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Darum will jede Stadt einen haben: Konzertsäle sind die Kathedralen des 21. Jahrhunderts – Kultur

Zum Beispiel das Auditorio de Tenerife: Seit 2003 ist der spektakuläre Bau des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava das Wahrzeichen von Santa Cruz im Norden der Kanareninsel. Sonne und Wolken spiegeln sich in seiner Außenhaut aus zerstoßenen, weißen Keramikfliesen, die verschiedenen Gebäudeteile erinnern den Betrachter wahlweise an Wellen, Segel oder auch an Tierformen. Das Konzerthaus wirkt wie eine Skulptur, scheint zu schweben, auf allen vier Seiten gibt es Terrassen mit direktem Meerblick. Und weil hier ewiger Frühling herrscht, war es sogar möglich, den großen Saal über frei liegende Treppenanlagen zu erschließen.

Im Innern wiederholt sich der Wow-Effekt. Denn der Zuschauerraum hat, anders als erwartet, eine steil aufragende Kuppel, die Deckenflächen sind zudem in expressionistischer Manier vielfach scharfzackig gefaltet. Kathedralenhaft scheint hier alles, der Architekt allerdings dachte mehr an den vulkanischen Ursprung der Kanaren und wollte den Besuchern das Gefühl vermitteln, sich in einem Kraterkegel zu befinden.

1600 Plätze bietet das Auditorio, die Insel verfügt über ein eigenes Orchester, das Programm ist ambitioniert, im Sinfonischen wie bei der Oper, es finden aber auch Kongresse hier statt, Pop, Jazz und Firmenpräsentationen. Besucht wird das Kulturzentrum vor allem von den Einwohnern Teneriffas, die Touristen bleiben meistens staunend draußen stehen und machen Fotos.

Womit aber eine wichtige Funktion des Prestigebaus schon erfüllt ist: nämlich den Ruf von Santa Cruz als innovative, aufstrebende Stadt in die Welt zu tragen. Wenn ein ikonischer Konzertsaal auch für Leute interessant erscheint, die sich gar nicht für Musik interessieren, kann er zur Landmarke werden – und damit zum weichen Wirtschaftsfaktor. Weil er die ganze Stadt auch für Fach- und Führungskräfte attraktiver macht, die örtliche Firmen anlocken wollen.

Konzerthäuser sind die Kathedralen des 21. Jahrhunderts. Vor rund 150 begannen Bahnhöfe, den Gotteshäusern ihre historische Funktion als Mittelpunkte des urbanen Lebens streitig zu machen, später kamen Kaufhäuser und Bankenpaläste hinzu. Im 20. Jahrhundert wurden dann Museumsbauten immer häufiger zu Blickfängern im Stadtbild – wenn nämlich selbstbewusste Architektenstars bei der Fassadengestaltung in einen ästhetischen Wettstreit traten mit der Kunst, die im Innern gezeigt wird.

Beim Bau gibt es fast immer Ärger

Augenfälligstes Beispiel dafür ist Frank Gehrys Museum im nordspanischen Bilbao. Das von außen irrwitzig anmutende Gebäude schaffte es, eine Stadt, die niemand auf dem Radar hatte, durch seine fotogene Optik zum touristischen Hotspot zu machen.

Auf den Bilbao-Effekt hoffen seitdem alle Stadtpolitiker, die Geld zusammenkratzen, um ebenfalls einen „signature architect“ anheuern zu können für ein möglichst instagrammables Prestigeprojekt. Seit der Jahrtausendwende haben dabei neue Konzerthäuser die Museen im Beliebtheitsranking überholt. Auch bei den Architekten selbst übrigens, die mittlerweile alle danach streben, ein Haus für Livekulturaufführungen in ihrem Portfolio vorweisen zu können.

