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Interview mit dem Dirigenten Vladimir Jurowski: „Kunst muss einen Bezug zum Leben haben“ – Kultur

Herr Jurowski, Sie haben jüngst Ihren Vertrag mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin bis 2027 verlängert. Parallel aber gaben Sie in diesem Jahr gleich vier Leitungspositionen ab, beim London Philharmonic Orchestra, beim „Jewgeni Swetlanow“-Orchester in Moskau, beim Orchestra of the Age of Enlightment und beim Enescu-Festival in Bukarest. Stattdessen haben Sie als Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper angefangen. Wie geht es Ihnen mit so vielen Veränderungen?

Veränderungen sind gut. Das ganze Leben ist eine unaufhörliche Serie von Metamorphosen. So lange sich noch etwas verändert, ist man noch lebendig. Ich habe auch alle Veränderungen selbst in die Wege geleitet. Wenn das Leben keine Veränderung bringt, dann muss man sie selbst herbeiführen.

Wollten Sie Ihr Leben entschleunigen?

Nicht unbedingt, eher konzentrieren. Ich gewöhne mich gerade an das Leben im Zug zwischen Berlin und München. Die letzten Jahre habe ich mein Leben meist in Flugzeugen verbracht, das wollte ich nicht mehr. Ich möchte meinen persönlichen CO2-Abdruck reduzieren. Seit 2017 fahre ich innerhalb Europas nur noch Zug. Nur für London und Moskau nehme ich noch das Flugzeug, aber eben nur noch ein oder zweimal im Jahr – und nicht zehnmal wie früher.

Eine Kontinuität bleibt die Leitung des RSB in Berlin. Warum ist Ihnen das Orchester wichtig?

Unter anderem deshalb, weil ich es noch als Jugendlicher kennengelernt habe. Mein Vater dirigierte das Orchester häufig, und ich durfte in den Proben hospitieren. Da verbindet uns auch ein Stück Familiengeschichte. Man sollte als Dirigent zwischen sieben und zehn Jahre bei einem Orchester bleiben, um echte künstlerische Veränderungen herbeiführen zu können. Unser Verhältnis ist sehr gut – deshalb bringt die Verlängerung beiden Seiten etwas.

Es gibt in Berlin eine starke Konkurrenzsituation. Wie positionieren Sie das RSB?

Den Konkurrenzkampf scheue ich überhaupt nicht. 2007 habe ich beim London Philharmonic gleichzeitig mit Esa-Pekka Salonen beim Philharmonia Orchestra und Valery Gergiev beim London Symphony Orchestra meine Position angetreten, später löste ihn Sir Simon Rattle ab. Was wir in Berlin versuchen, anders zu machen, ist die thematische Planung. Wir widmen einzelne Konzerte und das ganze Saisonprogramm bestimmten Themen, die nicht nur musikalische, sondern auch gesellschaftliche Relevanz haben. Damit haben wir als erste in Berlin angefangen – jetzt ist es fast schon Mode geworden. Wir haben uns beispielsweise schon in der Saison 2018/2019 dem Klimawandel und der Rettung der Umwelt gewidmet.

Und wie unterscheidet sich das Orchester klanglich von der Konkurrenz?

Das RSB hat eine illustre Geschichte und ist fast 100 Jahre alt – die meisten Rundfunkorchester wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Ich finde, beim RSB haben sich Tradition und Innovation zusammengefügt. Einerseits hat es die Tugenden eines deutschen Traditionsorchesters mit einem spezifischen Streicher- und Bläserklang, der an Klangkörper wie die Staatskapelle Dresden oder das Gewandhausorchester Leipzig erinnert. Durch seine Aufnahmetätigkeit ist das Orchester aber auch sehr flexibel. Außerdem ist die Atmosphäre so angenehm, dass es einfach großen Spaß macht, mit dem Orchester zu musizieren.

In München haben Sie mit Schostakowitschs Oper „Die Nase“ begonnen, Regisseur Kirill Serebrennikow setzte sich mit Polizeigewalt und staatlicher Repression im gegenwärtigen Russland auseinander. Wie haben Sie die Arbeit empfunden?

Politische Kunst hat es schon immer gegeben – das empfinde ich als etwas völlig Normales. Ich bin ja in Russland auch in dieser Tradition groß geworden, dass sich die Kunst auflehnt gegenüber einem repressiven Staat. Jedes Buch, das wir gelesen, jedes Theaterstück, das wir gesehen und jede Oper, die wir gehört haben, versuchten wir, aus der Perspektive des Widerstands gegen das herrschende System zu verstehen. Serebrennikows Inszenierung war so spezifisch russisch, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie das Publikum zu hundert Prozent erfasst hat.

Muss Oper für Sie immer einen starken Gegenwartsbezug haben?

Nein, muss sie nicht. Aber sie muss einen starken Bezug zum menschlichen Leben haben. Die Oper ist geboren aus der griechischen Tragödie. Die Mitglieder der Florentiner Camerata haben zu Beginn des 17. Jahrhunderts versucht, das antike Theater wiederzubeleben.

Ihr Vater und Ihr Bruder sind auch Dirigenten. Was mögen Sie an diesem Beruf?

Ich liebe es, die unterschiedlichen Klänge der verschiedenen Instrumentengruppen zu einer musikalischen Architektur zusammenzuschweißen. Es ist ein unglaubliches Gefühl, das vielleicht noch mit Orgelspielen zu vergleichen ist, was ich als Jugendlicher getan habe. Man hat das Gefühl, man kontrolliert diese unglaublichen Klangmassen. Im Orchester gibt es dabei noch viel mehr Farben.

Aber der Unterschied ist, dass Sie als Dirigent den Klang nicht selbst erzeugen durch Tastendruck, sondern auf die Musikerinnen und Musiker vertrauen müssen.

Man macht den Klang nicht, aber man formt ihn. Das ist auch der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Dirigenten. Ein guter Dirigent hat immer einen direkten Einfluss auf den Klang des Orchesters. Und nützt das für seine musikalische Vision. Ein Dirigent, der nur ein Taktschläger ist, hat keinen Einfluss auf den Klang und ist für mich musikalisch nicht interessant.

Und was mögen Sie nicht?

Dass ich Macht ausüben muss. Das liegt mir eigentlich völlig fern, aber es gehört dazu. Man muss Entscheidungen treffen und sie umsetzen. Manchmal muss man auch als Coach oder Lehrer arbeiten und die Orchestermitglieder erziehen – auch das kann manchmal problematisch sein. Mit dieser Macht muss man als Dirigent aber so umgehen, dass man sich noch ohne Scham im Spiegel anschauen kann.

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