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Kolonialismus und Restitution: Der Schmerz bleibt – Kultur

Mit der Berliner Afrika-Konferenz, genauer: der Westafrika- oder Kongokonferenz vor knapp 150 Jahren auf Einladung von Reichskanzler Otto von Bismarck begann die große Aufteilung des Kontinents unter den europäischen Mächten. Wer immer das Kaiserreich für einen Nebendarsteller des Kolonialismus hält im Vergleich zu Großbritannien, Belgien, den Niederlanden oder Frankreich, findet hier den Beleg mindestens gleicher Verantwortung.

Tilgen lässt sich diese bis heute reichende Schuld nicht. Aber die Berliner Herbsttagung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste könnte als weitere Konferenz in die Geschichte eingehen – diesmal mit Konsequenzen zum Besseren.

Über 40 Wissenschaftler:innen zeichnen die Wege von Rückgaben nach

„The Long History of Claims for the Return of Cultural Heritage from Colonial Contexts“ war das dreitägige digitale Kolloquium überschrieben, bei der 40 Referenten aus dem globalen Süden und Norden über die Vorgeschichte der aktuellen Diskussion um Restitution von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten berichteten. Damit füllt sie eine Leerstelle, denn bisher ist kaum bekannt, dass nicht erst seit wenigen Jahren, sondern schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts und früher Rückgabeforderungen gestellt wurden – die wenigsten erfolgreich.

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Bénédicte Savoys Beitrag kam da fast einer Apotheose gleich, hatte die französische Kunsthistorikerin doch keine zwei Wochen zuvor erlebt, wie eine Restitution gelingen kann und die Rückkehr von 26 Monumentalskulpturen aus dem Pariser Musée Quai Branly nach Benin ein ganzes Land in Euphorie versetzte. Ihr messerscharfer Vortrag „Über institutionelle und andere Lügen“, beruhend auf ihrem jüngst erschienenen Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage“, kam ihr selbst durch die jüngsten Erlebnisse überholt vor.

Vielleicht müsse sie sich nun anderen Themen zuwenden, überraschte Savoy das Publikum. Glauben wollte man es ihr nicht. Aber selbst durch Verweise, dass vom Enthusiasmus anderer Durchbrüche wie vor zehn Jahren in Windhoek wenig geblieben sei und ikonische Rückgaben die Verhandlungen um weniger spektakuläre Objekte überdeckten, ließ sich Savoy ihre Freude nicht nehmen.

Savoy bleibt überzeugt: Die Rückgaben aus dem Quai Branly ändern alles

Das Spielfeld habe sich wie nach dem Mauerfall grundsätzlich geändert, blieb sie optimistisch.

Ob Kronen oder Kutschen, ganze Archive oder Gebeine – die anderen Vorträge der Referenten umkreisten eher die Mühen und Vergeblichkeiten der Herkunftsgesellschaften, entwendete Artefakte oder Humain Remains zurückzuerlangen. Entsprechend scharf reagierte Moderator Wayne Modest – Direktor des niederländischen Nationalmuseums der Weltkulturen und zusammen mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Mitveranstalter der Konferenz – auf die Begrüßungsworte von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die vor allem die eigenen Erfolge während ihrer Amtszeit herausstrich. Es ginge doch wohl eher darum, was noch nicht geleistet sei und in Zukunft geschehen müsse, um den historischen Schmerz zu lindern, so Wayne. Ein peinlicher Moment für Grütters.

Die Eröffnungsrede der hawaiianischen Forscherin geht nahe

Die Eröffnungsrede von Noelle Kahanu über die Sammlung des Mediziners Eduard Arning, der Ende des 19. Jahrhunderts in Hawaii nicht nur Ethnografika sammelte, sondern auch zwei Dutzend iwi kupana (die Knochen von Vorfahren) mitgehen ließ, die sich bis heute bei der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte befinden, handelte genau von diesem Schmerz. „Das historische und aktuelle Drama existieren nebeneinander,“ sagte die Hawaiianerin. „Das Schicksal unserer Vorfahren ist unmittelbar mit unserer Gegenwart verbunden.“

Eine Lösung des Konflikts stelle das pono genannte hawaiianische Konzept einer Aussöhnung dar, die sich auch in Form einer Museumspräsentation niederschlagen könne. Es gebe eine Verpflichtung zu verzeihen, erklärte Kahanu. Ihr Aloha am Bildschirm zum Abschied ließ wohl niemanden unberührt.