Ärger gibt es zwar fast immer, weil die Kosten explodieren und sich die Eröffnungstermine immer wieder verschieben. Besonders spektakuläre Negativbeispiele sind hier die Hamburger Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron oder auch die Philharmonie de Paris von Jean Nouvel. Doch wenn in der neuen Halle dann erst einmal Musik erklingt, ist das ganze Schlamassel schnell vergessen. Weil der Glanz des Bauwerks auf die ganze Stadt abstrahlt.

Im Ruhrgebiet kam es zu einer regelrechten Saal-Rallye

In Europa begann der Klassik-Boom in den 1990er Jahren in Spanien und breitete sich dann in alle Richtungen aus. 2002 eröffnete in Rom Renzo Pianos Parco della Musica, in Porto 2005 Rem Koolhaas’ Casa da Musica. Ebenfalls seit 2005 prunkt Luxemburg mit einer von Christian de Portzamparc entworfenen Philharmonie, 2009 kam in Kopenhagen der Saal für den Dänischen Rundfunk von Jean Nouvel hinzu, in Helsinki eröffnete 2011 das Musiikkitalo. Zuletzt hat auch Polen mächtig aufgerüstet in Sachen Konzerthallen. Neue Säle entstanden in Kattowitz, Stettin, Lodz, Thorn, Krakau und Breslau.

Los Angeles leistete sich Frank Gehry für den Entwurf der Walt Disney Concert Hall, in China und auf der arabischen Halbinsel konnten andere Stars ihre Ideen zum Thema Livekultur verwirklichen, wie beispielsweise Zaha Hadid in Guangzhou und Dubai.

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In Deutschland gab es eine Saal-Rallye vor allem im Ruhrgebiet. Dortmund legte 2002 vor, daraufhin wollten Duisburg und Essen sich nicht lumpen lassen. Und sogar im chronisch klammen Bochum konnte 2016 ein Musikforum eröffnet werden, obwohl zunächst sogar eine Bürgerinitiative einen Volksentscheid dagegen angezettelt hatte.

Doch die Rechnung der Stadtverordneten, ihre Gemeinde durch einen Kulturbau nachhaltig aufzuwerten, muss nicht automatisch aufgehen. Das kann man auf Gran Canaria beobachten. Die Kanareninsel liegt in Dauerkonkurrenz mit Teneriffa. Umso stolzer war man in der Hauptstadt Las Palmas, schneller mit dem Bau einer Konzerthalle gewesen zu sein als der Nachbar. Schon 1997 konnte das Auditorium in Las Palmas eröffnet werden, benannt nach dem Tenor-Weltstar Alfredo Kraus, einem Sohn der Stadt.

Missglückt. Das Konzerthaus in Las Palmas auf Gran Canaria.Foto: Hanssen

Doch das Kulturzentrum, das der Architekt Oscar Tusquets an die Südspitze der Bucht von Las Canteras gesetzt hat, ist alles andere als ein Hingucker. Sondern nur ein klobiger Klassikklotz mit einem unproportional kleinen Glashütchen obendrauf. Ein Leuchtturm sollte das Haus nach Tusquets Vorstellung werden, nicht allein kulturell, sondern auch ganz konkret durch die Dachlaterne. Doch die Anmutung des Ensembles bleibt die einer mittelalterlichen Trutzburg, einer Festung, wie man sie am Meer errichtete, um Piraten und andere Feinde davon abzuhalten, hier an Land zu gehen.

Bei Calatravas Konzertsaal auf Teneriffa ist alles schwebende Leichtigkeit, faszinierend-verlockende Form, ein startbereiter fliegender Teppich. Dieses Haus empfängt seine Besucher mit offenen Armen. In Las Palmas dagegen fühlt sich der Gast wenig willkommen, das Gebäude scheint sich gegen seine Umgebung geradezu abzuschotten.

Das erhöht die Hemmschwelle, die Hochkultur für viele Menschen an sich schon hat. Wem es allerdings gelingt, sich dann doch Einlass zu verschaffen, der wird immerhin mit einem besonderen Ausblick belohnt: Vom Saal aus kann man, über die Bühne hinweg, während der Aufführung durch ein Panoramafenster auf den Atlantik schauen.

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