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Nachruf auf den Verleger Klaus Wagenbach : Der Erfinder der roten Socke – Kultur

So richtig weiß wohl niemand mehr, woher eigentlich die „rote Socke“ stammt. In den frühen neunziger Jahren haben die Unionsparteien mit dem Schlagwort noch ihre Wahlkämpfe polemisch orchestriert, und auch in der DDR sollen damit mal SED-Kader bezeichnet worden sein. Obwohl die nur Graumäuse waren.

Nein, die Erfindung der roten Socke gebührt dem Verleger Klaus Wagenbach. Er trug sie jederzeit stolz, an beiden Füßen, die ansonsten zumeist in geschmeidigem italienischen Leder durchs literarische Leben liefen. Wagenbach, der nun in Berlin mit 91 Jahren gestorben ist, im Kreis seiner Familie und seiner Bücher, wie der Verlag meldet, er hatte es mit der Farbe Rot. Sie bedeutete ihm Feuer, Fanal, Herzblut, Rotwein und den leuchtenden Teil der italienischen Tricolore. So ziert sie bis heute alle Kataloge und viele Bücher des 1964 in West-Berlin in jenen ersten, auch von Klaus Wagenbach mitbeeinflussten Jahren der studentischen Kulturrevolte gegründeten Verlags, der seitdem seinen Namen trägt.

Gerade eben ist der rote Prospekt zum kommenden Frühjahrsprogramm erschienen. Unter dem Wagenbach-Signet wieder unterzeichnet „Der unabhängige Verlag für wilde Leser“. Wobei das Wilde kein krauses und völlig zielloses Denken meint. Sondern bei Wagenbach immer ganz unorthodox, also frei von Ideologie: Neugier, Lust auf viel Verschiedenes, auf Widersprüche, Überraschung, Spannung und möglichst große Spannweite.

Beispielsweise tritt im neuen Programm eine dreißigjährige Mailänder Literaturwissenschaftlerin auf, die in Australien lebt und über eine amouröse Dreiecksgeschichte schreibt. Und daneben steht die spektakuläre Neuübersetzung eines legendären, 150 Jahre alten sizilianischen Romans, Giovanni Vergas „Die Malavoglia“, einst Anregung auch für das moderne italienische Kino und hier mit einem Nachwort des Anti-Mafiaautors Roberto Saviano versehen; oder zum 100. Geburtstag des Dichters und Filmemachers die Fortsetzung der wunderbaren Werkausgabe Pier Paolo Pasolinis.

Das atmet alles den Geist Klaus Wagenbachs. Auch wenn er die Verlagsgeschäfte in den beiden Altbauetagen nahe dem Berlin-Wilmersdorfer Ludwigkirchplatz schon vor fast zwanzig Jahren hauptamtlich an seine Frau Susanne Schüssler übertragen hat. Sie hält diesen seltenen Vogel – nämlich einen von großen Buchkonzernen unabhängigen Familienbetrieb – seitdem programmatisch und ökonomisch am Fliegen. Zusammen auch mit der gemeinsamen Tochter Nina.

Seine Bildung hat er nie herausgekehrt

KW, so intern genannt, hatte sich selbst zuletzt gerne länger in das schöne toskanische Landhaus zurückgezogen, das die Familie im Dörfchen Montefollonico besitzt. Doch ab und an blitzte bis zu seinem 90. Geburtstag im vergangenen Jahr sein heller Kopf mit grauweiß gewordenem Schopf, samt roten Socken am Fußende, noch in der Öffentlichkeit auf. Auch seine Stimme mit dem leichten Berliner Unterton klang, selbst als sie etwas langsamer sprudelte, immer noch hell, grundiert von Lachkieksern, voll ironischem Humor.

Die eigene tiefere Bildung hat er dabei nie ostentativ herausgekehrt. Doch wenn er in der Berliner „taz“ im 20. Jahrhundert gelegentlich als Gast und Freund eine morgendliche Blattkritik machte, empfahl er dem linken Blatt zum Abschluss immer: auf die Titelseite ein Gedicht zu setzen! Poesie war für Wagenbach durchaus auch politisch. Und sei’s als Überraschung, Anregung, sanfter Schock. Literatur war für ihn ein Grundlebensmittel. Das nie satt, sondern immer weiter hungrig macht. Auf Erkenntnis, Welterfahrung, Existenzerweiterung. Für ihn das Schönste neben der Liebe. Wobei sein eigener Witz, sprich Esprit, gerne die Nähe zum Sinnlichen betont.

Liebte wilde Leser: Klaus Wagenbach Ende der 70er in seinem Verlagsbüro.Foto: picture-alliance /

Als er den berühmten Proust-Fragebogen für das „FAZ-Magazin“ beantwortete, notierte er, für manche Leser etwas provokativ, auf die Frage, was er an einer Frau am meisten schätze, mit spitzbübischer Freude allein das Wörtchen: „Geilheit“.

