HomeKulturPotsdamer Winteroper 2021: Im Eishauch des Verbrechens - Kultur

Potsdamer Winteroper 2021: Im Eishauch des Verbrechens – Kultur

Es ist die Produktion zum Prozess. Gerade wurde am Potsdamer Landgericht der Streit um das Gemälde „Tarquinius und Lukretia“ wieder aufgerollt. Das Werk des Barockmeisters Peter Paul Rubens hing einst im Schloss Sanssouci, gelangte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Russland, wo es ein Kunsthändler erwarb. Unrechtmäßig, wie die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) findet.

Auf 72 Millionen Euro wird der Wert des Bildes geschätzt, das eine dramatische Szene zeigt: Eine römische Generalsgattin wird von einem etruskischen Prinzen mit dem Messer bedroht. Ihre anschließende Vergewaltigung führte, so geht die Legende, zum Ende der Terrorherrschaft der Etrusker über Rom und zur Gründung der Republik. Lucretia offenbarte sich ihrem Ehemann, nahm ihm einen Racheschwur ab – und brachte sie sich dann um, aus Scham über ihre Schändung.

Benjamin Britten hat das Thema 1946 aufgegriffen, für seine erste Kammeroper. Wenn „The Rape of Lucretia“ jetzt im Schlosstheater des Neuen Palais auf die Bühne kommt, als erstes Musiktheaterprojekt nach der sanierungsbedingten sechsjährigen Schließung, dann nimmt die Kammerakademie Potsdam allerdings nicht auf Rubens‘ Gemälde Bezug, sondern auf eine Darstellung durch die Malerin Artemisia Gentileschi, die ebenfalls zum Kunstschatz der SPSG gehört.

Die Oper ist ein Lehrstück nach Art von Bertolt Brecht

Anders als ihre männlichen Kollegen, denen man unterstellen darf, dass sie die Geschichte als Alibi nutzten, um einen nackten weiblichen Körper zeigen zu dürfen, malte Gentileschi aus der Perspektive einer Betroffenen. Sie war als 19-Jährige vergewaltigt worden, und ihr Vater hatte 1612 einen Prozess geben den Täter angestrengt, allerdings erfolglos. Bevor die Inszenierung von Isabel Ostermann beginnt, werden aus dem Off Passagen des damaligen Prozessprotokolls verlesen.

Dazu haben am Bühnenrand Kate Royal und Caspar Singh Platz genommen, in Anwaltsroben. Britten hat „The Rape of Lucretia“ als Lehrstück angelegt, mit einer Erzählerin und einem Erzähler. Die Regisseurin wertet ihre Rollen hier auf, holt sie hinein ins Geschehen: Sie agieren unter den handelnden Personen, bleiben in ihrer Allwissenheit aber hilflos, können das Sexualverbrechen nicht verhindern.

Szenisch wird vieles nur angedeutet, ein Tisch, der später zu Lucretias Bettstatt wird, ist das wichtigste Requisit in Stephan von Wedels Ausstattung. In ihrer edlen Abstraktheit betont sie die Parabelhaftigkeit des Stücks, herbstliche Farben dominieren, die Kostüme changieren stilistisch zwischen Antike und heutiger Zeit.

Die Kammerakademie entfesselt Emotionsstürme

Kraftvoller, energiegeladen und scharf konturiert, wünscht sich Dirigent Douglas Boyd die musikalische Seite, und die 14 Mitglieder der Kammerakademie Potsdam entfesseln dann auch dissonanzreiche Emotionsstürme. Davon lassen sich die durchweg englischsprachlichen Solist:innen mitreißen, wodurch es mitunter arg laut wird im intimen Theaterchen, dessen 226 Plätze nach der 2G-Regel voll besetzt sein dürfen. Caitlin Hulcup zeigt eine Lucretia, die mit sich im Reinen ist, Robert Hayward singt ihren Ehemann Collatinus mit noblem Bassbariton, Sean Boylan ist ein attraktiver Prinz Tarquinius mit bedrohlicher Machogestik.

Bei dieser „Potsdamer Winteroper“ gelingt durchaus eine Musterinszenierung – und doch muss vor dem Besuch auch gewarnt werden. Bei der 2,8 Millionen Euro teuren Ertüchtigung des Schlosstheaters wurde nämlich offensichtlich das Thema Klimatechnik konsequent ausgespart. Eine coronagerechte Belüftung lässt sich deswegen nur gewährleisten, indem alle Türen während der Vorstellung zum ungeheizten Treppenhaus offenbleiben. Wenn aber die Außentemperatur, wie am Premierenabend, bis auf drei Grad fällt und ein immer kälterer Eishauch in den Saal strömt, dann muss man sehr hart im Nehmen sein oder die Flucht ergreifen. Ich habe es jedenfalls nicht bis zu Ende ausgehalten.

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