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Ehrengalerie des Niederländischen Fotomuseums: Die Geschichte eines Landes in 99 Bildern – Kultur

Skeptisch und tapfer schaut das kleine Mädchen mit den Korkenzieherlocken in die Kamera. Lodewijk Asser (1809-1894) hatte von seiner Tochter verlangt, eine Stunde lang unbeweglich vor dem Kasten auszuharren. So schuf der Fotopionier 1842 das erste Foto, das nun in die Ehrengalerie des Nederlands Fotomuseums aufgenommen wurde.

Diese Galerie ist die weltweit erste ihrer Art. Drei Kuratoren des Niederländischen Fotomuseums Rotterdam und des Rijksmuseums in Amsterdam sowie zwei Fotografen haben aus Tausenden von Fotos der beteiligten Sammlungen 99 ikonische Aufnahmen ausgewählt. In ihrer Bildergalerie spiegelt sich nicht nur die Geschichte der Fotografie, sondern die des ganzen Landes einschließlich seiner ehemaligen Kolonien. Beeindruckend ist das Foto des jungen wohlhabenden Paares Marie Louise de Hart und Johannes Ellis aus Paramaribo von 1846, der Hauptstadt der damaligen Kolonie Suriname, die im Norden an den Atlantik und im Süden an Brasilien grenzte. Maria war die freigekaufte Tochter einer Sklavin. Abgeschafft wurde die Sklaverei dort erst im Jahr 1863.

Der halbe Mond, erstaunlich scharf

Unter den ausgewählten Fotos finden sich auch frühe wissenschaftliche Aufnahmen. Die langen Belichtungszeiten kamen der Objektfotografie sehr entgegen. So hatte Pieter Jan Kaiser 1862 am Observatorium Leiden einen halben Mond fotografiert, eine erstaunlich scharfe Aufnahme. Eines der ersten Nachrichtenfotos zeigt den Aufstieg des Fesselballons „Königin Wilhelmina“ 1893 in Amsterdam. Ihr ganzes Potenzial entfaltete die Fotografie Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie entwickelte sich zum Massenmedium, auch dank einfacher Fotoapparate von Kodak. Teuer war sie trotzdem. Das Entwickeln eines Films der Fotobox ohne Sucher verschlang den Wochenlohn eines Arbeiters. Der Bankier Willem Frederik Piek hatte sich eine solche Kamera in den USA gekauft, sein Bruder fotografierte damit euphorisch hüpfende junge Männer an Bord eines Schiffes in Warnemünde. Kommerziell erfolgreich wurden damals fotografische Visitenkarten, in den Niederlanden mit dem Bild von Frauen in Trachten vor ländlichem Hintergrund.

Im Zickzack folgt der Besucher einem „blauen Faden“ auf dem Boden durch die Ausstellung. Technik, Motiv, Stil, historische Bedeutung waren die Kriterien, die die Jury bei der Auswahl leiteten. Bahnbrechend wirkte Paul Citroens Hochhaus-Collage „Metropolis“ von 1923. Sie hat Fritz Lang zu seinem gleichnamigen Science-Fiction-Film inspiriert. Zur Geschichte der Niederlande gehören Fotos von Plantagen in Suriname genauso wie des Freiheitskämpfers Anton de Kom, der dort gegen die Entrechtung der Einheimischen kämpfte.

Passfotos von Anne Frank

Unter den Bildern aus den 30er Jahren fallen die Namen deutscher Fotografen auf, die vor den Nazis in die Niederlande geflohen waren. In dramatischen Fotos vom Hungerwinter 1944 und einem Kontaktabzugsbogen mit Passfotos von Anne Frank verdichtet sich Zeitgeschichte. Doch der Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Indonesien wird überraschenderweise nur mit einem Bild dokumentiert. 1947 fotografiert Cas Oorthuys in Jakarta einen jungen Indonesier mit einer Blankolandkarte des Landes unter dem Arm, sozusagen auf dem Weg in die Unabhängigkeit.

Niederländische Fotoreporter wie Chas Gerretsen bereisten die Welt, berichteten aus Vietnam und Chile. Von Gerretsen stammt das berühmte Porträt von Augusto Pinochet mit Sonnenbrille, umgeben von Militärs (1973). Das Gesicht des Diktators wirkt wie versteinert, sein Mund ist der Strich unter einem Bärtchen, selbstbewusst kreuzt er die Arme vor seiner Brust. Diesem Mann traut man jede Brutalität zu.

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Um die Welt ging das Foto, auf dem Cor Jaring 1969 die ganz in Weiß gekleideten John Lennon und Yoko Ono bei ihrem „Bed-in“ in einem Amsterdamer Hotel festhielt. Sie demonstrierten für den Frieden. Migranten, Popkultur, Fußballfans bilden eine bunter werdende Gesellschaft ab. Mitte der 70er Jahre entdeckt sich die Fotografie selbst, Inszenierungen nehmen zu. Jacqueline Hassink fotografiert leere Tische von Frauen mit Macht, so etwa den Bankettsaal im Palast auf dem Dam, wo Königin Beatrix zu Ehren des norwegischen Königs ein Galadinner gab. Kein Mensch ist da zu sehen.

Kriegsfotograf in Hollywood

Der letzte Teil der Dauerausstellung widmet sich dem Internet, Selfie und Instagram, Bilder werden digital bearbeitet, verfremdet. Was ist noch wahr? Genial ist das digitale Leitsystem für Besucher. Jedes der 99 Bilder hat einen QR-Code, jeder Ausstellungsteil eine Zeitleiste und einige Basisinformationen. Mit der kostenlosen App stellt man sich so seine eigene Sammlung zusammen und findet dann detaillierte Angaben und Hintergründe zu dem Foto sowie ähnliche Aufnahmen. Das hundertste Foto sollen die Zuschauer selbst hinzufügen und so die Auswahl ergänzen, ein Stream auf einem Tisch zeigt ihre Bilder.

[Nederlands Fotomuseum, Rotterdam. Die Chas-Gerritsen-Ausstellung läuft bis zum 22. April. www.fotomuseum.nl]

Die erste Einzelausstellung ist dem Pinochet-Porträtisten Chas Gerretsen gewidmet. Von 1968 bis 1972 arbeitete er als Kriegsfotograf in Südvietnam, Laos, Kambodscha und Myanmar, bevor er 1973 nach Chile ging und Augenzeuge des Staatsstreichs gegen Salvador Allende wurde. Er hat Pinochet auch privat fotografiert. Wie weit darf man als Fotograf gehen? Wie nah darf man dran sein? Nach Chile ließ sich Gerretsen in Hollywood nieder und fotografierte Stars wie Dennis Hopper. Der spielte in „Apocalypse Now“ einen Kriegsfotografen, dem Gerretsen als Vorlage diente. Gerretsens großformatige Farbfotos vom „Apocalypse Now“-Filmset stehen im merkwürdigen Kontrast zu kleinformatigen Schwarzweißbildern aus Vietnam. Die Fiktion hat die Wirklichkeit eingeholt, und Gerretsen war mittendrin. Seit 1989 segelt er auf seinem Boot um die Welt und postet Fotos auf Twitter.

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