HomeKulturZum Tod von Klaus Wagenbach: Der Freibeuter - Kultur

Zum Tod von Klaus Wagenbach: Der Freibeuter – Kultur

Herzklausel schlägt Konsenslektorat. Wer auch gegen das Votum anderer Lektoren ein Buch veröffentlichen will, kann im Verlag Klaus Wagenbach diese Trumpfkarte ziehen. Solchen Individualismus lässt der als links bezeichnete Verlag zu. Auch Verlagsgründer Wagenbach, nach eigener Einschätzung halb Kommunist, halb Konservativer, musste die Herzklausel mitunter bemühen. Am Freitag ist Klaus Wagenbach im Alter von 91 Jahren in Berlin gestorben – „begleitet von seiner Familie und umgeben von seinen Büchern“, wie der Verlag mitteilte.

Auf der Webseite des Verlags wird er in der Mitteilung gewürdigt als “Kriegskind, älteste Witwe Kafkas, Anarchist und Cavaliere, Radfahrer, Berliner und Italien-Appassionato, Buchhersteller, Lektor, Autorenentdecker, Verlagsgründer, unabhängiger politischer Kopf, wilder Leser und begeisterter Geschichtenerzähler, Kunst-Liebhaber, Freund und Fürsorgender, Rotweintrinker”.

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Den eigenen Verlag verdankte der in Berlin geborene Wagenbach einem Rausschmiss und einer Wiese. Er begann 1949 eine Lehre beim noch vereinten Verlag Suhrkamp/Fischer. Dabei traf er erstmals auf das Werk Frank Kafkas. Der Schriftsteller wurde zur großen Leidenschaft, Wagenbach promovierte über den Autor.

Der Kauf von Fischer durch Holtzbrinck brachte einschneidende Konsequenzen: die neuen Chefs kündigten Wagenbach, nachdem er sich bei der Staatsanwaltschaft über die Verhaftung eines DDR-Verlegers während der Buchmesse beschwert hatte. Wagenbach mochte solche „Kurven in der Biografie“, wie er es nannte.

Der eigene Verlag sollte in West-Berlin entstehen

Befreundete Autoren prophezeiten ihm, mit seinen Standpunkten bei keinem Verlag unterzukommen. Ein eigener Laden musste her. Wagenbach stammte aus Berlin, nur die Bomben des Zweiten Weltkriegs zwangen die Familie zur Flucht nach Hessen. Der eigene Verlag sollte 1964 wieder in West-Berlin entstehen. Sein Vater vermachte ihm eine Wiese auf dem Feldberg – der Verkaufserlös finanzierte die ersten Bücher.

Das frühe Verlagsmotto „Geschichtsbewusstsein, Anarchie, Hedonismus“ war ein Hinweis auf Wagenbachs Welt und die Kämpfe der jungen Demokratie gegen Verdrängung der NS-Vergangenheit, dumpfen Konservatismus, lähmendes Spießertum. Wirtschaftlich war es nicht leicht. Das Verlegen bezeichnete er als Antwort auf die Aufgabe, erfolgreich ein konkursreifes Unternehmen zu führen. Die Bank sperrte den Kredit.

„Die ersten Titel blieben den bekannteren Autoren vorbehalten, beginnend mit den Erinnerungen von Kurt Wolff, gefolgt von Prosabüchern Christoph Meckels und Johannes Bobrowskis und je einem Buch von Günter Grass, Hans Werner Richter und Ingeborg Bachmann, die sich gerne an diesem Projekt eines alternativen Verlags beteiligten“, erinnerte sich Wagenbach später.

Sein Ziel war ein deutsch-deutscher Verlag, kein Selbstläufer in Zeiten des Kalten Krieges. Er brachte „Die Drahtharfe“ heraus, eine Auswahl aus Balladen, Gedichten und Liedern des noch weitgehend unbekannten Wolf Biermann. „Zwar wurde „Die Drahtharfe“ das erfolgreichste Buch des ersten Jahres, aber es kam dem Verlag teuer zu stehen“, schrieb Wagenbach im Rückblick.

