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Jahresrückblick mit Karikaturist Klaus Stuttmann: „Mit Baerbock und Habeck tue ich mich schwer“ – Panorama – Gesellschaft

Das ist das Schicksal des Karikaturisten. Da sitzt er an seinem Schreibtisch und starrt auf die Politikerporträts vor sich an der Wand, von denen viele mit einem Kreuz durchgestrichen sind. Rechts und links sieht man Tropfen fliegen, die sich als Tränen oder auch als ein Schweißausbruch interpretieren lassen.

Politischer Beobachter. Klaus Stuttmann zeichnet seit fast 30 Jahren Karikaturen für den Tagesspiegel.Foto: Hans Kauper

„Wieder mal Trauer bei den Karikaturisten …“, lautet die Unterzeile des Bildes, das Klaus Stuttmann vor ein paar Tagen zum Amtsantritt der neuen Bundesregierung gezeichnet hat. Es ist ein Selbstporträt.

Ein Regierungswechsel sei aus Sicht des Karikaturisten immer Fluch und Segen zugleich, sagt Klaus Stuttmann (72), der gerade seinen neuen Sammelband unter dem Titel „Jetzt geht’s looos!!“ veröffentlicht hat und von dem vor einigen Monaten im Tagesspiegel-Verlag ein weiteres Buch mit dem Titel „Noch mehr Stuttmann – die besten Tagesspiegel-Karikaturen“ veröffentlicht wurde. „Einerseits ist es schön, etwas Abwechslung zu haben. Andererseits fallen mir viele der neuen Figuren nicht leicht.“

Da, wo normale Bürgerinnen und Bürger sich jetzt lediglich viele bislang unbekannte Namen merken müssen, von Nancy Faeser bis zu Bettina Stark-Watzinger, steht der politische Karikaturist vor einer größeren Aufgabe. Seine Herausforderung ist es nicht nur, in wenigen Strichen die äußere Erscheinung seiner Figuren so zu verdichten, dass sie in jeder Situation sofort erkennbar sind.

Er muss auch versuchen, eine Essenz ihrer politischen Persönlichkeit oder der mit ihnen verbundenen Eigenheiten pointiert zu Papier zu bringen – und witzig soll es idealerweise auch noch sein. Doch mit Ausnahme von Olaf Scholz, den Stuttmann bereits knapp 40 Mal mit knautschiger Visage als Bundesfinanzminister und SPD-Spitzenkandidaten verewigt hat, ist der Rest des Bundeskabinetts zeichnerisch weitgehend Neuland.

„Scholz ist als Figur eingeführt“

„Mit Annalena Baerbock und Robert Habeck tue ich mich noch sehr schwer“, sagt Stuttmann, der seine Zeichnungen seit vielen Jahren mit einem elektronischen Stift auf dem Grafik-Tablet anfertigt. „Scholz ist als Figur eingeführt, den kennt jeder, und er wird sofort erkannt.“

Der Sammelband „Jetzt geht’s looos!! Politische Karikaturen 2021“ ist im Schaltzeit-Verlag erschienen (224 Seiten, 22 €).Foto: Schaltzeit

Bei den meisten anderen Mitgliedern der neuen Bundesregierung hingegen ringe er noch damit, ihre Gesichter mit wenigen Strichen so auf den Punkt zu bringen, dass sie jeder erkennt. „Baerbocks schwarze Haare und ihre dunklen Augenbrauen sind ein gutes Erkennungszeichen – aber ihr merkwürdiges Lächeln ist schwer in den Griff zu kriegen.“

Bei Habeck sei verwirrend, dass er lange Zeit eine eher „chaotisch“ wirkende Erscheinung mit verstruppelten Haaren hatte, die gut zu zeichnen waren – „und jetzt ist er plötzlich geschniegelt und gebügelt“. Und bei Karl Lauterbach „musste man früher einfach nur eine Fliege am Hemdkragen zeichnen, dann war alles klar“. Doch seitdem der neue Bundesgesundheitsminister das Hemd öfters mal offen und die Haare zudem anders als früher trägt, feilt Stuttmann auch hier noch an dem perfekten Strich.

