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“Blume von Hawaii” an der Komischen Oper: Barrie Koskys letzte Operettenpremiere – Kultur

Das war jetzt also der Anfang vom Ende. Zwar wird Barrie Kosky die Leitung der Komischen Oper erst im Sommer 2022 an Susanne Moser und Philip Bröking abgeben, am vierten Advent aber hat er jetzt mit „Die Blume von Hawaii“ seine letzte Operettenpremiere als Intendant des Hauses gefeiert. Zwanzig Werke der leichten Muse sind während seiner Amtszeit über die Bühne gegangen, vor allem Stücke aus der Zeit der Weimarer Republik.

Am nachhaltigsten wirkte dabei die Wiederentdeckung von Paul Abrahams „Ball im Savoy“: Ganz kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten war das Stück herausgekommen, in jenem Saal, in dem heute die Komische Oper spielt. Weil der Komponist Jude war, setzte die neue Staatsführung das Stück sofort ab, Abraham selber wurde ins Exil getrieben, floh erst in seine Heimat Ungarn, schließlich in die USA.

„Das Bild vom seelisch gebrochenen Paul Abraham, der 1946 geistesverwirrt mitten auf der Madison Avenue in New York steht und den Verkehr als sein imaginäres Berliner Orchester dirigiert, nach dem er sich sehnt, gehört für mich zu den furchtbarsten Bildern dieser Zeit“, sagt Barrie Kosky in der neuen Abraham-Biografie von Klaus Waller.

Kosky hat eine Renaissance begründet

Mit seinem Engagement für die Berliner Operette der 1920er Jahre ist Kosky seit 2021 tatsächlich eine Renaissance dieser Spielart des Genres gelungen. Sein Vorbild war dabei die „Alte Musik“-Bewegung. Weil sie unzufrieden mit der routinierten, verfälschenden Art waren, wie barocke Partituren präsentiert wurden, machten sich Pioniere wie Nikolaus Harnoncourt und René Jacobs ab den 1960er Jahren daran, die von ihnen geschätzten Partituren wieder so aufzuführen, wie sie ursprünglich erdacht waren.

Diese Prinzipien der „historischen Aufführungspraxis“ machte sich der Intendant der Komischen Oper zu eigen, schrubbte gemeinsam mit seinem Chefdramaturgen Ulrich Lenz die Staubschichten von den Operetten, ließ den originalen Sound der Partituren von den Arrangeuren Hennig Hagedorn und Matthias Grimminger rekonstruieren, holte als Dirigenten Musical-Fachleute wie Adam Benzwi und Kofen Schoots an sein Haus in der Behrenstraße.

Paillettenglitzernde Produktionen

Überschäumende Lebenslust und heiße Jazz-Rhythmen, freche Dialoge, schlagfertige Gags, Schlagertexte voller Wortspielereien, das kennzeichnet die Erfolgsstücke der Zeit – die sich allesamt auch als Plädoyers für Toleranz jenen gegenüber lesen lassen, die abseits der Normen leben (wollen). Hinreißend komische, paillettenglitzernde, selbstironische Produktionen waren da zu erleben, Dostals „Clivia“ mit den Geschwistern Pfister, „Die Perlen der Kleopatra“ von Oscar Straus, Dagmar Manzel und Max Hopp als virtuoses Duo in sämtlichen Rollen von „Eine Frau, die weiß, was sie will“.

Um das Publikum mit noch mehr vergessenen Preziosen bekanntmachen zu können, wurde die halbszenische „Weihnachtsoperette“ erfunden, bei der die Stücke jeweils in kompakter Form von einem Conférencier oder einer Moderatorin präsentiert wurden. Die ersten fünf Jahre lang ging es dabei um das Œuvre des Komponisten Emmerich Kalman – wobei man Skurriles wie die Cowboyoperette „Arizona Lady“ kennenlernen konnte –, die letzten fünf Jahre dann um seinen Konkurrenten Paul Abraham.

Das Libretto ist eine Fundgrube für verrückte Verszeilen

Am Sonntag, bei der „Blume von Hawaii“, Abrahams größtem Hit, führt Andreja Schneider durch den Abend, als Einspringerin für die erkrankte Katharina Thalbach. Die 1931 uraufgeführte Story um Prinzessin Laya, die melodramatisch zwischen zwei potenziellen Ehemännern schwankt, ist so abstrus konstruiert, dass sie eine Erzählerin mit Überblick gut gebrauchen kann. Das Libretto von Alfred Grünwald, Fritz Löhner-Beda und Emmerich Földes strotzt nur so von irrwitzigen Reimen: „Auf den Südseeinseln muss man nicht um Lieben winseln“ wird da gesungen, oder „Meine einzige Leidenschaft sind Seidenstrümpfe fein – doch in den Strümpfen muss auch etwas drinne sein“.

Und auch der Warencharakter der Liebe in Zeiten des entfesselten Kapitalismus wird anerkannt, wenn John Buffy seine angebetete Bessie Worthington mit einem „Diwanpüppchen“ vergleicht: „Es hat so hübsche weiße Zähne und im Aug’ die falsche Träne und im Herzen Sägespäne – so wie du!“

Beim Lied „Bin nur ein Jonny“ aber musste Barrie Kosky eingreifen: Das war als Parodie auf den damals weltbekannten Jazzsänger Al Jolson gedacht, der stets mit schwarz geschminktem Gesicht auftrat. Nicht allein das N-Wort wurde aus dem Text gestrichen, der Intendant deutete die Nummer gleich komplett um, stellt nun einen Bezug zu den jüdischen Flüchtlingen her, wenn er Joker Jim singen lässt: „Mamme, wann werd’ ich wieder dich seh’n?“

Alma Sadé glänzt als Soubrettendiva in der Rolle der Laya, Tansel Akzeybek umwirbt sie als hawaiianischer Prinz Lilo-Taro mit lyrischem Tenorschmelz, sein Konkurrent Johannes Dunz, der den Kapitän Reginald Stone verkörpert, setzt dagegen eher auf heldische Töne. Mirka Wagner und Julian Habermann necken sich als komisches Paar, Musicalprofi Jörn-Felix Alt beeindruckt mit eleganten Tanzeinlagen.

Stilistisch hochkompetent: das Orchester der Komischen Oper

Dass ihn die Leiterin des Kostümwesens, Katrin Kath-Bösel, dabei einen Smoking tragen lässt, weist ihn eindeutig als Amerikaner aus. Nur die wählten nämlich damals – shocking für die konservative High Society! – als Abendgarderobe keinen Frack.

Höchste Fachkompetenz in Stilfragen hat sich auch das Orchester der Komischen Oper während der Ära Kosky erarbeitet. Und vermag unter der Leitung von Koen Schoots die ganze Vielfalt von Abrahams Musiksprache wunderbar schillern zu lassen, vom lässigen Swing bis zum sinnlichen Gleiten durch die Harmonien in den sentimentalen Nummern.

Schön war sie, die große Operettenreise durch die Weimarer Republik mit Barrie Kosky als leidenschaftlich kenntnisreichen Fremdenführer. Die besten Stücke der Zeit, sagt er am Sonntag bei seiner Rede nach dem Schlussapplaus, hat das Berliner Publikum jetzt wiederentdecken können. Keine leichte Aufgabe für die neue Intendanz, da eine adäquate neue Programmlinie in Sachen Unterhaltung zu entwickeln.

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