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Kunst, Obsession, Ausbeutung: Wie Billie Holiday sich zur Stimme ihrer Generation emporsang – Kultur

Niemand kam ihr nah, weder zu Lebzeiten, noch später. Billie Holiday hatte vielleicht keine begnadete Stimme, noch erfüllte sie gängige Schönheitsideale. Und trotzdem zählte sie zu den höchstbezahlten Schwarzen Künstler:innen ihrer Zeit – und gilt als wichtigste, innovativste Sängerin ihrer Generation. „Lady Day“ musste sich zeit ihres Lebens gegen Vereinnahmung und Ausbeutung wehren.

Vielleicht war es genau dieser Umstand, der die Lehrerin und Kulturjournalistin Linda Lipnack Kuehl faszinierte: In den letzten acht Jahren bis zu ihrem mysteriösen Tod arbeitete sie an einer umfassenden Biografie über Billie Holiday. Sie nahm über 200 Stunden Interviewmaterial auf, Gespräche mit Mitmusiker:innen, Managern, Jazzlegenden wie Count Basie, aber auch Weggefährten von Holidays Vater oder Kindheitsfreundinnen. Als jüdische Frau aus der Bronx hatte sie wahrscheinlich selbst Ausschluss erlebt – wenn auch andere als Holiday, deren Kindheit in Philadelphia von Armut, Gewalt und Prostitution geprägt war. Kuehl sollte ihr Buch niemals fertig stellen, 1978 wurde ihre Leiche auf einer Straße in Washington gefunden, wo sie am Abend zuvor ein Konzert von Count Basie besucht hatte.

Die Interviews galten lange als verschollen. Nun hat sie der Dokumentarfilmer James Erskine wiederentdeckt und mit teils nachkolorierten Filmaufnahmen aus Archiven, Gesprächen mit Kuehls Schwester sowie Super-8-Bildern und Fotos zu einem Porträt von Billie Holiday verwoben – und vielleicht auch ein bisschen von Linda Lipnack Kuehl, über Kunst, Obsession und Ausbeutung.


Erskine, eher für seine Sportdokumentationen wie über den Radfahrer Marco Pantani bekannt, erhielt als Erster Zugang zu den in den Achtzigern an einen Sammler verkauften Aufnahmen. Und es ist genau diesen Zeugnissen zu verdanken, dass „Billie – Legende des Jazz“ nie in eine rosarotgefärbte Sicht auf das Golden Age of Jazz abdriftet. Im Gegenteil: Der Sexismus und Rassismus, den Holiday in der Jim-Crow-Ära erfahren musste, leben fast beiläufig in den Erinnerungen von Mitmusiker:innen, Psychiatern, Polizeibeamten oder Managern auf.

Da erzählt der Zuhälter, dass Frauen damals auf Schläge „stolz“ gewesen seien; Musiker berichten davon, wie Holiday von weißen Kollegen für einen Auftritt in einem segregierten Club fallengelassen wurde. Die Drogenbehörde verfolgte sie, um sich mit ihrer Festnahme in der Öffentlichkeit zu profilieren – ein Aspekt, den auch Lee Daniels preisgekröntes Biopic „The United States vs. Billie Holiday“ gerade erst thematisierte. Und dann sind da noch ihre verschiedenen Lebenspartner, allen voran ihr letzter Ehemann Louis McKay, die sie schlugen, missbrauchten und um ihr Vermögen brachten.

Der Film bedient sich bei True-Crime-Formate

Fans bietet der Dokumentarfilm kaum neue Einblicke in die Biografie Billie Holidays, dafür zieht Erskine die Zuschauer in ihren Kampf gegen die Widerstände ihrer Zeit hinein, zeichnet dabei aber auch das ungeschönte Bild einer widersprüchlichen Ausnahmekünstlerin. Stellenweise grenzt es allerdings auch an Voyeurismus, wie lange sich der Film mit ihrer Sexualität und ihrer Drogensucht aufhält, besonders im Vergleich zur Passage über die Anti-Lynching-Hymne „Strange Fruit“ und die Repressalien, die Holiday nach diesem Erfolg zu erdulden hatte.

Durch die parallele Erzählung von Kuehls Leben und ihrem Tod unter mysteriösen Umständen bedient der Film den Boom von True-Crime-Formaten, unterstreicht aber auch die Universalität diskriminierender Erfahrungen, die Frauen, die nicht patriarchalen Vorstellungen entsprachen, erfuhren. Am Ende zieht Erskine die Fäden der Vergangenheit in die Gegenwart, schneidet Aufnahmen von rechtsextremen Aufmärschen in den USA zwischen Bilder aus Holidays Leben und ihrer Beerdigung. Es wirkt etwas dick auftragen. Aber schon Billie Holiday war Understatement fremd.

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