Abgesehen davon war die Bundestagswahl im Herbst aber eine willkommene Abwechslung für den Karikaturisten im zweiten Corona-Jahr: „Man gierte nach anderen Themen.“ Auch wenn die Covid-19-Pandemie für Stuttmann bis heute eine unerschöpflich scheinende Inspirationsquelle ist. „Bei dem Thema kommen ja immer neue Aspekte hinzu, Impfstoffe, Lockdowns, Öffnungsdebatten, neue Varianten“, sagt Stuttmann. „Für Karikaturisten ist das spannend: Da gibt es immer neue Entwicklungen, man weiß nie, wie es weitergeht.“

„Karikaturen zu Katastrophen sind immer schwierig“

Dennoch gab es im vergangenen Jahr auch andere starke Themen, die sich jetzt in Stuttmanns Rückblicksbuch finden, darunter die Turbulenzen nach der US-Wahl mit der Erstürmung des Kapitols zu Jahresbeginn oder im Sommer die Flutkatastrophe in Deutschland. „Wobei es immer schwierig ist, Karikaturen zu Katastrophen zu machen.“

Digitaler Strich: Klaus Stuttmann bei der Arbeit auf seinem elektronischen Zeichentablet.Foto: Lars von Törne

In dem Fall half dann Unionskandidat Armin Laschet mit seinem Lachanfall im Katastrophengebiet: Den zeichnete Stuttmann im Juli mit Karnevalskappe auf dem Kopf und bunten Ballons in den Händen, dahinter von der Flut zerstörte Gebäude. In Laschets Sprechblase schrieb Stuttmann: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“ Das Bild findet sich jetzt auf der Rückseite des neuen Buches.

Auch Donald Trump, den Stuttmann stets mit einem Schnabel à la Donald Duck zeichnet, ist in dem Sammelband sehr präsent, weit mehr als sein Nachfolger, den der Karikaturist bisher erst zwei, drei Mal porträtiert hat. „Joe Biden ist eine blasse Figur“, sagt Stuttmann, „nicht so barock wie sein Vorgänger.“ Zudem seien weißhaarige Menschen generell schwieriger zu zeichnen, da ihre Haare keine erkennbare Struktur haben.

[Hier gibt es Stuttmanns tägliche Tagesspiegel-Karikaturen.]

Dass er Biden im Vergleich zu Trump bislang so viel weniger karikiert hat, hat allerdings hauptsächlich einen anderen Grund: „Er produziert nicht so viele Schlagzeilen.“ Als Karikaturist sei er nun mal darauf angewiesen, welche Themen gerade Konjunktur hätten und von den schreibenden Kolleginnen und Kollegen so prominent behandelt würden, dass sich die entsprechenden Karikaturen dem Publikum sofort erschließen.

Eine Akteurin, die in seinem Jahresrückblick noch omnipräsent ist, aber in Stuttmanns aktuellem Werk ebenfalls kaum noch eine Rolle spielt, ist Angela Merkel. „Ich werde sie vermissen“, hatte er vor einiger Zeit mal mit Blick auf die bevorstehende Wahl gesagt. In seinem kürzlich neu aufgelegten Sammelband „Mein Merkelbilderbuch“ hat der Zeichner sich in einem Selbstporträt im Stil von Courbet als Maler verewigt, neben dessen Leinwand eine kaum verhüllte Merkel steht, dazu die Unterzeile „Selbstbildnis mit Muse…“

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Spürt er jetzt, wo die von ihm mehr als 1000 Mal karikierte Kanzlerin nach 16 Jahren ins Private verschwunden ist, einen Phantomschmerz? „Ich empfinde eine gewisse Trauer, so wie ich auch manch anderen Politikern hinterhertrauere, aber für Phantomscherz bleibt keine Zeit“, sagt Stuttmann und lacht.

Dafür gibt es jetzt einfach zu viel zu tun. In seinem Kreuzberger Arbeitszimmer sitzt der Zeichner bereits an einer großen Jahresrückblickseite für den Tagesspiegel, auf der wie in den Vorjahren die wichtigsten Köpfe der vergangenen zwölf Monate versammelt werden.

„Ich würde mir gerne mehr Zeit nehmen, die Neuen zu studieren und ihre Gesichter zu üben, damit ich nicht zu lange dafür brauche“, sagt er. „Ich setze mich da auch schon mal bei einer Talkshow vor den Fernseher und beobachte sie genau.“ Bis Ende Dezember die Jahresrückblickseite fertig sein soll „will ich zumindest einige von denen im Griff haben“.

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