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„Rituale“, Teil 2: Wie „Drei Mal hoch“ zur gefährlichen Wackelpartie wurde – Kultur

Rituale gehören zum Leben, kommen alle Jahre wieder oder strukturieren den Alltag. In dieser Serie erzählen wir von Lust und Frust der Wiederholung. Diesmal geht’s um die Momente vor den Geschenken.

Bitte, bitte, gibt’s jetzt endlich Geschenke? Ist das für mich? Ach, diese Kinder. Wieso schaffen sie es nicht, abwechselnd immer nur ein Päckchen auszupacken und neugierig zuzuschauen, wenn die anderen dran sind? Seien wir ehrlich, sind wir Großen nicht genauso ungeduldig? Hauptsache wir sind beisammen, haben endlich Zeit füreinander, jaja, schon gut.

Zum zivilisierten Erwachsensein gehört der Triebverzicht, deshalb ziemt es sich für volljährige Menschen nicht, mal eben, zack, an der Schleife zu zerren und das Geschenkpapier aufzureißen. Nein, wir können warten, die Vorfreude ist ja am schönsten. Materielle Werte, schnöde Dinge, pah!

Wackelpartie mit spitzen Schreien

Als ich noch ein Dreikäsehoch war, mussten wir Kinder an Weihnachten selber den Triebverzicht organisieren, sprich: das Kulturprogramm. Texte raussuchen, Lieder anstimmen, Flöte spielen, Gedichte aufsagen. Natürlich schielten wir die ganze Zeit auf die Geschenke. An Geburtstagen wiederum wurde die Geduld nicht wie heutzutage mit „Happy Birthday“-Singen vor dem obligatorischen Kerzen-auf-dem-Kuchen-Auspusten strapaziert, denn das Englische war noch nicht in der deutschen Provinz angekommen.

Stattdessen schmetterten wir „Viel Glück und viel Segen“ im mal mehr, mal weniger kakophonischen Familien-Kanon. Und anschließend „Hoch soll er leben“, oder „sie“, je nachdem.

Spätestens jetzt musste das Geburtstagskind auf einem der Wohnzimmersessel Platz nehmen. Bei „Drei Mal hoch“ griff der Rest der Familie ins Drahtgeflecht des Sessels (praktischerweise waren es Knoll-Stühle) und hob das Geburtstagskind in die Luft. Eins, zwei, drei, jedes Mal etwas höher.

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Natürlich entwickelten wir Kinder den anarchischen Ehrgeiz, dass der oder die solchermaßen Erhöhte in gefährliche Schieflage und folglich ins Wanken gerät und die Wackelpartie mit spitzen Schreien quittiert wird. Was uns mit jedem Geburtstag besser gelang. Die Rache derer, die an diesem Tag keine Geschenke bekamen. Auch unsere Eltern wurden übrigens in die Höhe gehievt.

Beim 80. Geburtstag des Vaters waren wir dann doch vorsichtig. Diesmal wollten wir keine spitzen Schreie provozieren, sondern Ahs und Ohs. Also konzentrierten wir uns, legten je zwei mal zwei Finger unter seine Knie und unter die Arme und verblüfften die versammelte Festgemeinde mit der Stuhl-Levitation. 16 Finger, und Papa schwebte. Geburtstag, Auferstehung, Himmelfahrt, alles in einem.

Jesus kann einpacken, er schaffte das nur einzeln. Hoch soll er trotzdem leben. Schließlich gibt’s an seinem Geburtstag Geschenke für alle. Da lohnt sich auch ein bisschen Geduld.

Bisher erschienen: Papa spielt den Weihnachtsmann

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