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Den Menschen in Not eine Bühne geben: Das Supersozialmodel – Panorama – Gesellschaft

Die Kursteilnehmerin mit dem Kopftuch im Schulungsraum der Zohre Esmaeli Stiftung in Schöneberg hält ihre Tränen zurück. „Nach der Trennung hat mein Mann meine Kinder bis auf eines mitgenommen zu seiner neuen Frau – in Afghanistan ist das normal. Meine Kinder fehlen mir so sehr“, übersetzt der Dolmetscher. Die geflüchtete Frau erzählt spontan vom eigenen Schicksal, bei einer Schulung der „Culture Coaches“ von der Zohre Esmaeli Foundation GmbH in Berlin. In dem Kursus vermittelte eine Expertin gerade, welche Hilfen Jugendämter Familien in Not geben können.

Zohre Esmaeli sitzt hinten und hört es sich auch an; sechs transkulturelle Werte- und Demokratievermittler:innen sind bei ihrer Stiftung aktiv, eine redet gerade vorn. Zohre Esmaeli, man kennt sie aus Talkshows, und von Fashionshows. Kaum jemand hat so gegensätzliche Welten erlebt wie die 36-Jährige. Sie war gerade 13 Jahre jung, als sie mit der Familie vor der Schreckensherrschaft der Taliban floh. Über lange Monate erlebte das Kind Todesangst in beklemmenden Verstecken, Hunger und Gewalt. Das neue Leben in der neuen Welt begann in Kassel.

Mit 13 floh Esmaeli aus Afghanistan.privat

Ihr erster Traumjob war Flugzeugelektronikerin, als Schülerin machte sie ein Praktikum im hessischen Calden. Zohre Esmaeli fiel der damaligen Miss Hessen in einem Modegeschäft auf, diese vermittelte sie an einen Fotografen. Heute ist die Wahl-Berlinerin das einzige international bekannte, aus Afghanistan stammende Top-Model. Sie wirkt als Politikberaterin, Vortragsrednerin, Buchautorin, ist Unternehmerin, entwirft Kollektionen. Seit 2014 ist Esmaeli Botschafterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 2017 folgte sie Claudia Schiffer bei der Image-Kampagne „Deutschland, Land der Ideen“, sie ist DRK-Botschafterin, sie hat einen eigenen Afghanistan-Hilfsverein – Esmaeli ist „unternehmerisch kreativ, um auf sozialer Ebene karitativ zu helfen“. Am liebsten verschafft sie Menschen in Not eine Bühne.

Esmaeli hat vor den Fotografen dieser Welt posiert

„Ehrenamt ist eine der wichtigsten Säulen einer Kultur, das habe ich hier in Deutschland entdeckt. Ehrenamt muss viel mehr gefeiert werden! Nicht der Superstar sollte im Vordergrund stehen, sondern der unsichtbare Engel“, betont die 36-Jährige im Gespräch in ihren Stiftungsräumen an der Bayreuther Straße.

Ihre Stiftung startete sie einst im Ankleidezimmer in der Privatwohnung. Viel Arbeit, wenig Schlaf, bei Zohre Esmaeli läuft ein innerer Engagement-Turbo. Ständig kommen Anrufe von Hilfesuchenden. Heute hat sie zwölf Angestellte, und noch mehr Ideen. Es geht um Konzepte gegen Korruption in der alten, um Apps fürs Ehrenamt in der neuen Heimat. „Eitelkeit bei den Menschen, sie habe ich als Hemmschwelle im Miteinander ausgemacht, auch da will ich anpacken.“ Esmaeli hat vor den Fotografen dieser Welt posiert – aber die Küche und die Toilette putzt sie als Geschäftsführerin der Stiftung mit ihrem Team selbst, „das Geld stecken wir lieber in die Bildungsprojekte“.

Esmaeli arbeitete in Paris, New York und Mailand als Model.privat

Der Tagesspiegel-Spendenverein will ihr Engagement fördern und bittet bei „Menschen helfen!“ 2021/22 um Spenden für Miete und Sachmittel zugunsten des Pilotprojektes „Culture Coaches“. Das entstand mal mit der Bürgerstiftung und möchte den „transkulturellen Inklusionsprozess durch beidseitige Kultur- und Demokratiewertevermittlung für Zugewanderte und die Aufnahmegesellschaft“ fördern. Sprich: Ex-Geflüchtete vermitteln Migrant:innen, wie Deutschland tickt, und andersherum. „Die Menschen kommen mit der Erfahrung hierher, das hat doch so in meiner alten Gesellschaft funktioniert, und jetzt redet mir meine neue Gesellschaft etwas anderes ein. Das muss ich erstmal verstehen, warum das nicht mehr funktioniert, wie ich es kenne.“ Etwa der Begriff Freiheit.