Der spätere DDR-Vize-Kulturminister Klaus Höpcke riet ihm, von Biermann zu lassen. Wagenbach lehnte ab. Die Folge: Ein- und Durchreiseverbot, kaum Chancen auf weitere DDR-Autoren, zerplatzt der Traum vom grenzüberschreitenden Verlag. Auch Biermann selbst sollte Wagenbach noch enttäuschen: 1976 in den Westen ausgebürgert, suchte sich der Dissident einen größeren Verlag.

Wagenbach stand für eine Kultur der Einmischung und des demokratischen Streits. Er galt als Prototyp des politischen Verlegers der 68er Bewegung. Die Szene ging im Verlag ein und aus. Immer wieder gab es Hausdurchsuchungen, Prozesse, Verurteilungen. Wagenbach sah sich selbst als den meistangeklagten noch lebenden deutschen Verleger. Der Jurist an seiner Seite hieß Otto Schily, der spätere RAF-Anwalt und noch spätere deutsche Bundesinnenminister.

Wagenbach hielt die Rede an Ulrike Meinhofs Grab

Ein Linker war er wegen seiner „Stinkwut auf diesen Staat“. Die Staatsmacht hielt nicht still. Als ein Polizist 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, nannte Wagenbach das öffentlich Mord. Mit dem Freispruch des Polizisten sah er sich „bis heute als Einziger in dieser Sache bestraft“.

Dem „Spiegel“ sagte er zu Kontakten in den Untergrund: „Vor allem Ulrike Meinhof war mir nahe, aber ich habe nie verstanden, wie sie auf diesen Weg geraten ist.“ Wagenbach veröffentlichte Texte der späteren RAF-Terroristin, hielt die Rede an ihrem Grab. Gleichzeitig brachte ihm ein Buch Peter Brückners über Meinhof eine Drohung von Gudrun Ensslin ein. Wagenbach steckte sich eine Zeit lang vorsorglich den Schlagring seines Urgroßvaters in die Tasche.

Der Wagenbach-Verlag brachte auch das “Kursbuch” und den “Freibeuter” heraus

Neben der politischen Seite des Verlegers mit den buchstäblich roten Socken als sein Kleidungs-Markenzeichen gab es auch den Lebemann. Für Autor Durs Grünbein war bei Wagenbach „immer ein etwas linksabweichlerischer Sinn für Genuss im Spiel“. Der Verleger gehörte zur Toskana-Fraktion, lange bevor der Begriff als Spott gegen SPD-Granden herhalten musste. Der Verlag hat ein starkes italienisches Programm, zu seiner Erfolgsgeschichte gehören nicht zuletzt Pier Paolo Pasolinis „Freibeuterschriften“ sind Erfolgsgeschichte.

Wagenbach stand für aufwendig gemachte Bücher, sie sollten „hundert Jahre halten“. „Der unabhängige Verlag für wilde Leser“ – so die spätere Eigensicht – brachte mit Hans Magnus Enzensberger das „Kursbuch“ und später den „Freibeuter“ heraus. Ein Schriftsteller wie Michel Houellebecq war ihm zu kalt: „Die Ausweitung der Kampfzone“ erschien noch bei Wagenbach, „Elementarteilchen“ nicht mehr. wurde. Die „Hundejahre“ von Wagenbachs langjährigem Freund Günter Grass hatte Wagenbach übrigens kurz. Grass bedankte sich humorvoll-deutlich per Widmung: „Für die fehlenden Kapitel ist der Setzer verantwortlich.“

Nachdem Susanne Schüssler, Wagenbachs dritte Ehefrau, 2002 den Verlag übernahm, gehörte zu den Erfolgstiteln Alan Bennetts „Die souveräne Leserin“ von 2008: ein Buch über die Queen. In der Folge erschienen zahlreiche Erzählungen des populären britischen Autors. „Seinem Lebensmotto entsprechend, werden wir seinen Verlag weiterführen: ,Gewonnen kann durch Trübseligkeit nie etwas werden’, schrieb der Verlag nun. (dpa/Gerd Roth, Tsp)

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