HomeKulturDouglas Stuarts Roman "Shuggie Bain": Das Glitzern im Dunkel - Kultur

Douglas Stuarts Roman “Shuggie Bain”: Das Glitzern im Dunkel – Kultur

Als Douglas Stuart vergangenes Jahr den Booker Prize für seinen Debütroman „Shuggie Bain“ verliehen bekam, sagte er, dass seine Mutter „in jeder Seite dieses Buches“ sei: „Ohne sie wären ich und das Buch nicht hier.“ Ihr ist es gewidmet, und in der Danksagung am Ende erwähnt Stuart, das Buch verdanke sich den Erinnerungen an sie und ihrem Kampf gegen die Sucht.

Nach einem Intro mit dem titelgebenden Shuggie, der eigentlich Hugh mit Vornamen heißt, ist in der danach einsetzenden Erzählung dessen Mutter Agnes Bain konsequenterweise die erste Figur, die ein eigenes Kapitel bekommt: „Neununddreißig und mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, von denen zwei schon fast erwachsen waren, in Mammys Wohnung eingepfercht, es war ein Gefühl, als wäre sie gescheitert. Er, ihr Mann (…) machte sie wütend mit seinen hingeworfenen Versprechen eines besseren Lebens.“

Das mit dem Scheitern steht hier etwas vage im Konjunktiv. Doch allem Anschein nach ist Agnes Bain schwerst gescheitert: in dem Alter mit der Familie bei den Eltern wohnen, zu siebt auf engstem Raum in der Sozialbauwohnung eines Glasgower Arbeiterviertels! Ohne Job und abhängig von Mann und Eltern.

Es ist das Jahr 1981. In Großbritannien führt Maggie Thatcher ihr strenges, neoliberales Regiment, Kohle- und Stahlindustrie sowie die Fischerei liegen am Boden, die Arbeitslosenzahlen steigen und die Menschen kämpfen mit Depressionen und Alkoholismus.

Stuart interessiert sich nicht für Soziologie

So auch Agnes. Erst recht, als sie von ihrem Mann Big Shug – er ist ihr zweiter Ehemann und hatte ihr tatsächlich das Blaue vom Himmel versprochen – verlassen wird und dieser sie mitsamt Kindern in eine Arbeitersiedlung am Rande von Glasgow richtiggehend verfrachtet, nach Pithead. Hier verfällt sie, trotz einjähriger Abstinenz und Treffen bei den Anonymen Alkoholikern komplett ihrer Sucht.

Nun fragt man sich bei dieser Exploration: Was ist eigentlich mit Shuggie Bain, dem mutmaßlichen Alter ego von Douglas Stuart? Der taucht in diesem Roman bald wieder auf. Er ist 1981 noch ein kleiner Junge, und Stuart hatte ihm ja das eingangs erwähnte, im Jahr 1992 angesiedelte Intro gewidmet, da Shuggie schon 16 Jahre alt ist und dem Schlimmsten entkommen zu sein scheint.

Er wohnt in einer miesen Absteige, immerhin allein in einem Erkerzimmer, arbeitet in einem Supermarkt, und muss sich den Zudringlichkeiten seiner homosexuellen Mitmieter erwehren. Er überlegt sich aber auch, ob er mit mehr Nachgiebigkeit nicht ein bisschen zusätzliches Geld verdienen könnte.

Stuarts Roman mit seiner Hauptfigur und dessen Mutter ist dreierlei: Alkoholikerinnenporträt, Coming-of-Age-Roman, in dem Shuggie seine Homosexualität entdeckt, und Mutter-Sohn-Beziehungsgeschichte.

Wie eine Königin auf dem Sozialamt

Doch nicht zuletzt ist „Shuggie Bain“ ein großformatiges Klassen- und Milieutableau. Dieses erinnert einerseits an die Zeitgenössische französische Literatur, an Bücher von Annie Ernaux, Nicolas Mathieu oder Édouard Louis, wobei Stuart aber viel weniger soziologisch vorgeht.