Zu den überraschendsten Vorträgen gehörten Berichte über allerfrüheste Rückgabeersuchen oder solche, die unterblieben. So verlangte der tief religiöse äthiopische König Yohannes IV bereits 1872 geraubte Ikonen von den Engländern zurück, die ihn als Herrscher legitimierten. Von den Briten als Christen erhoffte er sich besondere Unterstützung. Nur waren da die geraubten Bilder abermals gestohlen und nicht mehr auffindbar.

Als Konrad Preuss 35 Steinskulpturen stahl, kümmerte das keinen

Die 35 von Konrad Preuss 1910 aus dem archäologischen Park von Sankt Augustín in Kolumbien gestohlenen Steinskulpturen verlangte hingegen niemand zurück; sie befinden sich noch heute in Berlin. Es habe damals kein Bewusstsein für die eigene Geschichte gegeben, keine Anerkennung der Ureinwohner, so Pierre Losson von der Columbia University in seinem Referat. Die neuen Eliten hätten stärker Anschluss an die Moderne gesucht, ja sogar Goldobjekte der Inka einschmelzen lassen. Inzwischen regt sich Protest.

Grotesk auch der Fall des Oba Akenzua II., Oberhaupt des Königreichs Benin, der in den 1930ern zwei bronzene Stühle in Europa suchen ließ und schließlich von Berlin vergeblich zurückverlangte. Ihm wurden stattdessen Kopien aus der Gusswerkstatt Noack angeboten, die er laut Rechnung mit 1492 Reichsmark auch noch selbst bezahlen musste.

Wem gehört das Erbe, wenn die Königreiche nicht mehr existieren?

Sämtliche Fälle – ob die Rückgabe einst glückte oder nicht, ob Forderungen weiter bestehen oder nicht – offenbaren die Problematik heutiger Empfänger: Wem gehört inzwischen das Erbe, wenn die Königreiche nicht mehr existieren, die Nachfahren zerstreut sind? Der Nation, einzelnen Gruppen oder Individuen? Inzwischen dienen die Rückführungen der Identitätsstärkung ganzer Länder, ja sie sollen im besten Fall Heilung leisten.

Von der der Abschlussdiskussion, an der Vertreter aus Kamerun (Albert Gouaffo) und Ghana (Nana Oforiatta Ayim) sowie Nadja Ofuatey-Alazard von der Berliner Initiative Dekoloniale teilnahmen, konnte man den Eindruck gewinnen, dass ein ganzer Kontinent in Aufbruchsstimmung ist, seine Geschichte neu zu beleben. Bénédicte Savoys Euphorie brach sich kurz noch einmal Bahn, bevor Skepsis wieder die Oberhand gewann.

Wie wäre es, wenn die Beweislast bei den Museen liegen würde?

Auf den Vorschlag von Albert Gouaffo, dass die Beweislast künftig umgekehrt werden müsse und die Museen nur noch Objekte behalten dürften, wenn der Nachweis gewaltfreier Aneignung erbracht sei, reagierten in der Runde weder Barbara Plankensteiner vom Hamburger Museum am Rothenbaum noch Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder und Leiter der jüngst eingerichteten Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten.

Die Herkunftsgesellschaften fühlen sich nur am Rande gefragt

„Wir brauchen eine umgekehrte Sammlungsgeschichte, die von den Herkunftsgesellschaften ausgeht,“ forderte Gouaffao. Nur aus der Innenperspektive, durch oral history, ließe sich herausfinden, woher die Objekte stammten. Afrikanische Stimmen würden häufig wie Fußnoten behandelt, ergänzte Nana Oforiatta Ayim bitter.

Einen Moment stand Kampfeslust im Raum, als Gouaffo zurückfragte: „Wessen Recht steht im Mittelpunkt: afrikanisches civil law oder das Gesetzbuch der Europäer?“ Statt nur 26 Monumentalobjekte aus dem Quai Branly hält er 100 Prozent für angemessen. Und wenn Monika Grütters für 2022 „substanzielle Rückgaben“ an Benin-Bronzen in Aussicht stellt, dann ist ihm das jetzt schon zu wenig: „Wir warten auf Antworten aus Europa.“

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