Der 1930 als Sohn eines CDU-Politikers (!) und einer Telefonistin in Berlin geborene Klaus Wagenbach hat Literatur und Kunstgeschichte studiert, über Franz Kafka promoviert und sich später als dessen „dienstälteste lebende Witwe“ bezeichnet. Neben Reiner Stachs jüngst dreibändiger Kafka-Monumentalbiografie sind Wagenbachs frühe Forschungen auf den Spuren des Jahrhundertdichters mit seiner unvergleichlich reichen Sammlung von Fotos, Postkarten und anderen Dokumenten aus Kafkas Umfeld bis heute ein Schatz.

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Bereits sein 1983 zuerst erschienener Band „Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben“ verdient dabei einen Platz in der Literatur- und Editionsgeschichte. Als Buchhandelslehrling ab 1949 bei Suhrkamp und S. Fischer, dann als Lektor im Frankfurter Fischer Verlag hatte Wagenbach das Metier von Grund auf gelernt. Zudem war er in erster Ehe mit der Verleger-Tochter und späteren Alleinverlegerin Katharina Wagenbach-Wolff verheiratet. Da erfuhr der junge Klaus viele musische Anregungen.

Er veröffentlichte Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof

Gleichwohl galt sein eigener Verlag lange Zeit vor allem als links und radikal. Unter den politisch prominenten Wagenbach-Autoren waren auch Rudi Dutschke oder Ulrike Meinhof (mit ihrem Stück „Bambule“), und ein Manifest der RAF hatte Wagenbach als zeitgeschichtliches Dokument veröffentlicht. Als Beitrag zur Meinungsfreiheit, für die er, der die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg von Anfang an als „Mord“ bezeichnete, oft genug vor Gericht erscheinen musste und zu Geld- und Bewährungsstrafen verurteilt wurde. Freilich, der unbeugsame Verleger KW hat, zeittypische Irrtümer eingeschlossen, selbst da, wo er nicht Recht bekam, doch meist recht behalten.

Zu einer großen Figur und sein Unternehmen zum größten denkbaren Kleinverlag wurde Wagenbach durch das zunehmend weitgespannte Programm. Dabei gilt bis heute die Maxime des epochalen Büchermachers und frühen Kafka-Verlegers Kurt Wolff: Texte publizieren, „von denen man meint, die Leute sollen sie lesen“, statt nur dem „geschmacksdienerisch nachzulaufen“, von dem man glaubt, sie „wollen sie lesen“.

Mit dieser Devise und seinem eigenen spröden Charme konnte Wagenbach auf Anhieb auch ein Verführer sein. Hatte Menschen, Leser, Autoren am eigenen Haken. So ließ er, auch in der Wagenbach-Zeitschrift „Freibeuter“ oder dem von ihm mit Michael Krüger zusammen herausgegebenen „Tintenfisch“, das Poetische und das Politische zusammenklingen. KW hat Wolf Biermanns lyrisch-scharfe Lieder der „Drahtharfe“ verlegt (wofür ihn die DDR mit einem Ein- und Durchreiseverbot belegte) und Pasolinis ketzerische „Freibeuterschriften“; er hat Luigi Malerba oder Andrea Camilleri für Deutschland entdeckt, Djuna Barnes’ „Ladies Almanach“ publiziert und Peter Burkes „Anderes Bild der Renaissance“. Wie man mit Poesie tatsächlich sechsstellige Auflagen erzielt, demonstrierte Klaus Wagenbach mit Erich Frieds Liebesgedichten.

Seinem verlegerischen Vorbild Kurt Wolff ist Wagenbach nicht nur in der Liebe zu Italien gefolgt. Er hat wie Wolff auch die Kunstgeschichte zu einer Perle des Programms gemacht: gipfelnd in der 45-bändigen ersten deutschen Gesamtausgabe der Künstlerbiografien des Renaissancemalers und Autors Giorgio Vasari. Und in diesem Jahr ist als weitere Krönung bei Wagenbach auch die achthundertseitige, wahrhaft grandiose Michelangelo-Biografie des Berliner Kunsthistorikers Horst Bredekamp erschienen. Das monumentale Werk kostet über hundert Euro, manch’ größeres Haus hätte hier in diesen Zeiten zurückgeschreckt. Aber inzwischen druckt der große Kleinverlag davon die zweite Auflage.

Um Klaus Wagenbach trauern jetzt nicht nur die Familie, viele Freunde und seine Autoren. Er hatte internationales Renommee, wurde ausgezeichnet nicht nur als deutsch-italienischer „Cavaliere“, und so wird mit ihm auch ein lebensfroher „uomo universale“, ein universeller Verlegergeist begraben.

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