Andererseits, gerade bei den Schilderungen Glasgows, erinnert „Shuggie Bain“ an Romane von John Burnside, Irvine Welsh oder David Keanan – nur dass Stuart im Vergleich mit diesen die Tristesse-Schrauben noch ein paar Windungen mehr dreht. Pithead scheint mit seinen stillgelegten Zechen, den heruntergekommenen Vierfamilienhäusern, den verzweifelten Männern, Frauen und verwahrlosten Kindern ein Hort der Ausgestoßenen zu sein, das Ende der Welt. Die Szenerie ist eine grauschimmernde Klasse für sich.

Bemerkenswerter aber ist, dass dieser Roman viele glamouröse Momente bereit hält, sprachlich und inhaltlich. Denn Shuggies Mutter will nicht von ihren Träumen lassen und imaginiert sich bei allem Elend nur zu gern Glanz und Glitter. Stuart legt viel Wert auf die Beschreibung von Agnes Bains Outfit: Sie trägt schwarze Riemchenpunps, Pelzmantel, enge Röcke, tief ausgeschnittene Pullover.

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Wie eine „Königin“ bewegt sie sich auf dem Sozialamt, wo sie montags ihre Stütze holt, mit hochgestrecktem Kopf und sorgfältig aufgetragenem Make-Up. Und wenn sie nach einem schweren Besäufnis gar nicht mehr von der Straße hochkommt, liegt sie „glitzernd und flauschig am Boden wie ein abgelegtes Partykleid.“

Das wirkt manchmal etwas irritierend, wenn nicht gar unglaubwürdig, und verdankt sich womöglich der Vita von Stuart. Seit zwanzig Jahren lebt er in New York, wo er bis 2018 als Modedesigner für Ralph Lauren und Calvin Klein gearbeitet hat. Wahrhaftiger sind die Passagen, in denen spürbar wird, wie schwer es Shuggie Bain hat, wie dieser aus Fürsorge nicht von der Mutter loskommt – anders als seine Geschwister, die beide den Absprung schaffen: Christine sehr früh nach Südafrika, aber auch Leek, der zeichnende Bruder.

Doch stand Douglas Stuart explizit nicht der Sinn nach einer Abrechnung mit dem Milieu, aus dem er stammt, oder nach Klageliedern. Ihm ging es vor allem darum, seiner Mutter ein Denkmal zu setzen. Weshalb auch Shuggie bis zuletzt an ihrer Seite bleibt.

Die Übersetzung ist sehr gelungen

Stuart erzeugt mit seiner Art, keine seiner Figuren zu entblößen, bei allen Grausamkeiten, die sie mitunter begehen, eine große Nähe. Diese wird zusätzlich unterstützt von den vielen Perspektivwechseln und der jeweiligen personalen Erzählform. So bekommen Agnes’ Taxi fahrender Mann Big Shug oder Shuggies Geschwister eigene Passagen, manchmal ziemlich abrupt innerhalb eines Kapitels.

Doch warum nicht, selbst wenn das bisweilen von der Form her rumpelt und schlackert? Man fiebert jedenfalls mit und ist beispielsweise entsetzt, als Agnes in Pithead nach ihrer so erfolgreichen Abstinenz doch wieder mit dem Trinken beginnt, brutaler als zuvor.

„Shuggie Bain“ gewinnt stilistisch übrigens noch einmal durch Sophie Zeitz’ Übersetzung. Fremdelt man zunächst mit der wörtlichen Rede, mit einer obskuren Mischung aus Berlinerisch und Ruhrpott-Deutsch, die da plötzlich aufploppt, gewöhnt man sich daran in Folge. Zeitz hat für den vielen Dialekt und Straßenslang des Originals eine eigene Kunstsprache gefunden. Für die deutschen Dialoge gilt also: Sie sind schöner als das, was sie ausdrücken – so wie Douglas Stuarts gesamter Roman, der bei aller ihm zugrunde liegenden Kaputtheit wunderbar glitzert.

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