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Horror-Comic „Gideon Falls“: Der Fluch der schwarzen Scheune – Comics – Kultur

In dieser Welt hat nichts Bestand. Menschen, die einem eben noch fest zur Seite standen, lösen sich im nächsten Moment in viele Teile auf oder verschwinden. Alles ist im Fluss, immer wieder verschiebt sich die Grenze zwischen Realität und Albtraum, zwischen Gut und Böse. Es ist ein reißender Strom aus Bildern und Worten, mit dem der kanadische Comicautor Jeff Lemire und der italienische Zeichner Andrea Sorrentino die Welt von „Gideon Falls“ (aus dem amerikanischen Englisch von Bernd Kronsbein, Splitter-Verlag, sechs Bände à 112-160 Seiten, je 19,80 / 22 / 24 €) lebendig werden lassen.

Fliegende Bilder: Eine der spektakulären Splashpage-Doppelseiten, die Andrea Sorrentinos Markenzeichen sind.Foto: Image Comics

Vor gut drei Jahren haben die beiden ihre Horrorserie gestartet, knapp 800 Seiten später erreichte die vielgelobte und mit Branchenpreisen ausgezeichnete Reihe ihr Finale. Jetzt ist der abschließende sechste Sammelband „Gideon Falls: Das Ende“ auf Deutsch erschienen.

Es beginnt damit, dass ein Mann namens Norton Sinclair sich wie besessen durch den Müll einer Großstadt wühlt und nach Relikten einer Verschwörung sucht, von der niemand außer ihm etwas weiß. Zur selben Zeit übernimmt ein gescheiterter Priester die Gemeinde in einem abgelegenen Dorf, in dem unheimliche Dinge passiert sind, und sieht sich schon bald mit einer Reihe von Ritualmorden konfrontiert, die nur der Auftakt einer Reihe noch viel blutigerer Ereignisse sind.

Nachdem in beiden Handlungsebenen eine mysteriöse schwarze Scheune und eine unheimlich grinsende Fratze auftauchen, die das Handeln beider Männer zunehmend zu prägen scheinen, kreuzen sich die Handlungsstränge und die Dinge geraten außer Kontrolle.

Für „Gideon Falls“ hat Vielschreiber Lemire, Jahrgang 1976, zwei Ideen für Geschichten miteinander verknüpft, die er in den 90er Jahren als Filmstudent hatte. Das Ergebnis ist ein komplexer Horrorplot mit lebensnahen Figuren und vielen überraschenden Wendungen. Solide, aber für sich genommen noch nicht einzigartig.

„Green Arrow“ machte den Zeichner international bekannt

Was „Gideon Falls“ zu einem spektakulären Comic macht, ist vor allem die visuelle Umsetzung durch Sorrentino. Der 1982 geborene Zeichner wurde vor knapp zehn Jahren durch seine Zusammenarbeit mit Lemire an der Superheldenserie „Green Arrow“ international bekannt, seitdem arbeiten die beiden immer wieder als Team zusammen.

Dem Bösen auf der Spur: Eine Seite aus dem sechsten Sammelband von „Gideon Falls“.Foto: Splitter

Sorrentinos Spezialität sind kaleidoskopartige Bildcollagen, in denen er fotorealistische Zeichnungen in dynamischen Layouts so auf den Seiten verteilt, dass die Panels über das Papier zu tanzen scheinen. Mit Präzision teilt er Handlungsabläufe in ihre visuellen Einzelteile auf und beschleunigt oder verlangsamt dadurch den Lesefluss entsprechend der Handlung.

Zudem gestaltet er seine Sprechblasen und Soundwords so, dass sie oft prägende Teile der Bildkomposition sind und schon durch ihre Form und Platzierung Teil der Erzählung werden.

[„Gideon Falls“ zählte im vergangenen Jahr auch zu den Lieblingscomics der Tagesspiegel-Leser:innen – hier gibt es ihre Favoritenliste.]

Eine weitere Szene aus dem sechsten Sammelband.Foto: Splitter

Für „Gideon Falls“ hat Sorrentino sein virtuoses handwerkliches Können weiter verfeinert und erweitert. Anders als bei seinen dem Mainstream-Look verhafteten Superheldenarbeiten erlaubt er sich hier zudem mehr künstlerische Freiheiten und ergänzt seinen realistischen Strich durch andere Zeichenstile, die unterschiedliche Handlungsebenen vermitteln, von surrealistisch und expressionistisch bis hin zu einem radikal reduzierten Skizzenstrich.

Lemire gibt seinem Partner dafür viel Freiraum, wie ein Auszug aus dem Drehbuch erahnen lässt, dass dem letzten Sammelband beigefügt ist und der zeigt, dass große Teile der herausragenden Optik von „Gideon Falls“ offenbar von Sorrentino in eigener Initiative geschaffen wurden.

