants“, der Geruch und der Geschmack. Sie sind eine Zeitmaschine! Auf einmal bin ich wieder der kleine Christoph beim Mittagessen zwischen Schule und Klavierstunde irgendwann in den 70ern. Wie ich die Pommes liebte, die ich jetzt zu staubig-mehlig finde, vor allem wenn ich sie nicht sofort esse. Oder ich bin der Student Christoph mit Kumpels am späten Samstagabend zwischen zwei Feten. Dass mir die klassischen Cheeseburger heute winzig und schrumpelig vorkommen – damals einerlei. Stattdessen fröhliche Jungmänner-Diskussionen mit vollem Mund – über Mädchen, Fußball und Autos. Oder ich verwandle mich in den jungen Vater Christoph, den sein 5-jähriger Sohn etwas altklug belehrt, dass man einen Hamburger Royal ohne Gurken bestellen muss, damit man ihn ganz frisch gemacht bekommt. Lichte Erinnerungen und wohlige Gefühle, für ein paar Euro jederzeit wiederbelebbar, losgelöst vom eigentlichen Geschmackserlebnis.

Eine Ausnahme gibt es aber, womit ich beim angekündigten Outing bin, das mich in den Augen einiger von Ihnen womöglich als Nix-vom-Essen-Versteher disqualifiziert. Sei’s drum: Ich liebe den Big Mac! Jawohl! Die unerreicht cremige Würzigkeit der Soße; auch die ein bisschen süß, aber was soll’s. Der gut wahrnehmbare, nie dominierende Fleischgeschmack ohne zu viele Röstnoten. Der immer feste, nie matschige Biss der Patties. Das leichte Knacken, wenn man die Salatfitzel kaut, die immer an der Seite herausfallen und die Papppackung vollmüllen. Die kleinen sauren Spitzen der guten Gurken, die zwischendrin aufblitzen. Kurzum: die perfekten, in Millionen Versuchen und nach Abertausenden Befragungen aufs Gramm abgestuften Proportionen zwischen allen Zutaten. Eine Schlotzigkeits-Ikone!

Und die Moral von der Geschicht‘? Wenn man allem gegenüber offen ist, kriegt man mehr Genuss. Das Leben ist viel schöner, wenn man Bach und ABBA mag, Goethe und Asterix, Dürer und die Kritzeleien seiner Kinder. Oder eben Steinbutt und McDo-Burger. Alles zu seiner Zeit halt.

Und die Weinempfehlung?

Ach ja, die Weinempfehlung. Wie wäre es mit einem 2022er Château Coca Cola? Kräftiges Rotbraun, stark moussierend, lieblich, lang im Abgang. Vermählt sich auf beeindruckende Weise mit jedem Gericht auf der Karte.

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