HomeLebenHinter Berliner Gittern: Was Anwärter für den Justizvollzug in ihrer Ausbildung erleben...

Hinter Berliner Gittern: Was Anwärter für den Justizvollzug in ihrer Ausbildung erleben – Medien – Gesellschaft

Ganz aus seiner Haut kann das Privatfernsehen einfach nicht. Selbst bei der sonst sehr sachlich-informativen Reportage „Berlin hinter Gittern“ kommt die für Kabel Eins produzierte Langzeitdokumentation über sieben angehende Strafvollzugsbeamte nicht um Begriffe wie „härtester Knast“, „schwere Jungs“ und „schwedische Gardinen“ herum. Dabei wird auch so niemand bezweifeln, dass sich die Anwärter auf einen der härtesten Jobs vorbereiten – einen Beruf, „der grundsätzlich damit verbunden ist, dass man Gewalt anwenden muss“, wie ein Ausbilder sagt.

Mit einer halben Million Straftaten in 2020 hat Berlin Frankfurt als Hauptstadt des Verbrechens abgelöst. „Ungefiltert, hautnah, knallhart“, mit diesen Attributen bewirbt Kabel Eins die Reportage, die die Anwärter drei Monate lang in allen sieben Haftanstalten von Berlin begleitet hat. „Wir haben noch nie ein Fernsehteam so lange und so intensiv hinter die Mauern der Strafanstalten in Berlin gucken lassen. Diese Einblicke sind ganz besonders und zeigen den Alltag in einem Gefängnis, wie er wirklich ist“, sagt Marcel Tietz, Leiter der Bildungsstätte Justizvollzug Berlin.

[„Berlin hinter Gittern“, vier Folgen, ab Donnerstag im wöchentlichen Rhythmus bei Kabel Eins und Joyn]

Besondere Nähe kommt durch die Bodycams auf, mit denen die Anwärter für die Dreharbeiten ausgestattet wurden. Viele Insassen, aber auch Beschäftigte ließen dabei ihre Gesichter verpixeln. Dass erstmals alle sieben Berliner Gefängnisse ihre Tore für die Kameras geöffnet haben, ist eine weitere Besonderheit. Auch die JVA Heidering südlich von Berlin Nahe Großbeeren gehört dazu, die in ihrer offenen Bauweise das genaue Gegenteil von dunklen Backsteinbauten und hohen Mauern wie in Moabit oder Tegel ist. 

„Wir haben hier alles sitzen. Clankriminalität. Rockerkriminalität. Bandendiebstahl. Wohnungseinbrüche. Brandstiftung. Wenn man mal einen Sonntag frei hat, liest man die Zeitung … und Montag ist er da“, erklärt Anwärter Christopher im Untersuchungsgefängnis Moabit. In der JVA Tegel bekommen es die Beamten auf Widerruf mit Vergewaltigern, Mördern und Lebenslänglichen zu tun.

„Ich habe mein Leben in jungen Jahren weggeworfen“

Einige Langzeitgefangene drängt es geradezu, über ihre Taten zu reden. „Ich habe mein Leben in jungen Jahren weggeworfen“, sagt ein verurteilter Frauenmörder, der sich an die Tat nicht mehr erinnern kann – oder will. Ein anderer Häftling, der so lange auf einen Mann eingestochen hat, dass dieser nur knapp überlebte, erzählt davon, dass er auf eine zweite Chance hofft und als anderer Mensch aus dem Knast kommen möchte. 

Der Beruf des Justizvollzugsbeamten stellt hohe Anforderungen. Die Anwärter müssen zwischen 21 und 40 Jahren alt sein, einen deutschen Pass haben und dürfen nicht vorbestraft sein. Wer sich bestechen lässt oder den Führerschein wegen einer Trunkenheitsfahrt abgeben muss, verliert seinen Job. Ein Drittel der jährlich 140 Berufsanfänger sind weiblich. „Eine Frau kann deeskalierend wirken, darum sind die Anwärterinnen Gold für uns“, sagt ein Ausbilder.

[Tatort Berlin heißt der True-Crime-Podcast des Tagesspiegels. Die aktuellen Folgen können hier angehört oder heruntergeladen werden]

Der Großteil der sieben Anwärter hatte zuvor in anderen Berufen gearbeitet; im Einzelhandel, als Koch, Landschaftsgärtner oder in der Flughafensicherheit. Ebenso vielfältig sind die Gründe für den Berufswechsel. Die Versorgungssicherheit als Beamter, die ständig wechselnden Herausforderungen, das Adrenalin. Auch Empathie und Fingerspitzengefühl gehören dazu, Mitleid für verurteilte Gefangene hingegen nicht. Strafe ist Bestanteil des Vollzugs, auch wenn die Resozialisierung nicht aus den Augen verloren wird – statistisch gesehen gelingt dies jedoch nur in jedem zweiten Fall.  

Hautnah und knallhart geht es bei der Zellenstürmung zu, mit voller Kampfmontur, Helm und Plexiglas-Schild. Auch das ist Bestandteil der Ausbildung. Aber so, dass weder die JVA-Beschäftigten noch die Insassen unnötigen Risiken ausgesetzt sind. „Geht es Ihnen noch gut? Können Sie noch atmen?“, fragt Anwärterin Alev den mit einem Schild am Boden fixierten Mann, bei dem es sich bei der Übung ebenfalls um einen Auszubildenden handelt. Ob dies auch schon vor dem Erstickungstod von George Floyd, der von einem Polizisten in den USA bei der Festnahme ermordet wurde, so praktiziert wurde, wird nicht erwähnt.

Die Kabel-Eins-Reportage vom Leben hinter Berliner Gittern vermittelt viele interessante Eindrücke. Doch der Alltag in den sieben Justizvollzugsanstalten des Landes dürfte eine noch härtere Kost sein, auch für die Mitarbeiter des Justizvollzugs. Kurt Sagatz

RELATED ARTICLES

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here

Most Popular