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Die Queen, meine Eltern und ich

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Als Kind musste die Kolumnistin oft aufs Berliner Maifeld. Dort salutierte sie vor einer Königin, die nicht ihre war. Was sie ihr und den anderen „Alliierten“ zu verdanken hat, das war ihr irgendwie schon immer klar. So richtig dankbar aber ist sie erst heute.

In diesen Tagen muss ich gerade wieder ganz viel an früher denken. Wie ich aufgewachsen bin in einer geteilten Stadt, wie dankbar ich bereits als Kind war, dass es der Westen Berlins war, in dem ich zufälligerweise geboren wurde, wie ungerecht das Leben sein kann, wie schön zugleich, und wie sehr mich momentan eine alte Dame umtreibt, die so ist wie alter, guter Wein. Obwohl das natürlich Blödsinn ist, alter Wein schmeckt manchmal einfach nur nach altem Wein oder Essig. Aber Sie wissen, was ich meine. Die Rede ist natürlich von HRM Elizabeth II., die ich schon ein paar Mal live gesehen habe.

Als Kind ständig, so kam es mir vor, ich habe mich zu Tode gelangweilt, aber ich musste mit. Aufs Maifeld, dort wurde die Parade „Trooping the Colours“ abgehalten, zu Ehren der Queen, die mir damals – vor über 40 Jahren – schon Asbach uralt vorkam. Meine Eltern wurden dorthin eingeladen, man schüttelte viele Hände, hier und da landete ein viel zu feuchter Handkuss auf dem Handrücken meiner Mutter, die dezent ein Stofftaschentuch zückte, man – und frau – trug ungewöhnlich viel Hut für Berliner Verhältnisse und trank Champagner oder was man dafür hielt.

Wir Kinder, mein jüngerer Bruder und ich, wurden herausgeputzt (wir fanden uns scheußlich, auch gegenseitig, was sich zum Glück wieder gelegt hat) und grüßten artig die Erwachsenen, die an diesem Tag alle sehr fein taten. Und dann kam SIE! Die Queen. Es gibt viele Königinnen, aber nur eine ist „die Queen“. Sie kam, um uns eingesperrten West-Berlinern zu sagen, dass sie an uns denkt. Dass wir frei sind, dass wir hinfahren, – gehen und -fliegen dürfen, wohin wir wollen. Dass sich niemand einschüchtern lassen soll. Dass der Rest der Welt uns nicht vergessen hat, auf unserer kleinen Insel inmitten der Deutschen Demokratischen Republik. Auf der anderen Seite der Mauer war Berlin zwar Hauptstadt, aber hier, auf dem Maifeld, da war die freie Welt, das freie West-Berlin.

Ich bekomme noch heute Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass es andere Länder gab, die uns Nazi-Nachfolgegenerationen und die paar Quadratkilometer einer ehemaligen stolzen Hauptstadt ja auch locker hätten aufgeben können. Hat „man“ aber nicht. Unsere Brüder und Schwestern drüben, unsere Verwandten und Freunde, haben dann Jahrzehnte später dafür gesorgt, dass man diese Stadt, diese Teilung und dieses Missverhältnis tatsächlich nicht vergisst. Dann kam 1989.

In meiner DNA

Gerade jetzt, in diesen schwierigen Zeiten, denke ich oft darüber nach, wie wir es mit der Ukraine halten werden: Werden wir Kiew retten und den Rest des Landes aufgeben? Werden wir Rosinenbomber schicken und Luftbrücken bauen? Werden wir alle Luftschlösser bis dahin zerstört haben? Werden wir akzeptieren, dass nicht alle Ukrainer lupenreine Demokraten sind und nicht alle Russen Arschlöcher? Werden wir offen bleiben? Oder nur wischiwaschi wie die meisten unserer Politiker? Uns wurde geholfen, wir sind verpflichtet, anderen zu helfen. Das ist in meiner DNA verwurzelt, ohne einen Mutter-Theresa-Komplex haben zu müssen. Denn wo wäre ich, wenn meine Eltern, als sie Kinder waren, nicht mit den Paketen der Alliierten voller Lebens- und anderen Hilfsmitteln, mit Süßigkeiten und Zigaretten, versorgt worden wären?

Ich wäre vielleicht nie in London gewesen, wo ich eines Tages mit meiner älteren Tochter weilte, als sie gerade 11 geworden war. Sie sagte im Hotel, dass wir jetzt mal los sollten, die Queen besuchen. Ich sagte, na klar, machen wir, ich hätte Lizzy ja bereits informiert, dass wir kommen würden. Wir kauften noch schnell einen Stoff-Corgi an der Rezeption, riefen ein Taxi und fuhren zum Buckingham Palace. Just in dem Moment, in dem wir ankamen, öffneten sich die Tore, die Queen fuhr winkend in einer Kutsche hinaus. Mit ihrem Gast machte sie nur eine kleine Biege, denn schon kurz darauf kam sie zurück, die Tore gingen auf, sie winkte ihr unvergleichliches Winken – als würde sie eine Glühbirne mit leichter Hand in eine Fassung schrauben – und schwupps, weg war sie wieder, verschluckt von ihrem riesigen Palast.

Ich möchte weiterhin lieber Luftschlösser statt Luftbrücken bauen, will, dass ukrainische Frauen mit ihren Kindern London und den Rest der Welt besuchen. Nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen. Deswegen: „God save the Queen“ – und alle anderen auch!

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