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Doku-Persiflage „Ich war Angela Merkel“: Politik mit dem Schmartfohn – Medien – Gesellschaft

Es ist gut, dass es noch Konstanten im Leben gibt: Sandro Zahlemann zum Beispiel hat sich kaum verändert. Mittelscheitel und Schnurrbart sind noch vorhanden, auch die Worte und Sätze, die der sächselnde ARD-Chefreporter formt, haben ihre Eigentümlichkeit bewahrt. Wobei: Den Posten als Chefreporter hat er leider verloren, damals, nach der Sache mit dem König von Bhutan. Schon seine Live-Reportage vom Leipziger Hauptbahnhof war Anfang 2016, um es mit Zahlemann selbst zu sagen, „ein Lehrstück, wie Dinge abglitschen können“.

Nach dem „Sandro-Report“ hat man ihn bei der ARD fallen lassen. Aber 2021 sorgt er wieder für Furore, denn im Frühjahr erwarb er ein „modernes Schmartfohn“ samt SIM-Karte – mitsamt der versehentlich dazugehörigen Handynummer von Angela Merkel. Fortan landeten alle Nachrichten, die an die Bundeskanzlerin gerichtet waren, in den Händen des ausrangierten Reporters aus Sachsen: die unermüdlichen Tiraden von Donald Trump, die freundlichen Ostergrüße von Papst Franziskus oder die Bitten der Kandidaten Laschet und Söder um Unterstützung.

Also packte Sandro Zahlemann in der Hoffnung auf eine Wiederanstellung die Gelegenheit beim Schopf und nahm „Einfluss auf die Geschicke der Republik“, indem er, wie die echte Angela Merkel auch, Politik mit dem „Schmartfohn“ betrieb. Zum Beispiel, indem er Markus Söder als Kanzlerkandidaten verhinderte. Mit dem ehemaligen Volontär des Bayerischen Rundfunks hatte Zahlemann noch ein Hühnchen zu rupfen.

[„Ich war Angela Merkel – Das Zahlemann-Protokoll“, ARD, Mittwoch, um 23 Uhr 45]

Die Doku-Persiflage „Ich war Angela Merkel – Das Zahlemann-Protokoll“ macht in Olli Dittrichs TV-Zyklus das Dutzend voll. Sandro Zahlemann scheint es dem Hamburger Komiker besonders angetan zu haben. Schon die erste Sendung, das „Frühstücksfernsehen“ im Mai 2013, schmückte der verpeilte Reporter mit einer Live-Schalte aus dem Nichts. Seine tragikomische Art, sein stetes Scheitern erinnern stark an „Dittsche“, Dittrichs Meisterstück im Bademantel.

Mit Hape Kerkelings Horst Schlämmer hat Sandro Zahlemann weniger zu tun. Der stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tageblatts ist eine Witzfigur, die nur „Schätzelein“ hinter dem hervorquellenden Gebiss rufen muss, um das Publikum zu erheitern. Sandro Zahlemann dagegen verdient sich unser Mitgefühl, auch wenn das manchem gerade schwer fallen mag, besonders wenn es um Sachsen oder um Reporter geht.

Das Futter aus Merkels letztem Regierungsjahr

Dittrich tüftelte wieder – mit dem Dokumentarfilmer Falko Korth – eine detailreiche und überdrehte Story um seine fiktive Figur aus. Eine Story, die das Futter aus Merkels letztem Regierungsjahr zieht. Zahlemann landet sogar in U-Haft. Das „Zahlemann-Protokoll“ ist nicht so aufwendig inszeniert wie der 30 Minuten ohne Schnitt gedrehte „Sandro-Report“ von 2016 mit 100 Komparsen und einer Blaskapelle mitten im Leipziger Bahnhof – und auch nicht so lustig. Einen Cameo-Auftritt des WDR-Intendanten Tom Buhrow bei einer WDR-Produktion hätte es nicht zwingend gebraucht.

Das Konzept, reale Persönlichkeiten in die satirisch überhöhte Handlung einzubauen, geht bei „Welt“-Journalist Robin Alexander am überzeugendsten auf. Zahlemann erhält über die Merkel-Nummer den Zugangscode zur Videokonferenz des CDU-Vorstands am 19. April. Den gibt er an Alexander weiter, um sich eine Gegenleistung zu sichern. Und tatsächlich hat der im Berliner Politbetrieb bestens vernetzte Robin Alexander an diesem Abend getwittert, als säße er beim CDU-Vorstand mit am Tisch. Dittrich und Korth erzählen spielerisch von der modernen Art der politischen Kommunikation: Das Smartphone ist das unverzichtbare Werkzeug und Twitter das bedeutendste Echtzeit-Medium, auf dem die Durchstechereien sekündlich an die Öffentlichkeit weitergereicht werden.

 Robin Alexander spielt das satirische Spiel klugerweise mit, wenn auch die Gegenleistung für Sandro Zahlemann bescheiden ausfällt. Außerdem dabei: Caren Miosga, Wolfgang Bosbach und Horst Lichter, den Zahlemann mit Horst Seehofer verwechselt. Angela Merkel wurde auch angefragt. Sie habe durch ihren Sprecher Steffen Seibert „sehr schnell, sehr nett und sehr respektvoll“ mitteilen lassen, dass sie 16 Jahre lang auf solche Auftritte verzichtet habe und damit am Ende ihrer Amtszeit nicht anfangen wolle, heißt es aus Dittrichs Umfeld.

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