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„Im Wald, im Holzhaus“ von Michael Krüger: Vorsicht, diese Lyrik hat großes Suchtpotential – Kultur

Der einstige langjährige Hanser Verleger, Schriftsteller und Lyriker Michael Krüger gehört zu den Menschen, die während der Corona-Lockdowns sich nicht nur wie alle vorsehen und die üblichen Vorsichtsmaßnahmen einhalten sollten. Er musste sich tatsächlich in strengste Quarantäne begeben und durfte praktisch keine Kontakte haben. Krüger leidet an einer Leukämie, begann zu Beginn der Corona–Krise mit einer immunsuppresiven Therapie und schlug sich überdies mit einer schweren Gürtelrose herum.

Deshalb verbrachte er allein das Jahr 2020 in einem Holzhaus am Starnberger See, auf einem, wie es scheint, einigermaßen großen Grundstück. Und, was macht ein passionierter Literaturmensch wie Krüger, der eben auch Autor ist, so ganz auf sich selbst zurückgeworfen?  Er schreibt. In diesem Fall Gedichte, Prosagedichte, die wöchentlich im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen und nun in einem schönen Band versammelt sind unter dem Titel „Im Wald, im Holzhaus“.

[Michael Krüger: Im Wald, im Holzhaus. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 125 Seiten, 24 €.]

Natürlich ist der Radius in den Gedichten vordergründig klein. Für Krüger gilt es, die begrenzte Umgebung abzuschreiten, sich mit der Natur zu beschäftigen, Tiere zu beobachten, auch Insekten, „Tagelöhner, die am Abend mit der Sonne wieder verschwinden, / darunter auch Tagediebe, die auf der Spitze der Gräser sitzen /und sich vom Wind, noch immer von Osten, wiegen lassen.“

Doch beschäftigt sich Krüger nicht nur mit der Natur und den Dingen um ihn herum. Sondern mit Vergänglichkeit und Tod, was sich bei so einer lebensgefährlichen Erkrankung fast von selbst versteht. Der Tod hat sich ihm womöglich, es ist ausgerechnet das 13. der schlichtweg durchnummerierten Gedichte, schon einmal in einem Maikäfer gezeigt, „ein lahmer Flügel schleifte wie ein Cape über den Boden.“

Es hat eine eigentümliche Bewandtnis mit diesen Gedichten

Krüger sinniert kurz darauf, seiner Angst Ausdruck gebend: „Irgendwo lebt hier / der Tod, aber man erkennt ihn nicht. Alle sind beeindruckt / von seiner List, unbemerkt in die Häuser zu treten. /Später habe ich mich an den Tisch gesetzt und nach Worten / gesucht, andere haben zu viel davon, mir fehlen sie.“

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Desweiteren geht es um die Mechanismen der Krankheit, des Körpers, um die Pandemie, um Träume, in denen Jan Höfer oder Marietta Slomka vorkommen, um Bücher, Konzerte, griechische Mythologie. Jedes Gedicht hat seine spezifische Eigenheit. Dabei regiert eine kluge, aphoristische Nüchternheit. Bisweilen ist eine dezente Angst zu spüren, jedoch nie Vergeblichkeit. Oder eine Bitternis darüber, wie die Jahre verstrichen sind: „Wie spürt man die Zeit?“ fragt Krüger einmal.

Es hat eine eigentümliche Bewandtnis mit diesen Gedichten: Man richtet sich ein, wird süchtig nach ihnen, nach dem Naturerleben des Autors; nach ähnlicher Abgeschiedenheit, erzwungen oder nicht; nach seinen Gedanken, auch sprachlicher Art, wenn er etwa fragt, warum der Himmel oder der ach so demokratische Schuppen eigentlich nicht weiblich sind. Vermutlich verdankt sich diese Suchtgefahr der scheinbaren Mühelosigkeit, mit der Krüger formuliert – und seiner Fähigkeit, scharfsinnige Reflexionen aus noch so kleinen Begebenheiten zu entwickeln.

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