In Afghanistan diskutieren Kinder und Eltern nicht

„Meine neue Freiheit“ heißt auch ihr Buch. „Damit meine ich nicht, ich gehe jeden Tag in die Disko und habe jeden Tag einen neuen Freund, wie es manche afghanische Männer vermuten. Nein. Freiheit bedeutet, wie gestalte ich mein Leben, wie setze ich meine Energie ein, wie kann ich für mich selbst Entscheidungen treffen“, sagt sie.

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So etwas vermitteln die Multiplikatoren kostenfrei bei Behörden, Justiz oder in Unterkünften. „Wir geben den Menschen Werkzeuge an die Hand, damit sie in Deutschland nicht die alte Persönlichkeit verlieren, sondern eine neue gewinnen können.“ Unter dem Motto „Miteinander Reden. Einander Verstehen“ geht es um Themen wie: Die Bedeutung der Weltreligionen in Deutschland, verschiedene Familienmodelle im Vergleich, Konfliktprävention und -bewältigung, Gleichberechtigung, sexuelle Orientierungen, Frauenrechte. In anderen Modulen geht es um das politische System Deutschlands, Formen von Diskriminierung, Integration/Inklusion und Wertvorstellungen, Jugendkultur, Umweltfragen, Bildung und Gesundheit, Einbürgerung. Auch Medien- und Meinungsfreiheit sowie Erziehungsmethoden werden erklärt – in Afghanistan etwa gibt es das nicht, dass Kinder Mutter oder Vater Fragen stellen oder etwas diskutieren. Es werden auch deutsches Essen und Feste erklärt.

Gerade hat sie das Projekt Zoraia gestartet, da entwerfen hier lebende Afghaninnen Mode mit Handstickereien für den Onlinehandel, wie den grünen Pulli, den sie beim Gespräch trägt. So werden Mittel gesammelt, um einen Deutschkurs anbieten und später die Frauen zu Schneiderinnen oder für andere Handarbeitsberufe ausbilden zu können. „Ich bin keine, die heute kocht und morgen isst“, sagt Esmaeli. Sie meint damit: Alles gehe nicht von heute auf morgen, Nachhaltigkeit ist ihr wichtig. Sie wird gern gesellschaftskritisch, ihr fallen unsensible Methoden westlich geprägter Politiker:innen und Unternehmer:innen auf, die geschickter mehr erreichten. Da berät sie mit dem Unternehmenszweig Azzadi („Freiheit“).

Ihre Brüder drohten, sie umzubringen – heute sind sie versöhnt

Sie ist im Deutsch-Französischen Integrationsrat engagiert, beim Bundesinnenministerium und Auswärtigen Amt als Beraterin gefragt. In Afghanistan direkt will sie mit Lebens- und Heizmitteln Nothilfe leisten. „Zuvor haben etliche Menschen in unserer korrupten Gesellschaft mit Drogenhandel viel Geld verdient – und jetzt sollen ihnen ein paar Getreidesäcke als Versorgung durch die Taliban reichen.“ Sie hat auch die Idee, wohlhabende Afghanen im Ausland über deren Nationalstolz bei Hilfen einzubinden.

Der Tagesspiegel-Spendenverein sammelt jetzt auch für Tablet-PCs zugunsten ihrer „Sky Digital School“ für Frauen und Kinder. Die Machtübernahme der Taliban habe sie in „eine entsetzliche, lebensgefährliche Lage“ gebracht hat, heißt es in ihrer Bewerbung beim Tagesspiegel.

Klare Worte findet sie dafür, dass Staaten mit den Taliban überhaupt verhandeln, „das ist ähnlich, als verhandelte man mit seinem eigenen Vergewaltiger“. Angst? Kennt sie nicht. Nicht mehr. Ihre Brüder drohten, sie umzubringen, als sie mit 17 ein zweites Mal floh, innerhalb Deutschlands, diesmal aus der familiären Enge, in die persönliche Freiheit. Heute haben sich aber alle längst versöhnt. „Ich glaube, dass mir durch die schlimmen Sachen, die mir schon als Kind passiert sind, die Angst weggenommen worden ist.“ So hart, so stark, ein Role Model.

Empfänger: Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V.
Verwendungszweck: „Menschen helfen!“
IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42
BIC: BELADEBE
www.tagesspiegel.de/spendenaktion

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