Die Corona-Maske vorweggenommen

Als Autor verantwortet Lemire vor allem die lebensnahen Dialoge und die packende Handlung. Von der soll hier nicht zu viel verraten werden, außer dass sie eine Sogwirkung entfaltet, sobald man sich auf sie einlässt. Paranoide Phantasien treffen hier auf Parallelwelt-Portale, es gibt persönliche Dramen und philosophische Exkurse über Gott, die Welt und andere grundlegende Fragen.

Die Maske als Markenzeichen: Drei Coverbilder für „Gideon Falls“ von Jeff Lemire, Andrea Sorrentino und Gabriel Hernandez Walta.Fotos: Image Comics

Seine Figuren gestaltet Lemire, wie man es von ihm kennt, auch hier wieder so menschlich aus, dass man sich ihnen als Leser verbunden fühlen kann und ihnen auch bei noch so abrupten Plotwendungen die Treue hält. Denn „Gideon Falls“ ist verschachtelter als alles, was man bisher von Lemire kannte.

Dass der Comic zudem in diesen Pandemie-Zeiten bemerkenswert aktuell wirkt, liegt an einem Detail, das sich der Zeichner ausgedacht hat: Die Hauptfigur Norton Sinclair trägt die meiste Zeit über eine Mund-Nasen-Maske, wie sie durch Covid-19 inzwischen zum globalen Accessoire geworden ist. Geschaffen hat Sorrentino diesen Look allerdings bereits zwei Jahre vor Corona, da die Maske für ihn die paranoide Grundeinstellung der Hauptfigur gegenüber seiner Umwelt anschaulich vermittelt.

[Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne hat 2018 eine Ausstellung zu Jeff Lemires Werk für den Internationalen Comic-Salon erlangen kuratiert. Hier gibt es den Katalog als PDF zum Herunterladen.]

Dabei ist hier nicht jede Idee wirklich neu. Es gibt Anleihen an die Filme David Lynchs, die Comics Frank Millers, George Orwells „1984“ oder die Zeichnungen M.C Eschers. Manche Sequenzen erinnern an Body-Horror-Klassiker wie die Filme David Cronenbergs oder „Alien“. Bei anderen meint man, Science-Fiction-Comicpionier Moebius wiederzuerkennen.

George Orwell trifft Frank Miller: Eine Szene aus dem fünften Sammelband der Reihe.Foto: Splitter

Es gibt Steampunk-, Ritterwelten-, Zombie- und Wildwest-Zitate, etliche religiöse Narrative und Bibel-Referenzen ebenso wie visuelle Anleihen bei Batmans Gegenspieler, dem Joker, dessen Geschichte Lemire und Sorrentino zwischendurch im Band „Killer Smile“ um ein paar Facetten erweitert haben.

„Gideon Falls“ speist sich aus vielen Quellen und macht kein Geheimnis daraus. Allerdings belassen Lemire und Sorrentino es nicht bei Zitaten, sondern verknüpfen das alles zusammen mit ihren zahlreichen eigenen Ideen zu einem kohärenten, eigenständigen Comic-Kosmos.

Die nächsten Serien sind schon in Arbeit

Dass man bei dem sich strudelförmig beschleunigenden Plot als Leser nicht komplett den Überblick verliert, hat auch mit der Kolorierung zu tun. Die hat mit Dave Stewart ein vielfach ausgezeichneter Meister seines Faches verantwortet. Der hat nicht nur für jede Stimmung und jede Figur die passend abgestufte Palette parat, sondern hilft dem Leser beim Durchqueren der zunehmend miteinander verschränkten unterschiedlichen Ort- und Zeitebenen durch klar abgegrenzte Farbdesigns, den Handlungsfaden nicht aus dem Auge zu verlieren.

Das Titelbild des sechsten und letzten Bandes, der kürzlich auf Deutsch erschienen ist.Foto: Splitter

Der führt am Ende zu einem furiosen Finale, das zwar etwas abrupt daherkommt, aber dann zumindest einen Großteil aller zuvor aufgeworfenen Fragen beantwortet.

Wer mehr von dieser Sorte Comic möchte, bekommt in diesem Jahr reichlich Nachschub: Aktuell läuft bei Image Comics die Science-Fiction-Thriller-Serie „Primordial“, bei der Lemire und Sorrentino ganz ähnliche erzählerische und visuelle Kniffe verwenden wie in „Gideon Falls“.

Und für Sommer 2022 haben die beiden bereits ihre nächste Horror-Reihe angekündigt: „The Bone Orchard Mythos“. Noch ist offen, wie viele Parallelen diese zu „Gideon Falls“ aufweisen wird, zum Inhalt ist bislang nichts bekannt. Das Bild eines grinsende Totenschädels, mit dem die beiden für die neue Reihe werben, erinnert allerdings deutlich an die grinsende Verkörperung des Bösen in „Gideon Falls“ – möglicherweise nicht die einzige Ähnlichkeit der beiden Serien.

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