HomeKulturInge Jens gestorben: Neigung und Pflichtbewusstsein - Kultur

Inge Jens gestorben: Neigung und Pflichtbewusstsein – Kultur

Als Inge Jens an ihren „Unvollständigen Erinnerungen” schrieb, da war sie 82 Jahre alt, stellte sie sich zuerst die Frage: „Warum dieses Buch?“. Um sie ehrlich und fast ein wenig verwundert so zu beantworten: „Weil ich merkte, dass es mir Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen.“

Zu dieser Zeit litt ihr Mann Walter Jens schon einige Jahre an Demenz, und Jens offenbarte in ihren Erinnerungen, dass diese Krankheit ihr den Partner, „das widersprechende Gegenüber“ genommen und „auf mich selbst – nein, nicht zurückgeworfen, aber verwiesen“ habe.

Sie selbst hatte die Demenz ihres 2013 verstorbenen Mannes öffentlich gemacht, hatte in einem Interview gesagt: „Er ist nicht mehr mein Mann. Die Krankheit hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht.“

Doch liegt der Grund über dieses Erstaunen, wieviel Spaß es machen kann, sich mit sich selbst zu beschäftigen, tiefer: begründet in ihrer Arbeit als Literaturwissenschaftlerin und ihrem politischen und zivilgesellschaftlichen Engagement.

2013 starb ihr Mann Walter Jens, 2020 ihr Sohn Tilman

Inge Jens’ Hauptaugenmerk galt immer anderen, nicht nur Schriftstellern, nicht nur „Frau Thomas Mann“ oder deren Mutter Hedwig Pringsheim, sondern auch den Geschwistern Scholl, dem Chanson- und Operettenkomponisten Ralph Benatzky oder der Klaviermusikerin und Komponistin Josephine Caroline Lang.

Diesen Schicksalen ging sie sowohl im literarischen wie im historischen Kontext nach, umfassend, sachlich, präzise. Und so wie ihre literatur- und kulturhistorischen Arbeiten hatte auch ihre Teilnahme an der Friedensbewegung in den achtziger Jahren etwas Unbedingtes, sie völlig Ausfüllendes: Als Friedensaktivistin nahm sie mit ihrem Mann zum Beispiel an der Blockade des Pershing-II-Depot in Mutlangen teil; oder beherbergte 1991 zwei Irakkriegs-Deserteure der US-Armee bei sich zuhause in Tübingen.

Geboren wurde Jens 1927 in Hamburg als Inge Puttfarcken, sie war die älteste von vier Kindern einer eigentlich liberalen, wohlhabenden Familie. Der Nationalsozialismus wurde wie selbstverständlich in diese bürgerlichen Zusammenhänge integriert, „und zwar ohne dass wir das Gefühl hatten, uns jeweils ,anders’ verhalten zu müssen“, wie es in ihrer Autobiografie heißt.

Ihr Vater, Chemiker von Beruf, arbeitete bei einer Nachrichtenabteilung der SS. Und sie selbst kam zu den Jungmädchen und stieg später zur BDM-Führerin auf: „Es überwiegen die freundlichen Erinnerungen“ schrieb Jens ganz offen.

Sie demonstrierte diese Offenheit zusätzlich, in dem sie in ihre Erinnerungen einen Aufsatz montierte, den sie als 10-Jährige über einen Besuch Hitlers in Hamburg geschrieben hatte. Das war insofern bemerkenswert, als dass Walter Jens 2003 nach der Enthüllung seiner NSDAP-Mitgliedschaft mehr als Schwierigkeiten damit hatte, sich daran zu erinnern (was wiederum den 2020 verstorbenen Sohn der beiden, Tilman Jens dazu veranlasste, mit „Demenz. Abschied von meinem Vater“ bei aller Zärtlichkeit und Zugewandtheit eine Art Abrechnung zu schreiben).

Inge Jens war auch als Sozialpädagogin tätig

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Inge Jens eigentlich Medizin studieren wollen. Sie bekam keine Zulassung und studierte dann erst in Hamburg, später in Tübingen, wo sie ihren Mann kennenlernte, Germanistik, Anglistik und Pädagogik; viel später, Mitte der sechziger Jahre, absolvierte sie noch einmal ein Studium der Sozialpädagogik, um in der Familienberatung tätig werden zu können.

Auch wenn es zunächst den Anschein hatte, sie würde im Schatten ihres Mannes stehen, dieses wortgewaltigen, gern die Öffentlichkeit suchenden Schriftstellers und Rhetorikprofessors, verstand Inge Jens es schnell, sich von diesem zu emanzipieren – ohne dass sie das, pietistisch-pflichtbewusst wie sie war, als regelrechte Befreiung verstanden wissen wollte oder die Zusammenarbeit mit ihrem Mann ablehnen sollte. Sie verstand es anders, als „Lebensmöglichkeiten praktisch ausprobieren zu können, Neigung und Pflicht – auch gegenüber der Familie – miteinander verbinden zu können“.

1960 übernahm sie die Edierung des Briefwechsels von Thomas Mann mit dem Kölner Germanisten Ernst Bertram, was ihr viel Lob einbrachte; einige Jahre danach veröffentlichte sie den Nachlass des Schriftstellers und Literaturhistorikers Max Kommerell sowie eine unter anderen von Marcel Reich-Ranicki gefeierte Studie über die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, „Dichter zwischen rechts und links“.

Die Demenz wurde schließlich ihr letztes Lebensthema

Vor allem verband sie ihr Leben und ihre Arbeit schließlich mit den Manns, nachdem sie Anfang der achtziger Jahre die Tagebücher von Thomas Mann ediert hatte. Es folgten Bücher über verschiedene Mitglieder der Mann-Familie, weitere Brief- und Tagebucheditionen, die sie allein oder zusammen mit Walter Jens schrieb oder herausbrachte. 2013 noch zog sie eine Art Bilanz ihrer Beschäftigung mit den Manns mit dem Buch „Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt“.

Es hat bei dieser enormen, bewundernswerten Lebensleistung eine eigene Tragik, dass sich in den Jahren der Demenz von Walter Jens der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, aber auch der ihrige, private sowieso, wieder ganz auf ihren Mann richtete.
Doch gehörte es zu ihrem Wesen, das nicht nur anzunehmen, sondern sich offensiv dafür einzusetzen, diese Krankheit zu enttabuisieren, darüber aufzuklären, auch die Sterbehilfe zu thematisieren, in Interviews, öffentlichen Auftritten und ihrem letzten, 2016 entstandenen Buch „Langsames Entschwinden: Vom Leben mit einem Demenzkranken“. Darin versammelt sind knapp vierzig Briefe, die sie an Freunde geschrieben hat, um den Zustand von Walter Jens und ihre eigenen Empfindungen zu dokumentieren. Am Abend vor Heiligabend ist Inge Jens in Tübingen im Alter von 94 Jahren gestorben.

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