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„Der zerbrochne Krug“ am Deutschen Theater: Hippes Scherbengericht vor altem Meister – Kultur

Geradezu vergnügt sitzt der Dorfrichter Adam auf seinem Dienststühlchen im ländlich verschlafenen Huisum. Zwar hat er mehrere Platzwunden am Kopf und wirkt auch ansonsten denkbar derangiert. Angesichts seines Outfits würde jedenfalls niemand erwarten, dass dieser Mann gleich eine Gerichtsverhandlung leitet: Mit der verbeulten Jogginghose zum lachsfarbenen Unterhemd lässt der Jurist es wirklich extrem casual angehen.

Seinem stabilen Selbstverständnis tut die prekäre Optik freilich keinerlei Abbruch. Lässig, ja geradezu sympathisch-charmant – weil: mit überaus einnehmender Selbstironie – scherzt Ulrich Matthes, der den Dorfrichter spielt, mit dem Gerichtsschreiber Licht über seinen vermeintlichen häuslichen Unfall. Breitbeinig an der Rampe sitzend, malt er das Szenario aus, wie er gleich beim Aufstehen über die eigenen Füße gestolpert und gestürzt sei. „Der erste Adamsfall, den ihr aus einem Bett hinaus getan“, kommentiert Jeremy Mockridge als Schreiber das Geschehen in kollegialer Trockenheit.

Bestes Hinterzimmerrauschen also: Man kennt sich, man feixt, so ist das, so war das schon immer. Die Strukturen, in denen man lebt, arbeitet und richtet, fühlen sich so organisch an, dass man sie praktisch gar nicht wahrnimmt. Logisch, dass Adam auch Lichts Ankündigung nicht aus der Ruhe bringt, der Gerichtsrat Walter aus Utrecht habe sich zur Revision angesagt. Da kann man in der Nacht zuvor noch so offensichtlich aus dem Haus der Marthe Rull geflüchtet sein, nachdem man deren Tochter sexuell zu nötigen versucht hat. Höhere Instanz aus Utrecht hin oder her: Man bleibt ja unter sich.

So weit, so bekannt. Und dann tritt in Anne Lenks Kleist-Inszenierung „Der zerbrochne Krug“ am Deutschen Theater ebenjener Gerichtsrat Walter auf – und hebelt für den Bruchteil einer Sekunde tatsächlich das ganze System aus. Denn an der Rampe steht, sehr selbstverständlich, eine junge Frau mit einem hippen, leicht nerdigen Kurzhaarschnitt, der Adam und Co. bestenfalls Referendarinnenstatus zugestehen würden, und streicht sich, während sie mit der Huisumer Kollegenschaft die dienstlichen Details bespricht, gelegentlich über ihren Schwangerschaftsbauch unter der Latzhose.

Lorena Handschins Auftritt ist der zentrale Moment dieses Abends. Hier verdichten sich, in einem einzigen Bild, tatsächlich so gut wie alle Polarisierungsdebatten, Macht- und Deutungskämpfe unserer Tage. Und das auf Basis eines 1808 (durch Goethe) uraufgeführten Stückes! Feminismus versus Patriarchat; eine junge macht-, hierarchie- und generell sensible Berufseinsteiger-Generation mit Achtsamkeit für die Work-Life-Balance gegen die Boomer, die genau zu wissen glauben, wie’s geht, weil sie es schon seit Jahrzehnten so machen. Und last but not least: die kosmopolitischen Großstadthipster gegen das ländliche Milieu.

Das tradierte Koordinatensystem wird durchgerüttelt

Matthes und Mockridge spielen diesen Augenblick wirklich großartig – nämlich, sehr präzise, als minimalen Moment einer kompletten Code-Unsicherheit. Wie umgehen mit dieser Erscheinung, die das eigene Koordinatensystem – die angestammten Verweisungszusammenhänge zwischen Sozialstatus, Geschlecht, Professionalität, Öffentlichkeit und Privatheit – so heillos durcheinanderbringt? Man kann den beiden förmlich zusehen beim hektischen Abscannen ihres inneren Regelwerks der Sozialgrammatik, wobei sich der Dorfrichter, statusgemäß, als Erster fängt und die Richtung vorgibt. Er hat sich für den beherzten Griff zum Flirtiv-Code entschieden, der eigentlich eher im Register für private Kontexte abgelegt ist, aber – so offenkundig sein Gedankengang – in Kombination mit einer jovial ausgespielten Scheinunterwürfigkeit gegenüber der Vorgesetzten eigentlich gut funktionieren müsste.

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So bleibt es dann auch für den Rest des Abends. Schade, dass Lenk aus dieser so treffsicher anmoderierten Konstellation in den folgenden, pausenlosen neunzig Minuten vergleichsweise wenig macht. Da kommt ihr wohl, dann doch, das Alter des Stückes ein wenig in die Quere. Und auch der Wille zum klassischen „Lustspiel“ fordert seinen Tribut. Als solches hat Kleist seine Gerichtsshow, in der der Dorfrichter abendfüllend die eigens begangene Straftat zu vertuschen sucht, ja selbst kategorisiert.

Lenk forciert einerseits tatsächlich die große Komödie, wenn etwa Franziska Machens als Marthe Rull mit aufgepolstertem Hüftbereich (Kostüme: Sibylle Wallum) die Scherben des Kruges, den der unerkannte Adam auf seiner nächtlichen Flucht versehentlich umgestoßen hat, wortreich in einer Tupperdose präsentiert. Oder ausgiebig damit beschäftigt ist, an das gut gefüllte Weinglas zu gelangen, das die Gerichtsrätin notorisch stehenlässt.

(Nächste Vorstellungen am 26. und 31. Dezember sowie am 7., 11., 21. und 25. Januar)

Andererseits zielt die Regisseurin auf umfassende Systemkritik, indem sie den Krug als Raubkunst thematisiert und so den kolonialen Diskurs, der bei Kleist nur am Rande anklingt, mit dem patriarchalen verknüpft – und damit in den Vordergrund ihrer Inszenierung rückt. Darauf bezieht sich auch Judith Oswalds Bühnenbild. Das Ensemble sitzt abendfüllend auf einer Stuhlreihe vor einem überdimensionalen Stillleben des niederländischen Malers und Rembrandt-Zeitgenossen Jan Davidsz. de Heem mit exotischen Tieren und Früchten: Ein „im Goldenen Zeitalter der Niederlande“ entstandenes „Paradiesbild, das Schönheit und Unschuld ausstrahlt – was man aus heutiger Kenntnis und mit einem heutigen Blick jedoch hinterfragen muss“, wie Lenk im Programmheft erklärt.

So sind an diesem Abend einerseits starke Auftritte und konzeptionell aufgewertete Frauenrollen zu sehen – allen voran von Lisa Hrdina, die das von Adam eingeschüchterte Missbrauchsopfer Eve sehr klar und selbstbewusst spielt. Am Schluss soll denn auch in nächster Instanz dem Richter – so beschließt die Dorfgemeinschaft progressiver als bei Kleist – der Prozess gemacht werden. Andererseits steckt in diesem Abend aber auch viel durchaus traditionelle Stadttheater-Komödie.

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