HomeKulturLust am Untergang im Kammermusiksaal: Sopranistin Anna Prohaska feiert Hexensabbat - Kultur

Lust am Untergang im Kammermusiksaal: Sopranistin Anna Prohaska feiert Hexensabbat – Kultur

Es wurde ein schwarzer Abend, mit Goldrand. Wie im Flug rauschte die Show vorbei, so schön und so schnell, dass man sich nach zwei Stunden, als der Applaus prasselte, wie man es dem pandemiebedingt etwas schütteren Publikum im Kammermusiksaal der Philharmonie kaum zugetraut hätte, wieder zurück an den Anfang wünschte, da capo, und sich fragte: Wann treffen die drei wieder zusammen?

Die Sopranistin Anna Prohaska, Nicolas Altstaedt (Violoncello) und Francesco Corti (Keyboards) hatten sich zusammengetan, um den Spuren der Hexe von Endor nachzugehen. Endor oder auch „Ejn Dtr“ heißt ein Kibbuz in Nordisrael, zweitens ein Planet in Star Wars und drittens Tolkiens arkadienartiges Elfenland.

Von Gott verlassen, wie Macbeth

Es gibt sicher noch viele andere mythische Orte, wo man Endor suchen und finden kann. Erstmals erwähnt wurde das Land im alten Testament, im ersten Buch Samuel, das von der Niederlage des machttrunkenen König Saul im Kampf gegen die Philister erzählt und von seinem Tod – vorhergesagt von einer weisen Frau, die er inkognito aufsucht, nämlich in Endor.

Ihm geht es wie Macbeth, er ist von Gott verlassen. Ihr geht es wie Brünnhilde, sie wird zur Todesverkünderin wider Willen. Georg Friedrich Händel vertonte diese Geisterszene für sein Oratorium „Saul“, der Komponist Josef Tal schrieb darüber eine abendfüllende Oper namens „Saul in Eindor“ und Wolfgang Rihm hatte ebenfalls eine „Saul“-Oper in Arbeit, nach einem Libretto von Botho Strauß.

Cello und Sopran agieren unabhängig

Das Stück war bestellt gewesen für die Wiedereröffnung der sanierten Staatsoper Unter den Linden, anno 2017. Es wurde, aus Krankheitsgründen, nicht fertig. Aber nun sind immerhin Bruchstücke aus den Schreib- und Komponierstuben aufgetaucht, vor zwei Jahren veröffentlichte Strauß sein Kammerspiel „Saul“ und Rihm vollendete jetzt, für das Musikfest Berlin oder vielmehr: für die Stimme Prohaskas und das Cello von Altstaedt, das Hexengebet.

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Auf den ersten Blick ist diese Kantate das probate Gegenstück zu dem „Stabat Mater“ Rihms. Wieder handelt es sich um einen schwebenden, in weiten Intervallen ausgreifenden Doppelgesang. Doch anders als in dem Mariengebet für Bariton und Bratsche hat Rihm diesmal keine Erinnerung mit eingeschrieben in die jahrhundertealte Renaissance-Tradition der Sequenz. Kaum eine der vertrauten rhetorischen Formeln der Exklamatio, der Angst und Trauer tauchen auf in den beiden einander im freundlichen Feuer umkreisenden Stimmen.

Cello und Sopran agieren anfangs fast unabhängig voneinander, ein freier Kontrapunkt, ohne Devisen, ohne Echos. Sie reden verstörend an einander vorbei, in freiem Fall, extensivem Espressivo. Und finden am Ende zusammen in Verzweiflung, vor dem skandierten „Nicht(s)“. Diesmal spricht auch nicht der Mensch (vielmehr: ein Mann) fordernd zur heiligen Frau, auf dem scheinbar sicheren Boden der Liturgie. Sondern die Frau betet selbst, in den leeren Himmel hinein, an dem die Sintflut tobt. Was, naturgemäß, endet in Sprachlosigkeit.

Ein Dutzend Appetizer aus drei Jahrhunderten

Für das Zuvor dieser nachtschwarzen Seria-Arie haben die Akteure ein Dutzend Appetizer aus drei Jahrhunderten zusammen getragen. Musikhäppchen aus allerhand Hexen- und Sturmmusiken, von Händel bis Berio, die nonstop serviert werden, teils halbszenisch in Kostüm, teils mit improvisierten Übergängen.

Und zum Ende werden, zauberhaft überdreht, in aufmunternd bajuwarischem Volksmusik-Idiom, eine Buffa-Arie in Uraufführung dargeboten: Jörg Widmanns „Schwester Tod“, Arrangement einer burlesken Szene aus seiner Oper „Babylon“, nach dem Libretto von Peter Sloterdijk.

Hätte auch leicht schief gehen können, so ein (wie man früher wohl sagte) bildungsbürgerlicher Crossover. Aber nicht mit Prohaska. Sie ist mehr als nur eine Sängerin. Ist Komödiantin und Tragödin, Diva und Rampensau, und wo immer sie auftritt, egal, ob es die Breitwandbühne eines Festspielhauses ist oder ein schummeriges Kellerlokal, da findet jedenfalls große Oper statt. Altstaedt schwingt sich in den Duetten mit ihr auf zu verführerisch orientalisierenden Kantilenen.

Er benutzt sein Cello als Klampfe, sägt auf dem Barockcello im Prestissimo, mit Mut zur Abscheulichkeit, ein Tourbillion (zu deutsch: Wirbelwind) von Marin Marais herunter und grunzt in der „Babylon“-Szene, als Tod verkleidet, wie das Krokodil im Kaspertheater. Auch Corti wechselt cool die Stilrichtung, sprintet vom Cembalo an die Orgel oder an die Celesta oder an den Steinway, je nachdem, ob er virtuos- glitzerndes Passagenwerk abzuliefern hat oder hallende Continuo-Stützakkorde.

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