HomeKulturDebütalbum „Haunted Houses“: Im Geisterhaus feucht durchwischen - Kultur

Debütalbum „Haunted Houses“: Im Geisterhaus feucht durchwischen – Kultur

Manchmal ergibt sich das mit der Musik im Leben ganz nebenbei. Nadja Carolina verstand sich jedenfalls nicht als Musikerin als sie 2015 anfing, ein paar Songs zu schreiben. Entsprechend verstaute sie ihre Entwürfe auch erstmal in der nächsten Schublade, wo sie allerdings nicht allzu lange blieben. Die Regisseurin und Filmemacherin hat privat und beruflich viel mit Musikern zu tun Also spielte sie ihre zurückhaltenden Singer-Songwriternummern irgendwann in einer lockeren Runde vor. Die Resonanz war positiv, es folgten einige Aufnahmen, die Idee eines Albums keimte, Mitmusiker wurden gefunden und nun haben wir es: Das Debütalbum „Haunted Houses“ der Band Carolina Lee.

Verwunschen geht es darauf zu, wie sich das für Geisterhäuser gehört. Es wird von bedrohlichen Spiegeln erzählt; Türen bewegen sich selbstständig; Menschen lösen sich auf; stumme Bäume beobachten einen. Nadja Carolinas Texte schaffen es, Seelenzustände direkt in Szenen und Bilder zu übersetzen. Was auch daran liegen könnte, dass die gebürtige Berlinerin sonst eher Filme macht. Oder aber daran, dass die titelgebenden Haunted Houses ein reales Vorbild haben. „Ich bin nach einer Scheidung aus Berlin weggegangen. Raus aufs Land“, sagt sie ihm Video-Gespräch. Nadja Carolina gehörte nie zu denen, die schon immer den Traum vom Leben auf dem Bauernhof hegten, wie sie erklärt. Der Ortswechsel entstand vielmehr aus dem Wunsch nach einem Neuanfang. „Und dann saß ich da erstmal in diesem Haus, das total vermüllt war, total heruntergekommen.“ Sie beschreibt, wie sie in der Verwahrlosung dieses eigentlich recht schönen Hofes im Wendland den Ballast der Vergangenheit spürte. Alte Geschichten, die die Aura des neuen Zuhauses beeinflussten.

[Carolina Lee: „Haunted Houses“ erscheint bei s/r.]

Man möchte hier eine unmittelbare Analogie erkennen: Das Wohnlichmachen des Hauses als Abarbeiten des eigenen Inneren, das Ordnen des offenbar durcheinander geratenen Geistes. Nadja Carolina findet, dass man das durchaus so interpretieren kann. „Meine Eltern sind aber auch beide Psychoanalytiker“, sagt sie und lacht. „Mir wurde schon früh beigebracht, dass man verschiedene Möglichkeiten hat, Erlebtes zu verarbeiten und dabei unterschiedliche Darstellungen nutzen kann.“ Das Haus, sagt sie, war definitiv der Anfang eines neuen Abschnitts in ihrem Leben. Die einzelnen Songs verbindet sie aber nicht nur mit dem Wendland, sondern auch mit anderen Orten. An manche von ihnen kehrt die 42-Jährige immer wieder zurück, andere sind für sie verloren gegangen.

„Blossoms“ ist eine der Nummern, die sich ganz einfach schreiben ließ, „da war sofort alles da“, erklärt Carolina. Es ist ein Song, der harmonisch und leichtfüßig klingt – oder aus Sicht der Musikerin: versöhnlich. Sie verarbeitet darin Gewalterfahrungen, die einige Jahre zurückliegen. Carolina beschreibt, wie sie letztendlich wieder ein bisschen Liebe, ein kleines Stück ihres Herzens hergeben kann, für das Gegenüber. Wie die meisten Nummern auf „Haunted Houses“ beginnt auch „Blossoms“ mit simplem Fingerpicking und bekommt dann nach und nach Struktur und Tiefe. Carolinas Band, bestehend aus Jule Schröder, Simon Grote und Lutz Oliver, ist maßgeblich daran beteiligt, dass die acht Songs auf „Haunted Houses“ mehr sind als überschaubare Folk- Stücke. Im Studio wurden sie gemeinsam ausgearbeitet, oder, wie Carolina es nennt „montiert“.

Ein verträumtes, zuweilen eigensinniges Debütalbum

„Wir haben alle sehr unterschiedliche musikalische Ausprägungen“, erklärt sie. Gitarre spielt etwa Simon Grote, der eigentlich ausgebildeter Jazz-Pianist ist, was man an den vielen jazzigen Momenten eindeutig hört. Grote setzt Akzente, die überraschen. Etwa auf „Litte Lines“, wo sich die E-Gitarre als Antagonistin des Gesangs positioniert und dadurch Spannung erzeugt. In dem Siebeneinhalbminüter „Forsaken In The Sky“ driftet das Quartett in verträumt-psychedelische Gefilde ab. Und Stücke wie „Down To My Uppers“ flirten heftig mit dem Alternative Folkrock der Neunziger, vor allem mit Mazzy Star und den Cowboy Junkies.

Aber „Haunted Houses“ ist keine Hommage an andere Musiker:innen. Es ist ein verträumtes, eigenständiges und zuweilen eigensinniges Debütalbum, dass trotz unterschiedlicher Texturen und Anleihen organisch wirkt – und zeitlos. Aufgenommen wurde in Max Brauns Studio Areal 51 in Stuttgart. Der Soundtechniker und Produzent trug Synthesizer- und Drummachine-Spuren bei. Er schafft mit seiner kühlen Elektronik hintergründige Kulissen und sorgt gleichzeitig für die angemessene Distanz. Etwa wenn Nadja Carolina zerbrechlich und fast schon zu intim ihre Sehnsüchte, Ängste und Zweifel offenlegt, wenn sie so vorsichtig singt, als wolle sie ein schlafendes Kind im Nebenzimmer nicht wecken.

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Genau dieses Wechselspiel von Intensität und Luftigkeit macht „Haunted Houses“ zu einem guten Album, das ganz wunderbar zu den grauen Berliner Monaten passt. Die Songs sind der perfekte Soundtrack für die Morgen, an denen man in einem zu kalten Schlafzimmer aufwacht und einem einfällt, dass man heute keine Termine hat, unter der Decke bleiben und sich gedankenverlorene Blicke in den Himmel erlauben darf – oder vielleicht vom Frühling träumt.

Der kommt ja auf jeden Fall, genau wie die Gewissheit, dass die Zeiten der Traurigkeit eines Tages durchgestanden sein werden. „Bei mir setzt Selbstironie ein, wenn ich mich irgendwann lange genug selbst bemitleidet habe“, gibt Nadja Carolina zu und lächelt. Irgendwann, bleibt zu hoffen, ist so ein Geisterhaus ja auch mal aufgeräumt.

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