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Dostojewski-Doku im Fernsehen: Zum 200. Geburtstag in „Roulettenburg“ – Medien – Gesellschaft

„Ich war wie in Trance. Solange ich spielte, hauchte mich die Angst eiskalt an. Entsetzt fühlte ich, und es wurde mir blitzartig bewusst, was würde es bedeuten, jetzt zu verlieren. Mein ganzes Leben stand auf dem Spiel.“ Aufgewühlte Zeilen, die der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski – der am 11. November 1821 vor 200 Jahren in Moskau geboren wurde – 1866 verfasste. Zeilen aus seinem Roman „Der Spieler“ von 1866/67, die der spielsüchtige Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch sagt, und die ebenso gut auf denjenigen zutreffen, der sie niederschreibt: auf Dostojewski selbst. Der Schriftsteller, einer der bedeutendsten seiner Zeit und zugleich eine der getriebensten, zerrissensten Künstler-Persönlichkeiten, konnte viele Jahre nicht ohne das Glücksspiel sein. Spielcasinos, darunter in Wiesbaden und in Baden-Baden, zogen ihn magisch an und ließen ihn regelrecht in den Abgrund seiner Existenz blicken.

[ „Spieler seines Lebens“, in der Arte-Mediathek]

Die neue Dokumentation „Spieler seines Lebens“ des Regie-Duos Rolf Lambert und Hedwig Schmutte nimmt den Roman „Der Spieler“, der seinerzeit der erste ist, der außerhalb Russlands spielt, als eine Art Schablone für Dostojewskis eigenes Leben und beleuchtet anhand dessen Entstehungsgeschichte, wie dicht zuweilen Leben und Werk beieinander liegen. Dabei werden Interviews – darunter mit mehreren Slawisten und Slawistinnen – mit dokumentarischen Aufnahmen der Plätze und Orte einzelner Lebensstationen in Deutschland und Russland sowie Animations- und Spielfilm-Sequenzen miteinander montiert. So entsteht ein interessantes Doku-Porträt, das Dostojewski als einen Menschen am Rande der Selbstzerstörung zeigt.

26 Tage für den alles entscheidenden Roman

Als Dostojewski einmal mehr nahezu mittellos ist, geht er wider besseren Wissens das Risiko ein, seine Existenz als Schriftsteller aufs Spiel zu setzen. Im Sommer 1866 hat sich Dostojewski gegenüber dem Verleger Stellowski verpflichtet, bis zum 1. November einen neuen Roman abzuliefern, mit einem Umfang von etwa zehn Druckbögen. Liefert er nicht fristgerecht, verliert Dostojewski die Rechte an seinem gesamten Werk, inklusive „Schuld und Sühne“. Die Zeit vergeht, noch immer steht nichts auf dem Papier. Schließlich verbleiben nur 26 Tage, um den geforderten Roman zu schreiben. Der Sand rauscht bedrohlich durch die Uhr.

Da tritt die knapp 25 Jahre jüngere Stenotypistin Anna Snitkina in sein Leben, sie hilft dem Schriftsteller dabei, den „Spieler“ doch noch zu schreiben und ihn rechtzeitig abzugeben. Er diktiert ihr den Roman, und so gelingt es den beiden, die Lieferfrist einzuhalten. Anna wird fortan der wichtigste Mensch in Dostojewskis Leben – sie wird seine Frau.

„Spieler seines Lebens“ zeichnet die zahlreichen Reisen nach, die Dostojewski und seine Frau in diesen Jahren unternehmen, und setzt sie in einen Kontext zum stark autobiographisch geprägten Roman. Es sind jene Reisen, die Dostojewski immer wieder aus Russland fortführen, etwa in die beiden deutschen Kurstädte Wiesbaden und Baden-Baden, die sich fortan beide als Vorbild für jenes fiktive „Roulettenburg“ betrachten. In der wohl besten Leinwand-Adaption des Romans von 1948 unter der Regie von Robert Siodmak ist es das hessische Wiesbaden, das Gregory Peck als Aleksej Iwanowitsch am Hauptbahnhof empfängt. Hier schwört er 1871 dem Spiel für immer ab.

Als Dostojewski 1881 in Sankt Petersburg stirbt, mit nicht ganz 60 Jahren, da ist es Anna Dostojewskaja, die sein Vermächtnis ordnet, sortiert und pflegt, die ihren Mann um 37 Jahre überleben soll und kurz vor ihrem Tod, 1918, ihr eigenes Buch, „Erinnerungen“, vollendet. Es gibt wichtige und einmalige Einblicke in beider Leben, das sie zumindest 14 Jahre lang miteinander führen konnten. „Der Spieler“, dieses verhältnismäßig schmale Buch inmitten all der dickleibigen Dostojewski-Elefanten, hat sie zusammengebracht, in jenen 26 Tagen.

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